Anna Franziska Sturm „Schlittschuhfahren“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2011

Altersgruppe 9 – 12 Jahre

Ich hasse Schlittschuhfahren. Habe es schon immer gehasst. Doch um meiner Schwester willen komme ich mit. Ich nehme meine Jacke vom Haken, schlüpfe schnell in meine Winterstiefel, schultere den Beutel mit meinen Schlittschuhen und ziehe meine Kapuze tief ins Gesicht. Dann bin ich draußen. Es ist eisig, noch viel kälter als ich gedacht habe. Ich habe noch etwas Zeit, bis meine Schwester los will. Und so stelle ich den Beutel ab, und laufe zu unserem Schuppen mit dem ganzen Gerümpel, über das sich Mama immer so aufregt. Dort bin ich zuhause. Ich habe mir einen alten verlotterten Sessel beschafft, der schon viele Winter überstanden hat, und daneben eine schöne Lampe auf einen kleinen runden Tisch gestellt. Und versteckt hinter einem Sperrholzbrett liegen meine Schätze. Ich habe sie noch keinem gezeigt, außer meiner Katze. Es ist viel Kleinkram, und schon deswegen durften sie meiner Mutter nie zu Gesicht kommen. Sie hasst unnütze Dinge. Ein kleiner alter Delfin aus einem Stoff, der früher einmal sehr weich gewesen sein musste, lag auf einer rot-weiß karierten Decke. Mein Vater hat ihn mir aus Kroatien mitgebracht. Damals muss ich um die vier Jahre alt gewesen sein. Mama wollte ihn wegwerfen, doch ich habe ihn noch in der letzten Sekunde retten können. Und dort, neben einer kleinen Holzfigur steht eine Truhe mit vielen bunten Steinen und wunderschönen Glasscherben. Als ich zum ersten Mal eine Glasscherbe am Strand fand und stolz zu Mama lief, schrie sie mich an, wie gefährlich das sei, und ich solle sie doch sofort liegen lassen. Ich tat es auch natürlich, doch seitdem stecke ich sie mir immer in die Tasche, selbstredend erst, wenn Mama nicht hinsieht, und verstecke sie hier. Doch was diesen kleinen Raum erst so einzigartig macht, sind die Bücher. Ich kann sie schon alle auswendig, doch das stört mich nicht. Im Sommer, wenn es hier nicht so unausstehlich kalt ist, sitze ich manchmal stundenlang da und lese sie. Meiner Mutter sage ich immer, dass ich zu Britta gehe und spiele. Ich mag es nicht, sie anzulügen, doch sonst würde sie mich niemals gehen lassen. Sie findet ohnehin, dass ich zu viel alleine bin. Überhaupt macht sie sich immer Sorgen. Etwas scheppert draußen und ich schrecke zusammen. Meine Schwester! Sie ist fertig mit Sachen packen und ruft nach mir. Ich laufe schnell nach draußen. Es ist noch kälter geworden als davor. Im Schuppen war es zwar auch nicht wärmer, doch haben die dünnen Holzwände wenigsten den Wind abgefangen. Fröstelnd ziehe ich die Schultern hoch und renne fast in meine Schwester hinein. Ich entschuldige mich bei ihr, und zusammen gehen wir das kurze Stück zum Teich. Wir schweigen. Ich, weil ich nichts zu erzählen habe, und sie, weil sie sowieso schweigsam ist. An die Zeit, als meine Schwester noch viel geredet hat, kann ich mich so gut wie nicht mehr erinnern. Das ist schon zu lange her. Wir sind da. Meine Schwester setzt sich auf unseren uralten Schlitten und fängt an, sich ihre Schlittschuhe anzuziehen. Ihre sind blau, viel schöner als meine, die rosafarben sind. Ich finde Rosa ekelhaft, würde aber nie etwas dazu sagen, da es meine Mutter furchtbar aufregen würde. Meine Schwester ist fertig und steht vorsichtig auf. Sie kann viel besser Schlittschuhfahren als ich. Das ist auch kein Wunder. Ich habe mich noch nie sonderlich angestrengt, es richtig zu lernen. Während ich mit meinen klammen Fingern mühevoll an dem Reißverschluss von meinen Stiefeln zerre, sehe ich einen kleinen Vogel, der nur ein paar Meter vor mir über dem Boden schwebt. Urplötzlich kippt der Vogel zur Seite. Ich erschrecke, doch er fängt sich gleich wieder. Aber jetzt ist er irgendwie falsch herum. Er hängt kopfüber in der Luft und sieht mich mit schräg gelegtem Kopf unschuldig an. Mein erster Gedanke war: Zum Glück sieht meine Mutter das nicht. Ich wollte gerade einen spitzen Schrei ausstoßen, als zwei weitere Vögel auf mich zufliegen. Ich lasse meinen rechten Schlittschuh fallen und stolpere ein Schritt zurück. Mir ist kalt, doch das ist keine Entschuldigung dafür, dass ich Dinge sehe, die unmöglich sind. Ich schüttele den Kopf, wie um eine lästige Fliege zu verscheuchen, doch die Vögel bleiben. Plötzlich ist alles nur noch lustig. Die Vögel hüpfen kopfüber vor mir hoch und runter, und ich habe die ganze Zeit das verwirrende Gefühl, dass ich das alles schon mal erlebt habe. Ich grinse vor mich hin, bis mir meine Schwester einfällt. Ertappt sehe ich mich nach ihr um. Zum Glück ist sie zu sehr mit dem Schlittschuhfahren beschäftigt, um die Vögel zu bemerken. Doch ich muss sie irgendwie von hier wegbekommen! Meine Schwester fände sie bestimmt kein bisschen lustig. Falls sie die Vögel überhaupt auch falsch herum sehen würde. Doch das Risiko ist zu groß. Ich überlege gerade, ob ich einen Stein werfen sollte, als sie von selber weg fliegen. Erleichtert sehe ich ihnen nach. Es sieht vollkommen verrückt aus, wie sie so kopfüber über die endlosen Hügel fliegen. Plötzlich ist es wieder da, dieses Déjà-vu-Gefühl. Ich schüttele es ab, und beeile mich, wieder beim Schlitten zu sein. Keine Sekunde zu früh, denn meine Schwester guckt gerade argwöhnisch zu mir. Schnell stopfe ich meinen rechten Fuß, der inzwischen taub geworden ist vor Kälte, in meinen zweiten Schlittschuh. Ich laufe mit wackeligen Schritten zu meiner Schwester und tue, als wäre nichts gewesen. Meine Schwester kennt mich zu gut, sie hätte sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Also versuche ich nicht, an die verrückten Vögel und mein eigenartiges Gefühl zu denken, und quäle mich durch die Zeit. Ich falle zweimal hin, doch es tut nicht weh und meine Schwester hat es nicht gesehen. Das ist gut. Sie hätte sich unnötige Sorgen gemacht. Langsam geht die Sonne hinter den sanften Hügeln unter und färbt alles rosa. Auf einmal finde ich die Farbe ganz hübsch. Ich bleibe mühsam stehen und betrachte die Wolken. Da höre ich ein Lachen. Ich dachte zuerst, es wäre noch jemand anderes dazugekommen, was aber gänzlich unmöglich ist, in dieser verlassenen Gegend. Langsam drehe ich mich um. Meine Schwester fährt mit wehenden Haaren und ausgebreiteten Armen – rasend schnell. Und sie lacht. Ich traue meinen Augen und Ohren nicht. Ich höre es so selten. Dann ruft sie mir zu, ich solle das auch mal ausprobieren, und dass man sich fühlt, als würde man fliegen. Ich versuche es. Nicht nur, weil ich meiner Schwester nie irgendetwas abschlagen werde, sondern weil ich auch fliegen will. Ich fahre immer schneller, bis die vereinzelten Bäume am Rand des Teiches verschwimmen, und doch sehe ich alles eigentümlich scharf. Aus Spaß breite ich die Arme aus – und es stimmt. Es ist wie fliegen! Ich bin leicht. Unglaublich leicht. Ich liebe Schlittschuhfahren. Liebe, liebe, liebe, es. Ich werde noch ein wenig schneller, und dann lache ich. Ich lache. Stundenlang, so kommt es mir vor. Doch ich werde nicht müde. Lachen ist so schön! Ich lache nicht nur, ich freue mich auch wirklich. Ich freue mich auf meine überbesorgte Mutter, die zuhause auf uns wartet. Ich freue mich. Auf das Leben. Auf alles. Urplötzlich verspüre ich den Drang, andersherum zu sein. Einfach kopfüber. Anders zu sein. Wie die Vögel. Ich schlittere auf einen Baum zu, der nahe am Ufer steht und renne mit den Schlittschuhen an den Füßen durch den knöchelhohen Schnee. Als ich ihn endlich erreiche, springe ich hoch. Ich bekomme einen niedrigen Ast zu fassen und ziehe mich an ihm hoch. Ich klettere bis in die Krone, ungeachtet der Schlittschuhe. Ich nehme nichts mehr wahr, außer diesem Drang nach oben zu kommen. Als ich oben bin, packe ich einen dicken Ast, umschlinge ihn mit meinen starken Armen, und lasse mich zur Seite fallen. Auf einmal weiß ich auch, woher ich vorhin dieses Déjà-vu-Gefühl hatte. Ich habe es mir nur falsch eingeprägt. Ich erinnere mich.
Am Strand. Im Sommer. Mein Vater, der mich aus Spaß an den Füßen durch die Luft trägt. Und jetzt weiß ich auch, warum ich unbedingt kopfüber hängen wollte. Ich höre immer noch meine Schwester lachen. Unten. Weit unten.

Anna Franziska Sturm, 12 Jahre, Boitzenburger Land OT Jakobshagen