Anna Behrend „Warten“

„Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2009

Altersgruppe 16 – 19 Jahre

Durch Scheiben kann man nicht hindurchfassen. Das weiß die Scheue. Ihre Fingerkuppen liegen nun schon eine Weile am Fenster. Die Sonne ist höher gestiegen. Der Himmel ist blau, es könnte Sommer sein.
Die Scheue atmet ruhig. Sie will sich nicht in Hektik bringen. Es hat ja alles seine Zeit. Es eilt ja nichts.
Sie kann ihre Hand nicht vom Fenster lösen. Sie hat es schon versucht. Ihre Finger haben fast gezuckt, doch nicht einmal die Scheibe entlangfahren konnte sie. Es bleiben feste fünf Punkte, an denen sich Scheibe und Finger treffen. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht. Einfach angefasst hatte sie. Und nun sitzt sie da, auf dem Sofa, halb verdreht, eine Hand erhoben, die andere im Schoß, und wird aufgeregt.
Sie stellt sich vor, das Fenster zu öffnen, kurz zu riechen, wie es draußen riecht, dann die Luft kräftig durch die Nase einzusaugen um sie durch den Mund wieder rauszupusten.
Sie bekommt Gänsehaut.
Nach unten könnte man schauen. Vielleicht jemanden grüßen. Auch jemanden, den man gar nicht kannte. – Guten Morgen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Ja, ich gucke hier nur so aus dem Fenster. Na, dann auf Wiedersehen, Herr …? –
Die Scheue lächelt.
Man könnte noch – Sie haben einen sehr schönen Hut! – hinterherrufen und sich dann ducken oder noch einmal winken.
Sie rutscht mit dem Po auf dem Sofa hin und her.
Man könnte auch rausgehen. Bis zur Ecke. Man könnte zum Bäcker gehen und sich etwas kaufen. Man könnte hineinbeißen und sagen – Ihr Brot – oder Kuchen oder etwas anderes – Ihr Brot schmeckt aber scheiße! – oder – hmm, das haben Sie ja besonders gut gemacht. Da komme ich jetzt wohl öfter. –
Man könnte dem Hut hinterherrennen und ihn auf einen Kaffee oder einen Spaziergang oder etwas sehr gut Gemachtes vom Bäcker einladen. Und der Hut, der könnte sich freuen oder etwas ganz anderes machen.
Sie zieht schnell die Hand vom Fenster. Sie atmet ruhig, schiebt ihre Füße zwischen die Sitzkissen und ihre Hände unter den Po. Auf dem Fensterbrett steht eine Geranie. Die Sonne fällt warm ins stickige Zimmer, doch das Fenster kann sie nicht öffnen. Das wäre sicher zu kalt für die Pflanze.

Anna Behrend, 18 Jahre, Berlin