Gransee

Nichts ist, wenn die Kaugummis alle sind, sich die Eltern mal wieder anschweigen oder man im Mathetest einfach keine einzige Lösung herausbekommt. Das Nichts ist verdammt ärgerlich. Auch Opa mag es nicht sonderlich.

Früher hatte Opa immer Tintenflecken an den Händen und in seiner Jackentasche ein Notizbuch. Opa ist nämlich Geschichtenerfinder. Irgendwann hat er aufgehört, die Geschichten dem Papier zu erzählen, aber ich durfte sie alle hören. Jetzt redet er nicht mehr viel und wir spielen immer Modelleisenbahn miteinander. Eigentlich könnte Opa auch Schaffner gewesen sein, aber die Züge sind bei ihm wie Personen. Ich glaube, er spielt sie für mich so. Ich höre gerne zu. Nächste Haltestelle Gransee. Das ist der Ort, in dem Oma als junges Mädchen gewohnt hat.

Manchmal spricht Opa mit sich selbst. Und manchmal mit seinem Rollator. Die Geschichten, die dann aus ihm heraussprudeln sind voller komplizierter Wörter. Papa sagt, Opa Klaus spricht dann mit Oma. Deswegen glaube ich, dass Oma unsichtbar ist. Nicht einfach nicht mehr da. Aber wenn ich das Mama erzähle, findet sie mich komisch, genauso wie sie den Opa findet, also lasse ich es.

In den Sommerferien war ich das erste Mal ganz alleine bei Opa. Eine Woche lang. Also fast, nur bis Samstag. Wie Abenteuerurlaub. Wir haben ein Piratenschiff gebaut und zum Frühstück Pfannkuchen mit Schokocreme gegessen. Und anstelle des Mittagsschlafes war es Zeit für eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht, denn Opa sagt, manche Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Mittagsschlaf braucht wirklich keiner.

Am Mittwoch waren wir im Dorfladen und ich habe die Einkaufstüten geschleppt, weil Opa doch weite Strecken nicht mehr so gut laufen kann. Mit dem roten Rollator und Oma Gertrud ging es aber ganz gut, deswegen habe ich mich sofort sehr selbstständig und erwachsen gefühlt. Opa Klaus findet, dass Erwachsene viel zu eintönig und grau sind. Mein Schon-so-groß-Gefühl ist gleich verschwunden.

Ich hoffe, ich werde nie langweilig. Eigentlich will ich so wie Opa werden, aber Papa findet das bestimmt keine gute Idee. Fantasieren hat etwas mit Fieber und Hustensaft zu tun, sagt er oft. Ich habe ihm versprochen, nicht mehr zu fantasieren, sondern nur noch zu kreativieren. Er hat nur geseufzt und Mama hat mich ins Bett geschickt, weil ich nämlich tatsächlich gerade die Grippe hatte.

Mit dem Kreativieren habe ich bei Opa angefangen, noch vor dem Frühstück am Freitag der Ferienwoche und genauer gesagt bei seinem Rollator. Den fanden wir beide genauso eintönig und grau wie die Erwachsenen und haben ihn mit meiner Lieblingsfarbe angemalt. Rot. Bei Mensch-ärgere-dich-nicht bin ich auch immer rot. Rot verliert fast nie.

Die Griffe hat Opa umstrickt, damit sie im Winter nicht so kalt werden. Man muss vorbereitet sein, hat er gesagt und dann erzählt, dass er das Stricken bei Einheimischen am Nordpol gelernt habe, deswegen auch das schöne Zopfmuster. Dann gab es Pfannkuchen zur Abwechslung mal mit Apfelmus und jede Menge Rechnungen an Herrn Klaus in wichtig aussehenden Briefumschlägen, die ihn nicht sehr glücklich machten.

Ich könnte auch ein bisschen Rechnen üben, schlug er vor, ausgerechnet in den Ferien. Zum Glück hatte ich Opa schnell dazu gebracht, dass Sudokus fast wie Mathe und eigentlich nichts Anderes als Kreuzworträtsel sind, also haben wir Kreuzworträtsel gelöst.

Opa sagt, dass meine Worte sehr überzeugend sind und ich Politiker werden sollte. Ich glaube aber, dass die Parteien niemanden nehmen, der mit Gummibärchen zu bestechen ist. Da hat er gelacht.

Abends hat Mama angerufen. Ob ich denn schön Zähne putzen würde, dass mit den vielen Pfannkuchen fand sie nämlich nicht so lustig. Und Stricken hat Opa im Winter vor zwei Jahren gelernt, als seine Heizung ausgefallen ist. Eigentlich müsse man die ganze Anlage austauschen, meinte sie noch, aber Opa hatte einfach kurzerhand jeden einzelnen Heizkörper umstrickt und sich geweigert. Das war zu Zeiten, als sich Opa noch mehr geweigert und Mama mehr nachgegeben hat. Spricht Klaus denn viel mit Oma Gertrud? Naja, es geht, habe ich gesagt, weil Mamas immer sofort herausfinden, wenn man lügt. Dafür habe ich noch hinzugefügt, dass wir ganz toll Piraten spielen und ich statt Mittagsschlaf immer bei Mensch-ärgere-dich-nicht gewinne. Das hat es nicht besser gemacht.

Mama hat noch lange mit Opa telefoniert und so Sachen gesagt wie „er solle mit seinen Hirngespinsten aufhören“ und „den Jungen nicht anlügen“, dabei war das mit dem Stricken nicht mal ganz gelogen, das Zopfmuster war tatsächlich total schön. Opa hat gesagt, sie würde ihrem Sohn die Kreativität rauben. Damit war wohl ich gemeint. Als es mir zu laut wurde, bin ich schon mal Zähne putzen gegangen und habe meinen Schlafanzug angezogen.

Als ich dann im Bett lag und Opa Klaus nicht kam, fragte ich mich, ob ich auch ohne Gutenachtgeschichte einschlafen könnte. Gerade als ich zu einem Nein gekommen war, öffnete er die Tür. In der Hand hatte er den Mensch-ärger-dich-nicht-Würfel, den ich daran erkannte, dass er der einzige pinke Würfel war, den ich je gesehen hatte. Opa fragte, ob ich die Wahrscheinlichkeit kenne, mit der eine bestimmte Zahl gewürfelt wird. Keine Ahnung. Eins zu sechs, sagte er, Eins zu sechs. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine vier gewürfelt wird? Eins zu sechs. Eine zwei? Eins zu sechs. Eine sechs? Eins zu sechs. Und die Wahrscheinlichkeit, dass deine Mutter freundlich zu mir ist? Da schwiegen wir beide. Das war nämlich gar nicht wahrscheinlich. Dann meinte Opa, er gewinne jetzt ein bisschen oder verliere eben, diese Wahrscheinlichkeit sei höher, als einem vernünftigen Erwachsenen zu begegnen und wieder einmal war ich froh noch klein zu sein. Und ich schlief ein.

Am nächsten Morgen war Opa schon in der Küche. Er sah traurig und müde aus. Vom Geld, um das er in so einem komischen Spielehaus gespielt hatte, war nichts mehr übrig, was mich an die leere Kaugummipackung erinnerte. Ich malte Opa ein schwarzes Loch, was mir ziemlich gut gelang und Opa malte Minusse vor die Würfelzahlen. Wären wir doch besser in Mathe gewesen, dachte ich. Und dann kamen Mama und Papa, um mich abzuholen, weil sie meinten, dass Opa nicht auf mich und sein Geld aufpassen könne. Mama glaubte, dass Opa halluzinierte und Papa, dass er manchmal wie ein schwarzes Loch im Kopf habe, in das seine Erinnerungen fallen. Mama glaubte, dass Opa zu viel sehe und Papa, dass er zu wenig wisse, was doch wieder auf nichts hinausläuft, nichts war falsch, aber das hatte niemand verstanden. Mama sagte, ich müsse sofort nach Hause und Opa Klaus in ein Heim, was ich nicht verstand, weil er doch ein Haus hatte. Dann sagte Opa, er gehe Streuselschnecken für uns alle kaufen und Mama freute sich, weil er mit uns und nicht mit Oma Gertrud redete und Papa freute sich, dass sich Opa daran erinnerte, dass sie Streuselschnecken mochten, aber in Wahrheit ging er einfach nur zum Bahnhof und setzte sich in den Zug nach Gransee.

Jetzt besuche ich Opa immer im Altenheim, in der Ecke seines Zimmers steht noch der rote Rollator, nur für die Modelleisenbahn ist kein Platz. Deswegen habe ich ihm so eine kleine batteriebetriebene Lok aus dem Spielzeugladen mitgebracht, für die man keine Schienen braucht. Es ist aber nicht das Gleiche. Wenn ich also bei ihm bin, machen wir Kreuzworträtsel oder spielen Mensch-ärgere-dich-nicht, niemals Mathe. Wenn Opa alleine ist, beschreibt er die Wände. Die Leute hier denken, er wüsste nicht, dass man Geschichten erzählt oder auf Papier schreibt.

 

– Theresa Bolte (15)