Der kleine Baron

IV
Leben, dachte der kleine Baron, und er dachte es, weil die Sekunde danach verlangt hatte.
Ein Gefühl sank in ihn, das warm und fremdartig von Zelle zu Zelle kroch und sein Innerstes nach außen stülpte.
Er kannte dieses Gefühl.
Existieren, sich verlieren im unreflektierten Moment. Lieben. Hassen. Tier-sein. Mehr-als Tier- sein. Verlangen. Verzweifeln. Fragen. Sinn suchen. Sich einbilden, Sinn zu finden. Mitspielen oder rebel- lieren, revolutionieren. Leiden. Strom-sein, fließen. Suchen und in denen, die das Gleiche suchen, das finden, was man nicht gesucht hat, aber eben doch gefunden hat. Sich mit Doppelschleife irgendwo dranknoten und dann mühevoll wieder abfriemeln. Rennen, springen, fliegen, fallen. Alt werden, also Teig sein und in der Kuchenform der Umstände gebacken werden. Orientierungslos nach seiner selbstgemalten Landkarte laufen. Weinen, bluten, hoffen, träumen. Sich kaputtmachen, weil man ganz sein will. Pulsieren, Kreislauf-sein.
Mit gebrochener Stimme rief der kleine Baron seine blaue Zofe und trug ihr auf, die blecherne Badewanne mit den salzigsten und traurigsten Tränen zu füllen, die sie im ganzen Königreich auftreiben konnte.
Die blaue Zofe seufzte, denn das konnte nur bedeuten, dass er sich wieder einmal zerdacht hatte. Das kam zwar nicht allzu oft vor, musste aber umgehend behandelt werden.

III
Die Misere des Königreichs war groß.
Der kleine Baron, der von seinen Untertanen sehr geschätzt und verehrt wurde, litt unter einer unbe- kannten Krankheit und lag seit nun etwa einem Monat wie leblos auf seinem Himmelbett. Bis auf blaue Blumen verweigerte er jegliche Nahrungsaufnahme, zum Aufstehen oder Sprechen konnte man ihn nicht animieren. Man ließ verschiedene Gaukler zu ihm heranführen, holte Ärzte und Tänzer, setzte ihm die köstlichsten Speisen vor und las ihm aus seinen liebsten Büchern vor, doch an seinem Zustand änderte sich nichts.
Als bereits Stimmen laut wurden, man müsse wohl oder übel einen Nachfolger ernennen, erschien plötzlich ein etwas verschrumpelt aussehender, schäbig gekleideter Herr am Hof. Unterm Arm trug er einen überdimensional großen Aktenkoffer.

II
Das ganze Königreich war in den Schlosspark einberufen worden und so versammelte sich nun ein schnatternder und von bunten Sonntagshüten getupfter Haufen zwischen Rosensträuchern und Kastanienbäumen. Spannung und Hoffnung hingen in der Luft, als der Professor mit bedächtigen Schritten die knarzende Holzbühne betrat, die extra für diesen Anlass errichtet worden war.

Er warf einen ernsten Blick in die Menge, schnäuzte sich und schob dann entschlossen seine goldene Professorenbrille hoch.
»Sehr geehrte Kreaturen und Nicht-Kreaturen!
Ich weiß, dass ihr diesen Tag lange erwartet habt, denn ich spüre die Liebe, die Ihr für seine Majestät, den kleinen Baron, im Herzen tragt. Lange genug habt Ihr nun um seinen Zustand gebangt, heute möchte ich euch endlich meine Vorschläge zu seiner Behandlung unterbreiten.«
Ein Raunen ging durch die Menge, vermengt mit einzelnen Jubelrufen und erleichterten Seufzern.
»Beginnen möchte ich allerdings mit meiner Diagnose, da diese von wesentlich größerer Bedeutung ist als ihre Therapie. Ich bin kein Freund von großen Worten und da diese wohl kaum zur Genesung des kleinen Barons beitragen werden, fasse ich mich also kurz: Die rätselhaft Krankheit, die seine Majestät seit nun zwei Monaten an sein Bett fesselt, ist…«
Er hielt kurz inne, schloss die Augen und kostete aus, wie eine gespenstige, durch keinen Atemzug durchbrochene Stille in der Menge lag.

»… Nichts.«

Er ertastete das Wort vorsichtig, formte es aber selbstsicher und schickte es mit Nachdruck in alle Ohren und Gehirne des Königreichs. Im Kopf zählte er die Millisekunden, bis aus der gespannten Stille wie erwartet eine Symphonie aus Empörung, Unglauben und Verwirrung wurde.
»Meine Damen und Herren, Sie alle unterliegen einem gewaltigen, jedoch naheliegenden Denkfehler: Sie assoziieren das von mir bewusst gewählte Wort »nichts« mit der Abwesenheit von Krankheit und schlussfolgern daraus, dass der kleine Baron meiner Einschätzung nach gesund ist. Dem ist nicht so. Um ihnen das verständlich zu machen, muss ich allerdings erst ausführen, worin sein jetziges Befinden einen Ursprung hatte.«
Statt in die Menge zu blicken, wandte er sich nun an die blaue Zofe am Rand der Bühne, die er sicher auf seiner Seite wusste. Stirnrunzelnd rang sie sich ein kurzes Nicken ab, schließlich wusste er doch, dass er einfach fortfahren konnte.
»Heute vor circa zwei Monaten fand im Gehirn des kleinen Barons etwas statt, dass ich zu Forschungs- zwecken als »Zerdenken« bezeichnet habe: Völlig unerwartet und ohne jeglichen Zusammenhang drängte sich ein Gedanke in seine Synapsen, der von einer solchen Wucht war, dass er für einen kurzen Zeitraum vom ganzen Wesen des kleinen Barons Besitz ergriff.
Wie im Wahn muss sein Körper nun all seine Energie darauf verwendet haben, dem Gedanken zu dienen, sein Verlangen zu stillen. Man könnte fast meinen, es habe sich um eine Frage gehandelt, von deren absoluter und richtiger Beantwortung sein Leben – wenn nicht sogar alles Leben – abhängig gewesen wäre. Aus jeder grauen Zelle kratzte er Assoziationen und verlor sich in einem Schwall aus Folgegedanken, die er aufgrund ihrer Schnelligkeit und Absurdität jedoch selbst nicht erfassen konnte.
Nach wenigen Millisekunden dieser extremen Überstimulation müssen seine Antwortmöglichkeiten ausgeschöpft gewesen sein und in ihm breitete sich eine innere Leere aus, von der ich mir nicht anmaße, sie nachvollziehen zu können.
In diesem Moment verlor sich für den kleinen Baron alles jemals Gewesene und Gedachte in Bedeutungslosigkeit; seit nun zwei Monaten vermag er nicht einmal mehr zu begreifen, was Bedeutung und Sinn überhaupt sind. Sein Organismus erhält ihn, er spürt sich aber nicht mehr. Er fühlt nichts, denkt nichts, wünscht nichts, hofft nichts, weiß nichts, braucht nichts.
Der kleine Baron IST nichts.«
Froschartig aufgerissen blickte ihm ein Meer aus Augen entgegen, wenige davon weinend, andere sichtlich abwesend und bei seinen Ausführungen bereits abgedriftet, die der Kinder gelangweilt und träumend vom nachmittäglichen Spiel.

I
Die Worte flossen zwar raus, er scharrte dabei aber halbherzig mit seinen klobigen Schuhen auf den Holzdielen herum und blickte erst nach Beendigung seiner Ausführungen wieder selbstzufrieden lächelnd in die Menge.
Er hatte nie verstanden, was diese Kreaturen so am Normalzustand reizte, wenn doch die Abweichung davon so viel mehr Brisanz und Relevanz bereithielt.

Du bist eben ein Poet, hätte seine Frau jetzt gesagt.

 

– Cora Grohmann (17)