Johannes Goronzy „Der Keks Kiki“

„Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2009

Altersgruppe 9 – 12 Jahre

Hallo, heute möchte ich euch die Geschichte von einem Butterkeks namens Kiki erzählen.
Alles fing in der Butterkeksfabrik an, in der Kiki hergestellt wurde. Zuerst wurde in einem riesigen Bottich der Teig für Kiki und die anderen Kekse gerührt. Kekse bestehen aus Mehl, Zucker, Butter und noch vielen anderen Zutaten. Dann wurde der Teig in eine viereckige Form gegossen, bevor Kiki nach dem Backen im heißen Ofen fertig war. Das war vielleicht heiß da drin, mindestens 180 Grad Celsius. Die Kekse schwitzten alle, wurden braun und ka-men sich vor wie im Südseeurlaub. Tja, viereckig sieht Kiki jetzt aus und hat 42 Ecken. So wie alle anderen Kekse. Dann kam er mit 39 weiteren Keksen in eine Packung.
In den viel zu engen Packungen ging die Reise auf einem großen LKW los. Als Kiki in dem großen Laster fuhr, freute er sich erst einmal. Endlich sah er etwas von der Welt! Bisher hatte er ja außer der Keksfabrik nicht viel gesehen!
Alle anderen Kekse drängelten sich so nah wie möglich an das Lastwagenfenster. Dabei pas-sierte Kikis großes Unglück: Eine seiner wunderschönsten Ecken brach ab! Kiki brüllte so laut, dass alle anderen Kekse ihn anstarrten. Er war sehr traurig, denn er war gebrochen. Wie sollte er – so wie er war – in einer Bäckerei verkauft werden?
Nach einer langen, aufregenden Fahrt wurden sie endlich abgeladen. Das Ziel ihrer Reise war eine Bäckerei in Leipzig. Hell war es in dem Laden und es gab viele interessante Dinge! Das wird bestimmt eine aufregende Zeit, dachte Kiki, der sehr neugierig ist.
Alle Butterkekse wurden auf ein Tablett in die Glasauslage gelegt. Toll, dachte Kiki, von hier aus kann man alles sehen und jeder kann mich sehen.
Direkt rechts neben Kiki entdeckte er ein ganz nettes Vollkornbrot und links, ja links, oh was war das? Eine Zuckerschnecke! Oh, wie schön sie ist und wie süß sie aussieht!
„Hallo“, rief Keks Kiki.
Die Zuckerschnecke antwortete nicht. Sie schien ziemlich eingebildet zu sein. Aber Kiki gab nicht auf. Er brüllte so laut er konnte: „Hallo, Zuckerschnecke! Du siehst so süß aus. Guck doch mal zu mir und nicht zu der doofen Brezel.“
Die Brezel guckte Kiki beleidigt an und sagte: „Das ist meine Freundin! Halte dich zurück, du Keks ohne Ecke.“
Aber Keks Kiki hielt sich nicht zurück. „Guck dich selber an, du aufgeblasener Brezelteig.“ Und schon ging ein großes Stimmengewirr in der Bäckerei los. Auch das nette Vollkornbrot von nebenan meldete sich zu Wort. Es konnte die aufgebrachten Gemüter der Gebäckteilchen beruhigen. Na, das kann ja lustig werden, hier in der Bäckerei, dachte Kiki und schlief völlig erschöpft ein.
Der nächste Morgen brach an, und alle bereiteten sich auf den Verkaufstag vor. Es wurden da noch ein paar Krümel zur Seite geschoben und hier eine Rosine an die richtige Stelle gerückt. Auch Kiki wischte sich noch ein paar Mehlspuren weg. Wie aufregend. Er sah viele Leute kommen und gehen. Sie kauften Brot, Brötchen und, ja: Jemand kaufte seine geliebte Zuckerschnecke. Nein, dachte Kiki, nicht diese, nehmt alle anderen Zuckerschnecken oder Gebäck-teilchen, aber nicht … diese.
Doch ungerührt von Kikis Wünschen nahm die Verkäuferin die Zuckerschnecke und schob sie über die Verkaufstheke.
Unglücklich, ohne Zuckerschnecke und ohne seine Ecke lag Kiki stumm und einsam in der Auslage der Bäckerei. Der Tag ging zu Ende. Nachdem die Bäckerei abgeschlossen und ge-reinigt worden war, ging das Licht aus. War die Tür wirklich abgeschlossen? Das Stimmgewirr unter den Gebäckteilchen fing wieder an. Kiki allerdings hielt sich zurück. Heimlich schlich er sich durch die unverschlossene Tür aus der Bäckerei.
Alles war so fremd. Wohin? Egal, erst einmal weg. Er ging einfach die Straße geradeaus.
„Ich, was ist das denn?“ Eine große Hundezunge schleckte Kiki ab. Schnell weg. Kiki rannte und rannte immer weiter, bis er schließlich auf dem Marktplatz ankam. Hier suchte er sich ein ruhiges Plätzchen und schlief ein. Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag er neben einem Obst- und Gemüsestand. Er stand auf und guckte sich den Marktplatz näher an. Gegen Mittag füllte sich der Markt mit Menschen. Kiki rannte vor Angst, zertreten zu werden, zurück in sein Versteck neben dem Obststand. Völlig außer Atem bemerkte er, dass er nicht allein war. Eine kleine, ängstliche Maus hatte hier auch Schutz gesucht.
„Was hast du denn?“, fragte Kiki die kleine Maus.
Die Maus antwortete: „Angst.“
„Aber wovor?“, wollte Kiki wissen.
„Vor den Menschen.“
„Und warum?“
„Sie haben meine Eltern in eine Mausefalle gelockt.“
Das ist wirklich gemein, dachte Kiki. Aber ich habe heute auch jemanden verloren: meine Zuckerschnecke. Ausführlich erzählte die kleine Maus Lukas von dem Käse, den seine Mauseeltern aufgegessen hatten, und der sie in die Falle gelockt hatte. Keks Kiki wollte die Stelle sehen, an der die Mausefalle aufgestellt wurde.
„Komm mit“, sagte die Maus zu ihm. Die beiden gingen durch die leerer gewordenen Gassen, bis sie an einem großen Haus ankamen. Ziemlich versteckt in einer Ecke stand die Mausefalle.
„Aha“, sagte Kiki und wollte lieber nicht betonen, dass sich an der Mausefalle noch Blut befand. Iih, dachte Kiki, das ist ja wirklich grässlich.
„Ab jetzt können wir doch gemeinsam etwas unternehmen“, sagte Kiki zu der kleinen Maus und hoffte so, Lukas auf andere Gedanken zu bringen. Die Maus war über die neue Freundschaft sehr froh und willigte gleich ein. Hungrig und traurig von den Erlebnissen der letzten Stunden huschten Lukas und Kiki lautlos durch die Gassen zurück in Richtung Marktplatz, als sie ein leises Wimmern vernahmen. Erstaunt schauten sich beide an und fragten sich, woher dieses Geräusch kam. Da, neben einer Mülltonne, da musste es herkommen!
Kiki und die kleine Maus Lukas gingen gemeinsam in die Richtung, aus der das Wimmern kam. Zu Kikis Erstaunen und Freude lag zwischen den übelriechenden Mülltonnen die hübsche Zuckerschnecke aus der Bäckerei.
„Hallo, kleine Zuckerschnecke, kennst du mich noch?“, wollte Kiki wissen. Natürlich konnte sich die Zuckerschnecke an ihn erinnern. Sie erzählte den beiden, dass sie von einem Kind angebissen und achtlos in die Ecke geworfen worden war.
Kiki betrachtete die Zuckerschnecke. Jetzt sah sie ein wenig vertrocknet aus und hatte etwas von ihrem Glanz verloren.
Eigentlich ist sie jetzt viel netter. Und für mich ist sie immer noch so hübsch wie in der Bäckerei, dachte Kiki.
„Komm doch mit uns“, sagte Kiki deshalb zu ihr. Da freute sich die Zuckerschnecke.
Die drei Freunde gingen weiter und kamen zu einem Rummelplatz. Dort schlichen sie sich zur größten Achterbahn der Welt und fuhren damit. Das war toll und machte Spaß!
Kichernd verließen sie die Achterbahn und merkten nach wenigen Metern, dass sie von einem hässlichen Rottweiler verfolgt wurden. Sie rannten, so schnell sie konnten. Aber bald ging ihnen die Puste aus.
„Wir müssen uns verstecken“, rief die Zuckerschnecke in größter Not. Da sie so klein waren, versteckten sie sich unter einer Schießbude. Aber hier krachte es ganz fürchterlich. Doch wenigstens konnte der bösartige Rottweiler sie mit seiner Schnauze nicht erreichen.
Stunden später kamen sie endlich wieder unter der Schießbude hervor.
„Wir müssen etwas ändern“, sagte Kiki. „Hier ist unser Leben ständig bedroht.“
Gemeinsam beschlossen sie, die Stadt zu verlassen. Lukas kannte sich gut in Leipzig aus und führte die drei Freunde in einen nahe gelegenen Wald. Hier bauten sie sich gemeinsam eine gemütliche Hütte.
Kiki mit nur 41 Zacken, die vertrocknete Zuckerschnecke und die kleine Maus Lukas verbrachten viel Zeit miteinander, lachten viel und waren sehr froh, dass sie einander gefunden hatten.

Johannes Goronzy, 10 Jahre, Berlin