Josepha Gollanek „Meine Straße“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2013

Altersgruppe 10 – 12 Jahre

Mitten in einer großen Stadt, zwischen dem Marktplatz, der langen Reihenhaussiedlung und einer Menge Müll, gibt es eine Straße. Den Straßennamen kann man schon längst nicht mehr von dem verwitterten Schild ablesen. Der Pfosten, an dem das Schild mal hing, liegt mitten auf der Straße. Und obwohl man jetzt nicht mehr mit dem Auto in die Straße kommt, hat sich noch nie jemand die Mühe gemacht, den Pfosten wegzuräumen.
Links und rechts neben der Straße wohnten vor langer Zeit eine Menge Menschen. Heute strotzen die einst kunterbunten Hochhäuser nur so vor Dreck und Rattenkot. Die Fenster sind eingefallen, ein Haus abgebrannt.
Ich laufe die Straße entlang und trete mit meinem Fuß gegen die morschen Bretter eines alten Holzschuppens. Es wundert mich nicht, als er mit einem lauten Krachen in sich zusammenfällt. Eine fette Spinne sucht sich den Weg nach draußen und verschwindet im feuchten Gras.
Ich blicke mich um. In dieser Straße habe ich mal irgendwann gewohnt. Mit meinem Vater, meinem kleinen Bruder und meinen beiden Katzen. In dem Haus, das gleich neben dem morschen Holzschuppen steht, den ich grade zertreten habe und das mein zu hause war.
Durch meine Schuhe, die eigentlich wasserdicht sein sollten, sickert langsam Wasser. Die Nacht über hat es geregnet. Die Straße versinkt regelrecht in Matsch und Wasser.
Ich verfluche meine Schuhe und laufe weiter, bis ich zu dem kleinen Spielplatz komme, auf dem ich als kleines Mädchen immer mit meinem Bruder gespielt habe. Der Spielplatz ist in Matsch versunken, die Spielgeräte hängen lose an ihrer Befestigung oder sind vor Dreck nicht mehr wieder zu erkennen.
Ich suche das Hochhaus, in dem wir gewohnt haben, nach unserem Fenster ab. Es ist eingeschlagen. So wie alle anderen.
Ich war lange nicht mehr hier. Fast bereue ich es. Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, wieso wir aus dieser Gegend fort gezogen sind. Ich erinnere mich nur noch an die Nacht, in der mein Vater gesagt hat, dass wir gehen müssen. Ich war damals noch sehr klein.
Plötzlich höre ich Stimmen. Ich drehe mich zum Spielplatz um. Von da müssen die Stimmen gekommen sein. Und ich glaube, ich sehe nicht recht. Zwei Kinder sitzen auf zwei Holzbienen, die mit stabilen Drähten im Boden verankert sind. Ein Mädchen und ein Junge, kaum älter als acht Jahre. Das Mädchen sieht mir irgendwie sehr ähnlich. Sie hat denselben Leberfleck wie ich an der gleichen Stelle, dieselbe Haarfarbe und dieselben neugierig leuchtenden Augen.
Die Spielgeräte sehen alle sehr neu aus, auch wenn der Regen unaufhörlich auf sie niederprasselt, und sie mit einer dicken Sandschicht überdeckt sind. Die beiden Kinder lachen.
Ihr Lachen tut mir in den Ohren weh, ich will mir die Hände auf die Ohren pressen, ihnen sagen, dass sie leise sein sollen. Doch ich kriege keinen Laut heraus. Sie sind doch noch so klein, wieso sollten sie nicht glücklich sein dürfen? Ganz langsam löse ich die Hände von den Ohren.
Die Kinder lachen noch immer. Ihr Mund bewegt sich. Aber ich höre ihr Lachen nicht mehr. Ich schaue schockiert zu den Kindern, will etwas rufen, doch ich höre meine Stimme nicht. Bin ich taub geworden?
Fast im selben Moment verschwimmt die Landschaft um mich herum, mir wird so schwindelig, dass ich kurz die Augen schließe und meine Hände auf die Schläfen pressen muss. Als der Schwindel sich legt, sind die Kinder verschwunden.
Die Geräte sind genauso dreckig, verrottet und kaputt wie davor. Eine Ahnung erreicht meinen Kopf und mir wird übel.
Fort. Ich muss hier fort. Nichts hält mich mehr hier. Ich drehe mich um, renne die glitschigen Steinplatten entlang, so schnell mich meine wackligen Beine tragen. Ich springe über das Schild mit dem verwitterten Straßennamen und fühle mich augenblicklich wie beim Eintritt in eine neue Welt. Erleichtert mache ich mich auf den Weg zu meinem neuen zu Hause.
Ich blicke kein einziges Mal zurück.

Josepha Gollanek, 12 Jahre