Joceline Ziegler „Porträt“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2011

Altersgruppe 13 – 15 Jahre

Er schloss die Augen. Er hatte sie vor sich, so scharf wie ein Foto. Langsam hob er die Hand. Dann setzte er den Bleistift auf die Leinwand, ganz vorsichtig. Er öffnete die Augen und begann zu zeichnen. Er verband einen Strich mit dem anderen, zog ihr Gesicht mehrmals nach, die Lippen, ihre Stirn. So musste sich ein Schriftsteller fühlen, wenn er ein Wort nach dem anderen auf das Papier setzte um ein Ganzes aus ihnen zu machen. Er beobachtete seine Hand, wie sie den Stift auf der weißen Leinwand herumführte, so als ob sie nicht zu ihm gehören würde. Wann hatte er sie das letzte Mal gezeichnet? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Die Erinnerungen waren verblasst, Tag für Tag wurden sie schwächer, bis nichts als ein flüchtiger Schatten von ihnen zurückblieb. Er hatte versucht, sie einzufangen, aber Schatten konnte man nicht fangen.
Bei ihrer Hand zögerte er. Wie sahen ihre Hände aus? Ihr Handgelenk knickte immer ein bisschen ab. Vor dem Fenster wurde es dunkel. Er konnte schon immer während der Dämmerung am besten zeichnen.
Ihm fielen ihre Hände nicht mehr ein. Er ließ den Bleistift fallen. Dann schlurfte er in die Küche und machte die Kaffeemaschine an. Sie war ihm schon immer viel zu laut, aber eine Neue wollte er sich nicht anschaffen. Er hasste Veränderungen. Sie zeigten nur, dass man nicht zufrieden war mit dem, was man hatte. Der Kaffee plätscherte durch die Maschine. Es war ein einschläferndes Geräusch. Er holte eine Tasse aus dem Küchenschrank und stellte sie auf den Tisch. Plötzlich hatte er sie wieder vor sich, wie sie die Hände um eine Tasse Tee gelegt hatte und ihre Nase in den aufsteigenden Dampf hielt. Sofort stand er wieder vor der Leinwand mit dem aufgehobenen Bleistift in der Hand. Sorgfältig zeichnete er die geschwungenen Linien ihrer Hände auf. Irgendwann verschwamm das Grau mit dem weißen Hintergrund, aber er machte weiter. Er machte weiter, bis die Dämmerung aufhörte und die Dunkelheit begann, bis der Bleistift stumpf und der Kaffee kalt wurde. Dann trat er einen Schritt zurück. Es hatte Ähnlichkeit mit ihr. Aber das war auch schon alles. Die Augen blickten starr geradeaus, die Nase hatte nicht die richtige Form und die Handgelenke waren im falschen Winkel abgeknickt. Er warf den Bleistift zu Boden. Die stumpfe Spitze brach ab. Er hasste Veränderungen. Er hasste es, mit einem Radiergummi in einer Zeichnung herumzuradieren, in der Hoffnung, dass sie doch noch zu retten war. Er nahm die Leinwand und drehte sie um, sodass ihr Kopf an ihrem Körper und der Körper an ihren Füßen hing. So gefiel sie ihm besser.

Joceline Ziegler, 13 Jahre, Berlin