Josefine Berkholz „An die Stadt“

„Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2010

Kategorie Lyrik

Wenn Absatz auf Asphalt
Den Morgentakt schlägt
Warte ich ab
Bis sich der Frühnebel legt
Dann genieße ich ruhig
Meine zwei Stunden Zeit
Und fahr mit der U-Bahn
Bewusst viel zu weit
Steig irgendwo aus
Wo mich keiner mehr kennt
Und statt wie sonst brav
In Richtung Hektik zu zieh’ n
Existier ich heut passiv
Als Teil von Berlin

Und es gibt nichts zu tun
Und gibt nichts zu verstehen
Kein Druck, keine Suche,
Kein Anspruch an mich
Nur der Zauber des Morgens,
Die Stadt und ich
Und ich nehm’ mir die Zeit
All die Dinge zu sehen
Und lauf durch die Straßen
In offenen Schuh’ n

Und wenn der Abend dann anbricht
Tickt die Uhr trotzdem noch nicht
Und ich bin noch allein
Mit dem schwärmenden Stadtlicht
Darum lass ich mich ein
Auf den Taumel der Stadt
Auf den Puls im Asphalt
Und den Atem der Nacht
Drum lass ich mich schlucken
Vom U- Bahn- Schacht
Und kann am Fensterplatz schlafen
Weil Berlin für mich wacht.

Josefine Berkholz, 15 Jahre, Berlin