Anna Höpfner „Kurvendiskussion“

Preis der Literaturwoche Winter 2014

Liz hielt sich an der Küchenanrichte fest, weil sie Angst hatte, der Boden unter ihren Füßen könnte nachgeben. Sie zählte. Die Wassertropfen in der Spüle, die zögernden Sekunden und ihren Herzschlag. All diese Dinge waren Variablen, die sie nur richtig interpretieren und einordnen musste. Jede Zahl ließ sich perfektionieren, jeder Graph kam im Idealfall wieder bei Null an. Worte erschienen ihr leer, bedeutungslos und feige. Manchmal spürte sie Wut in sich aufsteigen, weil es Worte wie „vielleicht“, „irgendwann“ oder „ungefähr“ gab. Dann konnte man ihre Knöchel erkennen, die weiß hervortraten und ihre Lippen, die sich so fest zusammenpressten, dass ihr Volumen gegen Null ging. Null war die faszinierendste Zahl. Null konnte das unbegreifliche Nichts so beschreiben, wie kein Wort es je könnte.
„Ich ess‘ heute nicht“, erklärte Liz. Sie drehte sich zu ihrer Mutter um. Selbstbewusstsein wird an der Krümmung des Körpers und seinem Winkel zum Boden gemessen. Sie zählte. Das Trommeln der Finger ihrer Mutter auf dem Küchentisch. Die stolpernden Sekunden und die tiefen Atemzüge. Siebenundvierzig mal schlugen die Fingerkuppen auf. Fünfzehn Sekunden und sechs Atemzüge. Ihre Mutter fuhr sich mit der Hand über den Mund, dann durchs Haar, dann über die Stirn. Sie schlug die Beine übereinander, verschränkte die Arme, entschränkte sie wieder und legte sie schließlich auf dem Tisch ab, wie man es mit einem Gegenstand tut, für den man keinen Platz weiß. Zwölf Sekunden: von Ungeduld über Trauer, dazwischen gedrängt ein bisschen Widerstand. Immer begleitet von der pochenden Frage: Warum? Warum, Liz? Dabei wusste sie doch, warum. Jeder wusste, warum. Warum war nur ein Lückenfüller. Eine Frage, die man stellte, wenn man etwas Unbeschreibliches greifen wollte. Die Antwort war so schlicht wie komplex:
Null. Aber das hätte Liz nicht erklären können. Nicht in Worten. Sie konnte jede Bewegung erkennen, sie in Zahlen ausdrücken, aber in kein passendes System einordnen. Ihre Mutter stand auf. Vier Schritte aus der Küche hinaus. Sechs Buchstaben: Flucht. Zahlen waren frei von falscher Hoffnung. Es gab kein Irgendwann, das in seiner Hintertasche noch ein Vielleicht und ein Bestimmt aufbewahrte. Zahlen waren ehrlich und direkt und sie konnten die Dinge zusammenhalten. „Ich ess‘ auch nie wieder!“, schrie Liz ihrer Mutter hinterher. „Hast du gehört? Nie, nie wieder!“ Wut ließ sich in Dezibel messen. Den Zahlen zu gehorchen war einfacher, als ihnen zu widersprechen. Liz war eine Kurve auf einem Zettel in einer Akte, den die Ärzte gerne besorgt ansahen, ihn wie ein Röntgenbild gegen das Licht hielten, als könnten sie so sein Geheimnis entschlüsseln. Als könnten sie – bei idealer Sonneneinstrahlung – verstehen, warum diese Kurve sich mit hartnäckiger Beständigkeit Null annäherte. Warum. Und sie war die langsam gegen Null laufende Zahl auf elektronischen Geräten, sie war die penibel errechnete Zahl in ihrem Magen.
„Liz, ich spreche deine Sprache nicht“, die Stimme ihrer Mutter vor der Tür. Liz zerschlug die Teetasse ihrer Mutter. Sie zählte. Die Scherben und die Macken im Tisch und die Bluttropfen auf ihrer Hand. Ihr Lächeln sprang aus dem Fenster. Nach zweieinhalb Sekunden schlug es auf. Manchmal war sie nur der Raum zwischen Null und Eins. Kaum zu glauben, dass dazwischen Unendlichkeit liegen sollte. Irgendwie. Irgendwann. Liz begann zu weinen. Bewegungslos, angespannt und still. Dreikommafünf Milliliter, die sie leichter wurde. Die Wahrscheinlichkeit, eine Waage zu finden, die sie genau genug beschreiben konnte. War ein fallender Graph.

Anna Höpfner, 17 Jahre