Carlotta Mohr „Wassertropfen“

Preis für den besten Text der Literaturwoche Winter 2010

Das Badewasser ist nicht mehr ganz warm. Ich beobachte, wie sich ein Tropfen nach dem anderen in der Wasserhahnöffnung bildet, wie er anwächst und sich anwölbt, bis er sich nicht mehr halten kann und abfällt. Das Wasser nimmt ihn auf, und er ist verschwunden, nur Ringe zittern noch kurz um die Stelle.
Mir ist kalt. Ich würde mir einen Gefallen damit tun, die nassen Haare von der Gänsehaut meiner Brust zu nehmen. Ich könnte auch das immer wiederkehrende ‚Plop’ abstellen, wenn ich wollte, neues Wasser einlaufen lassen. Dann tu es jetzt endlich. Irgendwie könnte ich mich jetzt aufstellen und schreien – aber dann müsste ich wieder heulen, weil ich merken würde, dass das Aufstehen und Herumschreien nichts bringt. Also bleibe ich liegen, damit ich irgendwann Gefallen daran finde und mir vorkomme, als wäre ich Teil eines misslungenen Stillebens. So könnte ich vielleicht in mich hinein verschwinden. Kannst du vielleicht mal erklären, was genau du hier machst. Das habe ich doch schon erklärt. Tu nicht so, als hättest du Ahnung von irgendwelchen psychologischen Methoden, die du selbst nicht wirklich verstehst. Ich zeige mir zum ersten Mal Einsicht und nehme das Handtuch mit der Comicfigur vom Wannenrand. Ich hasse Handtücher mit Comicfiguren. Wegen denen sehe ich immer scheiße aus, wenn ich es mir wie ein trägerloses Kleid um den Körper wickle. Du weißt genau, dass das nicht mal annähernd der einzige Grund ist. Deine kurzen dicken Beine, deine Haare, dein Mondgesicht, deine nicht vorhandene Taille, deine Nase, dein… Ich glaub es reicht jetzt, schreie ich, wahrscheinlich laut, und steige aus der Badewanne, wische mit der Hand über die Fensterscheibe. Ich sehe so viel von hier oben, aber mich sieht man nicht. In der Bäckerei schüttelt ein Mann immer wieder den Kopf, zeigt auf sein gekauftes Gebäck und fuchtelt mit den Armen vor dem ratlos wirkenden Bäcker herum. Vor dem Supermarkt versucht eine Frau mit zwei Kindern in den Armen, den Babybrei, ich erkenne nicht die Sorte, in die Tasche zu bekommen. Neben der Baustelle sieht sich ein Mädchen immer wieder beschämt um, ob ihr wohl irgendjemand dabei zusehe, wie sie die Tür des Dixie-Klos öffnet. Geh aus dem Haus und werde auch Teil dieser Gesellschaft. Und dann, was würde ich dann tun?! Vielleicht würde ich zum Friseur gehen und meine Haarspitzen nachschneiden lassen, obwohl ich es noch gar nicht nötig hätte, und krampfhaft versuchen, mich mit der Friseurin zu unterhalten. Vielleicht darüber, dass es jetzt aber mal langsam wieder Sommer werden könne oder das meine nicht vorhandene Schwester vielleicht irgendwann mal, in ein paar Jahren, eine Ausbildung zur Friseurin bei ihr machen wird.
Du kannst nicht immer davonlaufen. Ich laufe nicht davon. Doch, das tust du. Jeder Mensch braucht irgendjemanden. Aber ich habe doch mich selbst. Nein, hast du nicht. Du weißt doch, dass ich dich hasse. Und zwar alles an dir: Deine kurzen dicken Beine, deine Haare, dein Mondgesicht, deine nicht vorhandene Taille, deine Nase, dein… Ich glaub es reicht jetzt, schreie ich, wahrscheinlich laut, und lasse das Handtuch fallen. Ich gehe ein paar Schritte über die nassen Fliesen.
Hier stehe ich jetzt, vor dem Spiegel. Das muss also ich sein.

Carlotta Mohr, 13 Jahre, Berlin