Adrian Schauer „Die goldenen Jahre“

Preis der Literaturwoche Sommer 2013

Die Stadt atmete aus. Wind wehte zwischen die bunten Kronen und nahm mit,was keinen festen Halt mehr hatte. Auf den Schultern des Vaters sitzend, wie der letzte Schnee auf dem Gipfel eines Berges, hielt ich Abstand zum Herbst und wagte es nicht, nach dessen unberührten Kastanien über mir zu greifen.Wenn ich nach ihnen gegriffen hätte, nach diesen makellosen Kastanien, deren stachliges, scheinbar immergrünes Äußere noch nie das schmale Fleckchen urbanen Bodens getroffen hatte, aus dem sie ursprünglich hervorgekommen waren, wenn meine Fingerspitzen, im Auf und Ab des schnellen Ganges meines Vaters soweit gereicht hätten, dass sie Halt gefunden hätten um die Kastanien und wenn der Wind dabei weiter geweht hätte, in Böen und meinen Diebstahl zischend verfolgend, er hätte mich, den unachtsamen Tor, von meines Vaters Schultern gerissen, dann hätte ich wie am Galgenbaum gehangen. Da ich aber klug war, zumindest klüger als die meisten Rosskastanienminiermotten, die sich was auf ihren klingenden Namen einbildeten, meinten, sie hätten gegen den stürmischen Herbstwind ankommen können, wagte ich mich nicht an die Kronen der Kastanienbäume, an die Kronen des Herbstes.Die fremden Beine, die mich durch die halbleeren Straßen der Stadt führten und trugen, bogen plötzlich in eine Seitenstraße ein, der Gang beschleunigte sich und ich hielt mich am Schädel meines Vaters fest, legte meine Hände auf seine dünnen, glatten Haare. „Was ist?“, ich krümmte meinen Rücken, versuchte, mit meinem Mund möglichst nahe an sein Ohr zu kommen ohne runterzufallen,wiederholte meine Frage. „Ach nichts, mir ist nur eine schöne Idee in den Sinn gekommen, etwas Nettes.“, tönte es hervor zwischen meinen Beinen und zeitgleich hielten seine eigenen vor einem Drogeriegeschäft. Ich wurde gepackt und sorgsam hingestellt wie ein Zinnsoldat mit fehlendem Fuße, bedauerlicherweise verkleinerte sich jedoch mit der Höhe auch meine Sicht, sodass mein kindlicher Horizont wieder zum verhassten, aber gewohnten Ursprung zurückschrumpfte. Hier unten, auf Hüfthöhe der Passanten, war der Straßendreck greifbar geworden. Wie zum Trost bückte sich mein Vater zu mir herunter und von Angesicht zu Angesicht, denn nur so sollten Versprechen gemacht werden, sprach er „Ich komme gleich wieder.“ und ging. Auf offener Straße stehend blieb mir nun nichts weiter übrig, als mich in Geduld zu üben und während sich die seltsamsten Stadtmenschen durch meine schmale Seitenstraße schlängelten, die mit gehetzten Blicken nur nach vorne schauten, noch im anschwellenden Abendrot schwitzten und schoben, stießen und stampften, wurde es mir zu eng um den Hals, es war dem Kind zu viel des Fremden, weshalb ich mich auf eine Bank setzen musste, in eine Art Totenstarre verfi el. Endlich, es mochten ganze Minuten gewesen sein, kam mein Vater wieder aus dem Drogeriegeschäft und indem er sich die Einkaufstüte unter den Arm klemmte und mit dem anderen mir schweigend bedeutete, er nähme mich bei der Hand, nahm ich ihn beim ungesagten Wort und so gingen wir zusammen die Straßen entlang in Richtung Bahnhof. Nach dem frisch erworbenen Grund für seinen Umweg über die Drogerie fragte ich nicht, er war noch nie sehr redselig gewesen, ihm war das lose Gesprochene zu fl üchtig und liebte stattdessen das Schreiben handfester Briefe. So kamen wir an einem Floristikgeschäft vorbei und kurzerhand hielt er erneut an, uns erneut auf und mich erneut davon ab, ihn begleiten zu dürfen,doch wieder sagte ich nichts. Mit den Füßen scharrte ich stattdessen über den gepfl asterten Boden und kleine, bunte Laubhaufen entstanden, indem ich mich zum hinkenden Besen machte. So vergingen ein, zwei Minuten und eine Frau trat aus dem Laden und auf die Straße, in den Händen ein schlichter Grabschmuck und ich erkannte auf den ersten Blick, dass es sich wohl bei ihr um eine Herbstfrau handeln musste. Sie lächelte mich an und ging. Die Ladentür öffnete sich wieder, der Vater kam mit einem wahren Potpourri aus den unterschiedlichsten Pfl anzen, darunter rote Rosen, Enzian, Eibe, Veilchen, Wegwarte Brunnenkresse, Iris, Anemone, Petersilie, Jasmin und Märzenbecher und schließlich konnte ich nicht anders, als mich über die Blumen zu wundern und ihn darauf anzusprechen. Er antwortete in sich hinein lächelnd: „Weil Blumen mehr sagen als tausend Worte…“. Ich zählte deshalb die Blumen und kam zu dem Schluss, mein Vater habe mehr als zwölf-mal-tausend Wörter zu sagen und staunte. Schlussendlich liefen wir weiter zum Bahnhof und in der Bahn erzählte ich ihm von der Herbstfrau, die vor ihm aus dem Blumenladen getreten war und als ich ihm erklärte, was eine Herbstfrau denn überhaupt sei,denn das musste ich bei meinem Vater, der die Dinge nunmal anders sah als ich, begann er, so laut zu lachen, dass es durch den Zugwaggon schallte und man sich zu uns umdrehte, doch dieses Mal störte es meinen Vater herzlich wenig,
was die anderen Passagiere denken mochten und er lachte die Zugfahrt durch und in die kühle Nacht hinein, bis zur Haustür.

Adrian Schauer, 17 Jahre