Josepha Gollanek „Gefangen“

Preis der Literaturwoche Winter 2014

Der Mond steht am Himmel und leuchtet schwach in das Zimmer. Ich zittere. Ich kann seinen Atem hören, ganz leise ist er wie ein Hintergrundgeräusch. Ich sitze auf dem Bett, die Hände in den Schoß gelegt. Mein Blick schweift zum Fenster. Ich spüre die getrockneten Tränen und den salzigen Geschmack im Mund. Meine Fingernägel schmerzen, so fest grabe ich sie in meine eigene Haut. Plötzlich höre ich neben mir ein Geräusch. Ich zucke erschrocken zusammen und sehe zu ihm, aber er liegt noch immer still da mit unschuldigen geschlossenen Augen. Ich werde wütend, als ich ihn so dort liegen sehe. Ich habe mein ganzes Leben lang nur geschwiegen. Auch bei ihm habe ich immer geschwiegen, bei meinem eigenen Mann. Meine Lippen fangen an zu beben. Ich will nicht weinen. Ich will nicht mehr schweigen. Ein Schrei ballt sich in meinem Inneren an. Er breitet sich aus, er fegt die Papiere vom Schreibtisch und lässt das Glas im Fenster splittern, er bläst die Ziegel von den Dächern, den Mond vom Himmel, die Blätter von den Bäumen und die Züge von den Gleisen.Ich blicke zu dem Mann neben mir. Auf einmal ist er für mich nur noch ein Fremder.Er öffnet die Augen und springt auf. Ich sehe Angst in seinen Augen und noch etwas anderes. Verblüffung. Aber ich höre nicht auf zu schreien. Er sieht hilflos aus wie er da steht und ich schreie noch lauter. Mein Schrei bricht abrupt ab. Er steht da, vor mir, schaut mich fassungslos an und ballt die Hände zu Fäusten. Und ich sitze hier, erschöpft von all dem Schreien,schweißnass und leer. Draußen fällt die Welt zusammen, weil ich zu lange geschrien habe.

Josepha Gollanek, 13 Jahre