Anna Franziska Sturm „Schatten“

Preis der Literaturwoche Sommer 2011

Es war kurz nach vier. Pauline saß kerzengerade in ihrem Bett und starrte angestrengt in die Dunkelheit. Sie hatte das ungute Gefühl gegen eine schwarze Wand zu sehen. Eine schwarze Wand, die ihren Blick zurückwarf und ihn gleichzeitig verschluckte. Ihre Augen begannen zu brennen und sie hörte ihren Herzschlag in den Ohren. Sie ließ sich sinken und starrte an die Decke. Irgendetwas hatte sie aufgeweckt, und sie wollte wissen was. Doch sie traute sich nicht einmal auch nur einen Zeh unter der Bettdecke hervorzustecken. Mann, bist du ein Angsthase, sagte sie sich. Hast mit zwölf Jahren noch Angst vor Einbrechern und Kidnappern.
Obwohl sie wusste, dass es kindisch war, wünschte sie sich, dass ihre Mutter gleich durch die Tür kommen würde, um noch einmal nach ihr zu sehen. Doch natürlich kam niemand, denn es war mitten in der Nacht und Paulines Mutter schlummerte drei Zimmer weiter selig vor sich hin. Pauline schlief schließlich mit scheußlichem Nackenkribbeln ein und ihr nächtlicher Besucher konnte getrost ausatmen.

Pauline wachte wieder nicht von allein auf. Sie wurde von ihrem Hund Pünktchen geweckt, was sicher die beste Art war, Pauline aus dem Bett zu bekommen.
„Huch, wo kommst du denn her?“, fragte Pauline. Er lief aufgeregt hin und her, blieb hechelnd stehen und sah sie aus großen, schwarzen Augen aufmerksam an. Dann raste er weiter durchs Zimmer. Pauline beobachtete ihn eine Weile lächelnd und wollte gerade aufstehen, als Pünktchen abrupt stehen blieb. Paulines Lächeln erstarb. Ihr Hund lief mit der Nase auf dem Boden durchs Zimmer und benahm sich äußerst merkwürdig. Ihr wurde schlagartig kalt. Also hatte sie sich das alles doch nicht eingebildet. Als Pünktchen in die Nähe der Gardinen kam, blieb er abermals stehen, sah erwartungsvoll zu ihnen auf und wedelte freudig mit dem Schwanz. Pauline blieb fast das Herz stehen. Langsam stand sie auf und lief mit trockenem Hals zu ihrem Hund. Sie beobachtete ihn genau. Doch die Tatsache, dass sein Leckerli-Frauchen neben ihm stand, lenkte ihn ab. Pauline beachtete seinen bittenden Blick nicht und ging weiter. Ihre Hände hoben sich wie von selbst und zogen die Gardinen mit einem Ruck beiseite. Nichts. Hinter den Gardinen war absolut nichts. Als Pauline schweigend auf den leeren Boden sah, traf sie etwas Schweres im Rücken. Sie konnte noch nicht einmal „Hilfe“ schreien, als sie auch schon vornüber kippte. Ihre Gedanken rasten und viele verschiedene Stimmen schrien in ihrem Kopf durcheinander. Jetzt ist es da, schrie die Lauteste. Nein, ist es nicht, sonst würde mein Nacken kribbeln, widersprach eine andere, Leisere.
Pauline lag da wie erstarrt. Sie wartete. Der Staub kitzelte sie in der Nase. Sie wartete. Darauf, dass eine Stimme etwas sagte. Dass ein weiterer Schlag sie treffen würde. Auf irgendetwas. Doch wieder nichts. Sie öffnete die Augen und richtete sich auf. Neben ihr saß bloß Pünktchen, der sie erwartungsvoll anstarrte. Plötzlich musste Pauline lachen. „Warst du das?“, fragte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme. Pünktchen wandte uninteressiert den Kopf ab und lief wieder auf und ab als wolle er sagen: „Worauf wartest du noch? Unten gibt es schon Frühstück.“
Wieder musste Pauline grinsen. Was hatte ich denn jetzt, wurde ich wahnsinnig, fragte sich Pauline erschreckt. Warum musste ich lachen, wenn mich jemand niederschlug? Woher bin ich mir sicher, dass es Pünktchen gewesen war? Doch Pauline hatte keine Antworten auf diese Fragen. Ein Gefühl sagte ihr, dass es Pünktchen gewesen war, der sie umgeworfen hat.

Als Pauline zwanzig Minuten später die Treppe herunterwuselte, gefolgt von einem aufgeregten Pünktchen, wartete ihre Mutter schon auf sie.
„Na, Langschläferin? Gut geschlafen?“, fragte sie gut gelaunt.
Nein, dachte Pauline, das kann man wirklich nicht behaupten.
Sie nickte abwesend, setzte sich an den Tisch und begann sich Müsli in ihre Schüssel zu schaufeln. Dann ließ sie ihren Löffel sinken und sah sich um. Ihr Nacken kribbelte leicht und sie bekam Gänsehaut. Doch sie konnte absolut nichts merkwürdiges entdecken. Ihre Mutter rührte, tief in Gedanken, in ihrem Kaffee. Pauline fragte leise: „Du, ähm, Mama?“
Sie sah erschrocken auf und ein wenig Kaffee spritze auf ihre Hose. Fahrig wischte sie darüber.
„Ach, Pauline, du warst das.“, sagte sie erleichtert.
Pauline sah sie verwundert an. „Wer sonst?“
Plötzlich sah ihre Mutter nur noch müde aus. Sie fuhr sich durchs Haar und sah Pauline erwartungsvoll an.
„Ähm, hast du diese Nacht irgendetwas ungewöhnliches bemerkt?“, fragte Pauline. Ihr Ton sollte beiläufig klingen, was ihr aber nicht sehr gut gelang. Ihre Mutter schüttelte den Kopf und sah sie forschend an. Pauline starrte angestrengt auf ihren Schüsselrand.
„Warum? Hast du etwas merkwürdiges gehört oder gesehen?“, fragte ihre Mutter. Bei ihren letzten Worten wurde ihre Stimme scharf. Auch Pauline schüttelte den Kopf. Ihre Mutter musterte sie mit dem eigenartigen Blick, mit dem sie Pauline immer ansah, wenn diese schlecht geschlafen hatte oder eigenartige Geräusche erwähnte. Immer wenn ihre Mutter dachte, Pauline würde es nicht bemerken, schlich sich dieser Blick bei ihr ein. Pauline mochte diesen Blick nicht. Er enthielt alles, was sie nicht sehen wollte: Sorge, Sorge und Sorge. Und manchmal, manchmal dachte sie, sie hätte auch Panik aufblitzen sehen. Aber davon wollte Pauline nun wirklich nichts wissen. Was bitte hatte ein erwachsener Mensch für einen Grund Panik zu haben, wenn er seine Tochter ansah.

Pauline starrte in die Dunkelheit. Nein, jetzt konnte ihr niemand erzählen, dass dort kein Geräusch gewesen war. Sie war sich sicher ein Knacken gehört zu haben. Pauline lauschte angestrengt, doch das erhoffte Winseln blieb aus. Nein, ihr Hund war es sicher nicht. Sie lag stocksteif da und rührte sich nicht. Ein weiteres Knacken. Ihr lief es merkwürdig heiß und kalt über den Rücken und ihre Zunge fühlte sich unglaublich schwer an. Wieder knackte es und Pauline glaubte Schritte zu hören. Abermals wünschte sie sich, die Tür würde aufgehen und das Licht hereinlassen. Ihr Herz raste und würde sie gewiß bald verraten. Jetzt kribbelte nicht nur ihr Nacken, sondern ihr ganzer Körper. Sie fühlte sich wie unter Hochspannung. Es war kein weiteres Geräusch zu hören, doch Pauline versuchte zitternd flach zu atmen. Irgendwann übermannte sie die Müdigkeit und sie fiel in einen unruhigen Schlaf.

Ich wusste, dass sie wach war. Ich spürte es mit jeder Faser meines Körpers, spürte, wie sie versuchte ruhig zu atmen. Ich konnte mir nicht erklären, warum sie es plötzlich bemerkte, wenn ich da war. Langsam glitt ich an der Wand den vertrauten Weg entlang. Als ich endlich hinter den Gardinen angekommen war, konnte ich mich kurz entspannen. Bei dem Gedanken an Pünktchen musste ich sogar ein wenig lächeln. Heute hätte er mich wirklich fast verraten. Er hatte sich so gefreut, dass er mich fast umgerannt hätte. Ich hatte alle Mühe gehabt, ihn ruhig zu halten.
Etwas knackte. Erschrocken hielt ich den Atem an. Das war jetzt schon das dritte Mal. Ich wußte auch nicht, was mit mir los war. Dieses Mal war ich auf etwas getreten. Die Anspannung war fast mit den Händen zu greifen und plötzlich wurde mir bewusst, wie schnell man mich entdecken könnte. Ein Handgriff und ich stünde wie ein gehetztes Kaninchen im grellen Licht. Und dann, was würde ich sagen? Und wie würde sie reagieren? Ich musste einfach auf den richtigen Augenblick warten. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Augenblick nie da sein würde. Wie ein Verbrecher stand ich Nacht für Nacht da und malte mir aus, wie ich es erklären könnte. Ich musste einfach hoffen, dass sie mir zuhören und nicht sofort nach ihrer Mutter rufen würde. Als ich sie heute beim Frühstück beobachtet hatte, bekam ich Angst. Ich wusste, dass sich Claudia nur Sorgen um ihre Tochter machte. Aber war ich wirklich so leicht mich zu durchschauen?
Und wenn? Schließlich war ich nicht hier um mit Claudia zu reden. Das Wichtigste war meine Tochter und niemand konnte mir verbieten sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Außer ihr selbst natürlich. Würde sie wütend werden? Verübeln würde ich es ihr nicht, doch es würde mich traurig machen. Aber irgendwann, irgendwann wollte Pauline doch gewiß erfahren, was mit ihrem Vater passiert war. Und ich wollte, dass sie es von mir erfährt, das hatte ich mir geschworen.
Ich hob langsam die Hände und wollte die Gardinen beseite schieben, achtete nicht auf die Stimmen in meinem Kopf. Verrückt, schrien sie, verrückt, verrückt, durchgeknallt. Als ich den Stoff berührte, hörte ich einen Schrei. Es war ein gräßlich hoher, verzweifelter Schrei. Ich hatte keine Zeit zu überlegen, drehte mich um und verschwand durchs Fenster. So unbemerkt, wie ich gekommen war. Nur ein Schatten in der Dunkelheit.

Pauline war mit einem Schwung aus dem Bett gesprungen. Sie rannte zur Tür und rannte gehetzt weiter durch den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter war wie immer angelehnt. Sie hastete weiter zum Bett und ihre Gedanken überschlugen sich. Ihre Mutter saß mit aufgerissenen Augen im Bett. „Wir ziehen um.“, waren ihre einzigen Worte.

Ich stand ohne Jacke im strömenden Regen und starrte nachdenklich auf die dunklen Fenster. Warum war ich in dieser Nacht nicht ein paar Minuten früher gegangen. Es war, wie es immer gewesen war. Claudia war mir zuvor gekommen. Meine Gedanken wanderten wie von selbst zu dem verhängnisvollen Abend, wie ich mich getraut und zum Telefon gegriffen hatte. Wie sie mich angeschrien hatten, weil ich sie einfach verlassen hatte, und wie sie zum Schluss gesagt hatte, dass ich meine Tochter nie wieder sehen sollte. Und wie in diesem Augenblick eine Welt für mich zusammengebrochen war.
Langsam wandte ich mich um. Ich hatte meinen Moment verpasst. Aber das hieß nicht, dass ich aufgeben würde. Ich spürte wie mir die kalten Tropfen in den Nacken liefen. Zeit nach Hause zu gehen.

Anna Franziska Sturm, 13 Jahre, Boitzenburger Land