Josephine Dörr „Meine Mistgabel und ich“

Themenpreis der Literaturwoche Sommer 2009

Thema: „Das kannst du doch nicht machen!“

Die Sonne hing hoch am Himmel. Der Schweiß lief mir über den Rücken, als ich das frische Heu auf einen Stapel gabelte. Ich hatte noch das gesamte Feld vor mir, aber ich legte die Mistgabel weg und verzog mich in den Schuppen. Dort steckte ich mir genüsslich eine Pfeife an, stieß Rauchkringel aus und verschluckte mich an einer der vielen Staubwolken, die ich beim Reingehen aufgewirbelt hatte.
Weil ich keine Lust hatte weiterzuarbeiten, stiefelte ich über den Bauernhof, scheuchte dabei ein paar Hühner auf und streckte einem aufgeplusterten Gockel die Zunge heraus. Dieser kikerikiete gereizt und ich steckte mir Kaugummi in die Ohren. Ich latschte an der kleinen Hütte vorbei, in der ich derzeit hauste, und versuchte mit einem Stein mein einziges Fenster zu treffen, was danebenging. Also schlenderte ich weiter, und nach einer Weile bemerkte ich, dass ich mich in mein Auto gesetzt hatte und mit dem Steuer herumspielte. Ich holte meine Mistgabel, verstaute sie auf dem Beifahrersitz und tuckerte den Waldweg hinauf zur Autobahn.
Dort herrschte ein kilometerlanger Stau, in den ich mich gelangweilt einreihte. Ich drehte das Radio bis zum Anschlag auf. Die Musik dröhnte durch den Kaugummi hindurch, ich wippte im Takt auf dem Gaspedal. Am Auto neben mir wurde eine Fensterscheibe heruntergekurbelt. Meine Fensterscheiben standen immer offen, ich hatte keine Angst, dass man meinen totenkopfverzierten Trabi stehlen würde, er war mit vollem Tank das Doppelte wert, und der Tank war immer leer. Der Typ vom anderen Auto glotzte mich erzürnt an und bewegte stumm die Lippen. Die Musik war so laut, und ich hatte ja noch den Kaugummi in den Ohren, dass ich kein einziges Wort verstand. „Ich verstehe Sie leider nicht, reden Sie bitte lauter“, schrie ich aus dem Fenster. Sein Gesicht wurde rot vor Anstrengung, als er mich anbrüllte, aber ich konnte ihn trotzdem nicht hören. In dem Moment fuhr das Auto vor mir weiter und ich düste an ihm vorbei, sah aber im Rückspiegel, wie der Mann mir einen Vogel zeigte. Im Auto, neben dem ich hielt, saß eine schmächtige Frau. Als sie mich in Arbeitskleidung unrasiert und mit dreckbeschmierten Gummistiefeln, die ich auf den Beifahrersitz gelegt hatte, sah, bekam sie einen großen Schrecken, so dass sie ihrem Vordermann fast hinten reingefahren wäre. Sie warf immer wieder nervöse Blicke zu mir und meiner Mistgabel.
Ich stand sehr lange so mit meinem Auto, und der Stau wollte nicht enden. Da mir total langweilig war, leckte ich lustlos an der Scheibe herum und mir wurde die Sinnlosigkeit meines Tuns erst bewusst, als mich der Fahrer vor mir mit verstörten Blicken ansah und sich sogar umschaute, um mir dabei zuzusehen, wie ich meinen Kopf immer wieder auf den Lenker knallte und dabei laut hupte. Das war lustig.
Irgendwann drehte ich die Musik leiser, pulte mir den Kaugummi aus den Ohren und hörte, wie ein Mann neben mir angestrengt telefonierte. Er faselte irgend etwas von einem Irren im Auto, aber in dem Moment war ich auch schon eingeschlafen.

Josephine Dörr, 12 Jahre, Werder/Havel