Anna Behrend „Santo Valito“

Themenpreis der Literaturwoche Sommer 2009

Thema: „Nachbarn“

Die Häuser hier wirken alle recht finster. Sie sind verlassen, Ruinen, da sind Wände eingestürzt und Dächer und Schieferplatten liegen über und über in langen Wällen auf der Straße. Die Post kommt hier nicht hoch. Die Leute sind wunderlich hier in den Bergen, sie hassen einander grundsätzlich.
Vier von den Nachbarn sind alt. Es gibt einen Sohn und einen Sohn mit Freundin. Der Sohn ist als Kind vom Pferd gefallen, so wurde er geistig nie älter als 10. Er hat sich den Schädel zertrümmert.
Ich sehe den Sohn auf der Straße. Seine Schultern krümmen sich wie Klauen nach vorn, er läuft gebückt, er sieht mich nicht an, als ich ihn grüße. Ich grüße ihn noch einmal. Er sieht mich an, er sagt „Hallo“, er scheint nicht zu wissen, warum er das tut.
Die Farben hier oben sind klar, wie die Luft, das Grau ist nicht dreckig und mein weißes Haus wirkt sehr weiß, obwohl es dreckig ist.
Die Nachbarn quälen ihre Tiere. Sie schlagen die Hunde und hungern sie aus, sie hassen die eigenen Schafe. Die verrecken, drei bis fünf Tage, wenn ein Fuß lahmt und sie, geschwächt, auf einer Wiese zusammenbrechen.
Die Nachbarn sind lange wach. Wir sind die einzigen in diesem Dorf, wenn wir schlafen, schlafen hier alle. Ich sehe ihre Lampe durch die Bäume, bei Wind scheint sie manchmal scharf auf mich gerichtet. Sie warten, bis ich nicht mehr wach bin.
Ich habe den Sohn gegrüßt. Er schien nicht zu verstehen, warum das geschah, ich gehe den Weg mit kräftigen Schritten, denn es geht bergauf zu ihrem Haus. Ich höre die Hunde bellen, sie jaulen. Es stinkt, ich bilde es mir wohl ein, die Tür ist blau, wie mein Balkon. Sie steht offen, ich klopfe, ich trete ein, von hinten reißt mich jemand herum, sie hatte mich an der Schulter gepackt. Die Frau stiert mich an und beginnt zu blöken. Ich frage sie, ob ich etwas helfen könne. Sie blökt, sie bellt, ich lehne mich mit dem Rücken nach hinten gegen die Wand. Über ihre Schulter hinweg sehe ich den Sohn mit Freundin. Die Frau blökt und er scheint das zu mögen, er zieht sich die Handschuhe aus. Ich frage sie, was sie störe. Die Frau blökt und er scheint das zu mögen, er schreit einen Hund an, er scheint das zu mögen, ich trete an der Frau vorbei. Ich frage ihn, wie es ihm gehe. Der Sohn mit Freundin sagt nichts.
Dann faucht er mich an, er versteht mich nicht. Ich lächle, kaum, ich sage, ich würde ihm gern etwas helfen.
Später habe ich wohl die Schubkarre genommen, ich habe sie zum Schuppen gefahren. Jetzt kommen zwei Alte hinzu. Der Mann hatte sicher noch geschlafen, er war ja abends so lange wach. Sein Hemd ist fleckig, ich frage sie, ob ich etwas mitbringen solle, beim nächsten Einkauf.
Ich will die Holzspaten sehr behutsam im Schuppen stapeln, der Sohn mit Freundin versucht, sie mir zu entreißen. Die Alten schlagen mir auf den Rücken. Der Sohn mit Freundin hat die Schubkarre wieder hinausgeschoben, ich rücke noch ein Holzstück zurecht, ich gehe hinaus, die hinter mir rufen. Ich greife nach der Karre, ich sehe den anderen Sohn, er sieht mich an, ich grüße. Die Frau kommt mit einem Topf aus dem Haus, sie trampelt, sie schlägt mir den Topf auf den Schädel. Ich schiebe die Karre zum Schuppen, der Sohn mit Freundin wirft sie um, ich sammle das Holz vom Boden. Ich will in den Schuppen, der Sohn mit Freundin schlägt mir mit der Faust ins Gesicht. Mir fällt das Holz auf die Erde. Er und die Alten schauen mich an, die Frau blökt weniger heftig, ich sage, ich würde gern etwas helfen. Der Sohn packt mich von hinten und wirft mich zu Boden. Ich sehe ihn an, ich grüße. Der dritte Alte kommt aus dem Haus, er trägt eine Sichel. Ich stehe auf, ich gehe vorbei an den Hunden. Der Alte läuft mir hinterher, er begleitet mich bis zur Straße, er hackt in das Gras als ich gehe.
Mein Haus ist weiß, ich habe keinen Hund, die Nachbarn sind wach bis ich schlafe. Ich bin bergauf gegangen. Ich grüße den Sohn und er sieht mich nicht an, vielleicht fühlt er sich wohler allein.

Anna Behrend, 18 Jahre, Berlin