Ann Franzine Loof „Es wird Winter“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2011

Altersgruppe 16 – 19 Jahre

„Es wird Winter“, sagt Gregor, er steht am Fenster und sieht nach draußen.
Die Mutter sitzt am Tisch, sie beobachtet Gregor, sie nickt.
Auf dem Sims liegt ein dicker Teppich aus Staub, darunter kann man kaum noch das Holz erkennen.
„Gibt es zu Weihnachten dieses Jahr Gans“, will Gregor wissen, er dreht sich um und schaut die Mutter an, sie lächelt.
„Gans doch nicht. Gans ist fettig, weißt du das denn nicht.“
Gregor schleift die Füße über den Boden, als er aus der Küche geht.
Hinter sich hört er die Schranktüren knallen.
Gregor harkt Laub. Als er noch kleiner war, ist er in die Haufen hineingesprungen, aber dafür ist er längst zu alt. Er ist nun der Mann im Haus, sagt die Mutter, und noch einen braucht sie auch gar nicht, deswegen hat Gregor auch keinen Vater.
Er kann aber hören, wenn die Mutter ausgeht und einen Mann mitbringt. Er kann sie im Flur flüstern hören, manchmal sagt sie: Sei leise, der Gregor schläft schon.
Gregor sieht die großen Laubhaufen, er zieht die Handschuhe an und füllt das Laub in Müllsäcke, die muss man wegfahren, zum Verrotten wegfahren.
An den Handschuhen klebt schwarzer Dreck, als er fertig ist. Er zieht sie aus, wäscht sie im Regenbottich und hängt sie über die Schaukel. Später muss er daran denken, sie mit nach drinnen zu nehmen und auf die Heizung zu legen.
In seinen Fingern prickelt es, sie sind rot vor Kälte und jucken.
Es riecht nach Schnee, vielleicht gibt es weiße Weihnachten.
„Gregor, geh doch nach draußen und mach etwas im Garten“, hatte die Mutter gesagt.
Sie wollte ihn nicht drinnen haben, sie wollte ihre Ruhe.
Er kann es verstehen, er hat die Schranktüren knallen hören und das Besteck, das auf den Tellern kratzte.
Nachts dreht Gregor sich im Bett herum. Die Dunkelheit drückt ihm auf die Brust und macht ihn nervös, sodass er nicht schlafen kann. Das Haus hat morsche Wände aus Holz und oft knarrt es, dann sitzt Gregor gerade und sein Herz schlägt ihm bis in den Hals.
Schnaufend lässt er sich ins Kissen fallen und massiert seine Schläfen, die Schatten in den Ecken seines Zimmers lässt er dabei nicht aus den Augen. Er findet sich selbst lächerlich.
Als jemand an seiner Tür vorbeigeht, presst Gregor die Kiefer aufeinander und regt sich nicht. Die Schritte sind schwer, sie trotten die Treppe hinunter. Es kann nur die Mutter sein, wahrscheinlich geht sie in die Küche.
Gregor wickelt sich enger in seine Decke ein.
Das Kissen presst er sich auf den Kopf, er presst es auf die Ohren und doch hört er sie schlucken, hört sie husten und seufzen. Dann ist alles still, er kennt das schon.
Eine Weile lang liegt er regungslos da und konzentriert sich auf das Gluckern in seinem Bauch, auf seine Atemzüge und beginnt, Minuten zu zählen.
Er hat die Spülung gehen hören, das war vor genau zweiundzwanzig Minuten. Die Treppe ist die Mutter dann nicht heraufgekommen und Gregor kommt nicht zur Ruhe. Das ist neu, sonst kommt die Mutter immer und wirft einen Blick in sein Zimmer um zu sehen, ob er auch wirklich schläft, dann geht sie zurück in ihr Bett, manchmal weint sie auch.
Nur heute nicht. Gregor lauscht, aber er kann keinen einzigen Laut ausmachen.
Er wirft die Decke zurück und schleicht sich auf nackten Füßen aus dem Zimmer.
Der Flur und die Treppe sind dunkel. Er beugt sich über das Geländer, auch unten ist erst nichts zu sehen, doch dann erkennt er einen schmalen Streifen Licht, der unter der Tür zum Badezimmer hervordringt.
Langsam steigt er Stufe für Stufe ins Erdgeschoss, dann geht er auf den Zehenspitzen, bis er ganz nahe vor der Tür steht. Er hält ein Ohr gegen das Holz, doch dahinter ist nichts zu hören.
Er legt eine Hand auf die Klinke und zögert erst, dann drückt er sie doch herunter und schaut ins Bad hinein.
Die Mutter liegt nackt auf dem Boden und regt sich nicht.
Gregors Herz setzt für eine Sekunde aus, er denkt, sie sei tot, aber dann sieht er, wie sich ihre Brüste heben und senken. Sie atmet.
Er kniet sich neben sie auf den Boden und schaut in ihr Gesicht.
Darin sind plötzlich einige Adern zu sehen, die sich von den Lidern aus über die Wangen ziehen, sie bilden ein wirres Muster.
Er packt die Mutter an den Schultern und rüttelt daran, bis sie hustet und blinzelt.
Als sie die Augen aufschlägt, zuckt Gregor erschrocken zusammen. Sie sind fast ganz und gar rot, in der weißen Iris sind lauter kleine Äderchen geplatzt. Auf ihrer Stirn steht der Schweiß.
„Du bist ohnmächtig geworden“, sagt Gregor der Mutter mit belegter Stimme. Sie richtet benommen den Oberkörper auf und Gregor wendet den Blick ab, der nackte Körper der Mutter ist hässlich.
Man könnte die Rippen zählen und die Haut ist überall weißblau. Die Adern schimmern durch. Sie wirkt so zerbrechlich, so will Gregor die Mutter nicht sehen.
Sie sagt nichts. Sie kümmert sich nicht um ihre Nacktheit oder um Gregor, sie steht einfach langsam auf und geht wankend aus dem Bad heraus. Gregor bleibt kniend auf dem Boden sitzen, bis er hört, wie sie ihre Schlafzimmertür hinter sich schließt, dann schaltet er das Licht aus und gehr zurück in sein eigenes Zimmer. Er legt sich wieder in sein Bett und drückt die Daumen auf die Augen, bis lila Punkte entstehen, bis er nichts mehr sehen kann als diese Punkte.
Sie legen sich vor das Bild der Mutter, vor ihre Hässlichkeit.
Gregor sitzt am Frühstückstisch und schaut auf sein Brot. Er ist müde.
Die Mutter kommt gut gelaunt zu ihm in die Küche und streicht ihm über das Haar.
„Hast du gut geschlafen“, fragt sie ihn, er sagt nichts.
Sie öffnet das Fenster und atmet die kühle Luft ein und aus. Vor ihrem Mund bildet sich Nebel.
„Du hast Recht, Gregor“, sagt die Mutter. „Es wird Winter.“
Er lässt das Brot liegen und stellt sich zu ihr. Sie atmen zusammen Nebel aus.
„Gibt es zu Weihnachten Gans dieses Jahr“, will Gregor wissen.
Die Mutter lächelt. „Gans doch nicht, Gregor.“
„Die ist fettig, ich weiß“, antwortet er und schließt das Fenster.

Ann Franzine Loof, 17 Jahre, Zeuthen