Joceline Ziegler „Um sicher zu gehen“

Preis der Literaturwoche Winter 2011

Die Stufen waren feucht. Die nassen Schuhabdrücke vermischten sich zu großen dunkelgrauen Flecken. Sie lief hinunter, machte einen Schritt nach dem anderen, wobei ihre Flip-Flops jedes Mal an ihre Fersen schlugen. Es war seine Idee gewesen, im letzten Herbst, den Sommer zu behalten, indem sie einfach so taten, als wäre er noch da. Sie drehte sich kurz um, wünschte sich, er würde ihr folgen, einfach hinter ihr auftauchen, mit einer Erklärung.
Ein Mann mit verfilzten Haaren saß auf dem Boden und spielte Gitarre. Einzelne Töne drangen an ihr Ohr, hallten von den von Graffiti bedeckten Wänden wieder – er spielte das gleiche Lied wie immer. Sie wollte Worte an die Wand schleudern, Worte, die ihren Kopf frei machten und ihre Gedanken davon trieben. Doch ihre Zunge klebte am Gaumen und ihr Mund war zu trocken, um ihn zu öffnen.
Der Fahrtwind der einfahrenden U-Bahn schlug ihr entgegen. Sie rannte weiter, ihre Zehen krallten sich an den Flip-Flops fest, um sie nicht zu verlieren. Das Licht am Bahnhof war zu hell. Sie rempelte einen Mann an, schaute ihm kurz ins Gesicht und sah, wie sein Mund sich bewegte. Seine Worte verliefen mit den anderen Geräuschen zu einem unverständlichen Rauschen. In der U-Bahn klammerte sie sich an der Stange fest und sah die Neonlampen an den Wänden vorbeiziehen. Die Stimmen um sie herum waren zu laut. Am liebsten hätte sie sich die Hände auf die Ohren gepresst, wie ein kleines Kind, doch sie hielt sich zurück.
An der nächsten Station flüchtete sie aus der U-Bahn. Die Treppe hoch vorbei an den Wänden, die Straße entlang vorbei an den Häusern, über den Platz, vorbei an den Menschen, den gleichen Menschen wie immer.
Schließlich blieb sie stehen. Sie sah die graue Fassade vor sich, die Tür mit der abblätternden Farbe und das Klingelschild, auf dem kein Name mehr stand. Die Fenster, die dringend mal wieder geputzt werden müssten. Seine Fenster. Sie wendete den Blick ab und starrte auf ihre Flip-Flops.

Joceline Ziegler, 13 Jahre, Berlin