Anile Tmava „Meine Geschichte“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2012

Es könnte halb zwei sein. Ich warte auf sie. Ich weiß, ich werde es nicht schaffen, wach zu blieben, bis sie kommt. Irgendwann schlafe ich ein.
Ich wache am Morgen auf, das Licht im Flur ist an. Sie ist anscheinend doch noch gekommen.
Allein.
Meistens wacht sie am Nachmittag auf und geht dann wieder. Meine ältere Schwester ist vor zwei Jahren ausgezogen. Sie hat mal zu meiner kleinen Schwester und mir gesagt: Mama funktioniert nur nachts. Tagsüber ist sie wie eine Maschine, die kein Benzin mehr hat.

Die Tafel ist grün, die Kreide weiß. Ich starre die Tafel an.
Unten auf dem Hof kommt eine Frau durch das Schultor. Sie läuft nicht geradeaus, sie läuft Schlangenlinien über den rechteckig gepflasterten Hof in Richtung Eingang.
Ich kenne sie.
Die Tafel ist grün, die Uhr tickt, die Kreide ist weiß, die Frau zerrt die Tür auf und stolpert in die Schule.
Ein paar Arme schnellen hoch, sie versperren mir die Sicht auf die Tafel.
Sie ist bestimmt schon im Treppenhaus. Ich höre die Tür aus dem Flur knarren und die Uhr. Sie fängt an zu grölen.
Ich höre Türen aufgehen, ich höre Kinder. Meine Klasse strömt zur Tür, ich mit. Ich drängle mich an den anderen vorbei auf den Flur, sie kommt auf uns zu, ihr Gang ist unsicher, sie hat Ringe unter ihren glasigen Augen und schreit. Ich kann nicht sagen, was sie schreit.
Meine kleine Schwester kommt von hinten angerannt und klammert sich an meinen Arm und ruft, sodass alle mithören können: Guck mal, das ist ja Mama!
Ich spüre alle Blicke auf uns gerichtet und sage zu ihr: Nein, das ist nicht unsere Mutter! – und hoffe, dass das auch alle gehört haben.

Anile Tmava, 12 Jahre