Annika Glante „Die Bahn vor der Tür“

Themenpreis der Literaturwoche Sommer 2009

Thema: „Nachbarn“

Die Straßenbahn klingelt, bevor sie losfährt. Sie klingelt und letzte Passagiere hechten zur Tür. Manchmal fährt sie los, bevor sie einsteigen können. Der Wind trägt das Klingeln bis zu unserem Haus. Oft sitze ich da und beobachte die Menschen. Der Wind trägt das Klingeln zu uns hoch, alle zwanzig Minuten, von fünf bis zehn Uhr nachts.
Mein Bruder sitzt selten bei mir. Er mag die Bahn nicht, er mag nicht, wie der Wind das Klingeln in unser Haus trägt, er mag unser Haus nicht. Ole mag das Haus nebenan. Er sagt, er beobachte auch Menschen, mehr sagt er nicht.
Wir nehmen nie die Straßenbahn in die Stadt. Mein Bruder lenkt dann das Klapprad und ich darf mich hinten drauf setzen. Diese Tage machen mir mehr Spaß, mehr Spaß als die Menschen in der Straßenbahn. Er redet dann lebhaft über den Unterricht oder Bücher, die sie lesen. Er erzählt mir Märchen und Geschichten. Manchmal erzählt er über die Nachbarn. Mich interessieren die Nachbarn nicht, ich will immer neue Menschen sehen, aber wenn Ole erzählt, dann muss ich kichern. Er redet nicht oft, dabei kann er so reden, dass alle zuhören. Selbst das Klingeln der Straßenbahn kann er dann für Stunden übertönen.
Ich kann mich nicht erinnern, wie lange Ole schon bei den Nachbarn lauscht, wie lange er sie schon beobachtet. Ich erinnere mich an das eine Klingeln der Straßenbahn: Sie fuhr an, Ole knallte die Tür, er ging weg, er ging zu den Nachbarn. Ich wartete auf ihn vor der Tür, ich schlief ein. Es war dunkel, als er mich aufweckte und wir ins Haus gingen. Er sagte nichts, bald sagte er gar nichts mehr. Er schwieg, wenn wir auf dem Klapprad in die Stadt fuhren. Immer häufiger blieb er länger bei den Nachbarn.
Ich sprach mit Mutter darüber. Sie sagte, das wäre das Alter. Ole wäre bald erwachsen, er langweile sich hier. Ich wollte auch erwachsen sein, die Straßenbahn klingelte, als sie losfuhr. Ich schlich ihm nach. Er drehte sich um, bemerkte mich. Er schlug mich, riss mir an den Haaren, er schrie. Ich weiß nicht was, ich hörte es Klingeln in meinem Kopf.
Später, an einem Abend, bin ich zu den Nachbarn gegangen. Ole war früh zurück gekommen und schlief. Ich schlich mich durch den Garten, um das fremde Haus herum. Ich spähte durchs Fenster. Da lag eine Frau auf einem Bett, sie lag dort nackt, ihre Hände hielten ihre Brüste umschlossen. Langsam richtete sie sich auf, betrachtete sich in einem Spiegel, sich und ihre Brüste. Sie war so alt wie Mutter. Ich rannte durch den Garten zurück. Ich ging nicht wieder hin. Die Straßenbahn klingelt, bevor sie losfährt. Ich sitze da und beobachte die Menschen. Sie kommen angerannt, die Türen schließen sich.
„Ich will auch erwachsen sein, Ole.“, sage ich zu ihm, eines abends. Ole legt sich in sein Bett gegenüber, er redet nicht, er redet ja jetzt nie. Als ich es noch einmal sage, da antwortet er: „Das kannst du noch nicht.“ Ich sage: „Doch.“ Es ist dunkel, ich kann ihn sich umdrehen hören, er lacht kurz. „Was soll ich tun?“, sage ich und ich höre es rascheln. Er steigt aus dem Bett, er hebt meine Decke, er schlüpft zu mir. Es ist ganz warm, früher haben wir das oft gemacht. Er drückt mich, das macht er nie. Ich möchte weinen und weiß nicht, was ich tun soll. Ich will erwachsen sein. Ole streicht über mein Nachthemd, er streichelt mein Bein, er streichelt über mein Nachthemd, er geht mit der Hand darunter, er streichelt meinen Bauch, ich will auch etwas machen. Ich weiß nicht was, er fasst meine Brust an. Das mag ich nicht, ich erschrecke und er hält kurz inne, legt die Hand auf meinen Bauch, ich spüre seine Lippen an meiner Wange, ich verstehe nicht, was muss ich tun, er findet meine Lippen und ich starre ihn an durch die Dunkelheit und weiche zurück. Ole lacht kurz. „Siehste.“ „Nein“, will ich sagen, aber seine Hand ist schon weg, sein warmer Körper schon wieder in seinem eigenen Bett.
Ich sitze vor der Tür und beobachte die Menschen. Ich läge gern auf seinem Bett, das würde ich nackt tun und ich würde meine Brüste anfassen. Vielleicht würde er das auch tun.
Die Straßenbahn klingelt, bevor sie losfährt. Alle zwanzig Minuten, von fünf bis zehn Uhr nachts. Der Wind trägt das Klingeln bis zu unserem Haus.

Annika Glante, 18 Jahre, Eggersdorf