Amelie Schmid „Lampedusa“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2014

Jeder steht dicht an dicht, ich weiß nicht, wie viele wir sind, jedenfalls mehr als morgens am Brunnen in meinem Dorf, und ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist. Es ist nur ein kleiner Bruchteil aller Menschen auf der Welt, aber mehr, als ich ertragen kann. Dad betet schon die ganze Zeit. »Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.« Der Vater, das ist er, der Sohn, das bin ich, und der Heilige Geist ist zu Hause geblieben, hat das Geld nicht bezahlen können. Für ihn wird keine Ausnahme gemacht. Es riecht nach Salz, einerseits der salzige Wind und das Meer, andererseits der Schweiß der Leute um mich herum, die so eng beieinander stehen, dass sie fast zusammenschmelzen. Ein paar reden durcheinander, machen in fremden Dialekten, manche auch in meiner Sprache, aber ich kann mich nicht darauf konzentrieren, was gesagt wird. Das Wasser glitzert ein wenig, und ich überlege ob man es nicht in kleine Flaschen füllen könnte und als Schmuck verkauft, an die Leute in Europa – Europa, was so ähnlich klingt wie Himmel oder Paradies, na ja, zumindest besser als Zuhause, dort wo nicht mehr mein Zuhause ist. Dieses Boot ist meine erste Stufe in eine neue Welt,ein Aufstieg in eine neue Geschichte. Ich sehe nur den Rücken von meinem Vordermann und darüber einen dünnen Streifen – das Meer – wie eine Verheißung. »Heilige Maria Mutter Gottes«, sagt Dad. Ob ich auch beten sollte? Wie war das nochmal, »gebändigt sei die Frucht.« Was für eine Frucht überhaupt? Mir läuft es im Mund zusammen, aber ich weiß, heute gibt es nichts mehr. Es schaukelt leicht hin und her, es weckt ein Gefühl in mir, eine Erinnerung, die schon längst erloschen sein sollte. Muss ich jetzt traurig sein? Eigentlich ist mir eher langweilig. Europa … Wann erscheint es endlich am Horizont? »Dein Reich komme«, das Reich, das kommt, ist hoffentlich gut, und das Boot schaukelt hin und her und die Menschen darauf auch, und sie sind so klein auf diesem großen Meer, und ich bin fast der Kleinste von ihnen. »In Ewigkeit Amen.« Ewigkeit, was ist das? Und fahren wir schon so lange oder länger? Es kommt mir so vor, als kämen wir nicht voran. Ich wende meinen Kopf zum Himmel und suche angestrengt nach Engeln. Alles, was ich entdecken kann, ist ein Flugzeug. Der Heilige Geist ist Zuhause geblieben. Ich habe das Gefühl, ich bin zu klein, sodass er mich nicht sehen kann.

Amelie Schmid, 14 Jahre