Julia Baum „Abkürzung“

„Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2010

Altersgruppe 16 – 19 Jahre

Es riecht nach vergammeltem Obst. Das kommt von den Birnbäumen, die an allen Straßenrändern stehen. Erst regnet es Obst. Dann fahren Autos darüber. Dann liegt der Matsch eine Weile in der Sonne. Und schließlich riecht es im ganzen Dorf nach zu lange gekochter Marmelade.
Lutz hält mit dem Fischaroma seiner Gummihose dagegen. Im Frühjahr hat er mit der Hose bis zu den Knien im Dorfteich gestanden und seine Angelstelle sauber gemacht. Seitdem sitzt er hier so gut wie jeden Tag und blickt mit stoischer Gelassenheit auf die Pose.
Neben ihm steht ein Eimer, in dem drei kleine Plötzen Kreise drehen, und neben dem Eimer sitzt Lembowskys Katze und reckt den Hals. Manchmal gibt Lutz ihr einen seiner Köder ab. Manchmal holt sie ihn sich selbst.
Hinter Lutz fährt der Bus vorbei. Elf Uhr zwanzig nach Bad Frohen, Bahnhof. Lutz denkt manchmal darüber nach, wenn er so am Teich sitzt, warum man samstags zwar woanders hinfahren kann, aber bis Montag warten muss, bis ein Bus zurück fährt.
Da ist plötzlich ein Klacken. Lutz weiß erst gar nicht, woher so ein Geräusch kommt. Man hört es hier so selten. Dann fällt es ihm ein: Es klingt nach Hackenschuhen auf Asphalt.
Das Klacken kommt näher, etwas unregelmäßig, hektisch, dann klingt es dumpf, weil die Frau über Gras läuft. Und dann lässt sie sich neben Lutz auf die Bank fallen. Sie hat eine Reisetasche dabei. „Hallo“, sagt sie. Lutz brummt „Tach.“ und holt seine Angel aus dem Wasser. Er will sehen, ob der Köder noch dran ist. Ist er nicht. Die Fische haben ihn abgefressen.
„Wo kommen Sie denn her?“
Die Frau ist noch ganz jung. Ziemlich schick angezogen. Sie hebt die Schultern. „Von überall her.“
„Aber man kann doch nicht von überall her kommen.“
Sie winkt ab. „Doch, doch.“
Eine Weile ist es still. Lutz versucht es mit einem neuen Köder, Lembowskys Katze sonnt sich im Gras und die Frau bohrt mit ihren Absätzen Löcher in den Boden. „Ist hier jemand gestorben?“, fragt sie auf einmal und deutet schräg vor sich. Da stehen eine Kerze in einem roten Glas und ein welker Blumenstrauß.
Lutz guckt gar nicht hin. „Sie kommen nich‘ von hier, was? Das stand doch in der Zeitung.“ Er kratzt sich kurz das Kinn. „Na, den Achim hat’s erwischt“, brummt er dann. „War sauer auf den Ebert. Keine Ahnung, warum. Aber getobt hatter, kann ich Ihnen sagen, der war fuchsteufelswild. Hat sich besoffen und ist mit der Axt durchs Dorf marschiert. Hat den Ebert gesucht, was, und der saß hier bei uns. Na, und dann kam der Achim drüben die Straße lang.“ Lutz zeigt kurz zur anderen Seite des Sees. „Und hat uns gesehen, nich‘ wahr, und da wollt‘ er halt den kürzeren Weg nehmen und is‘ ersoffen.“
„Wie, ersoffen?“, fragt die Frau.
„Na, schwimmen wollt‘ er!“
„Wie –mit der Axt?“
„Mit der Axt“, sagt Lutz.
Die Frau ist still und guckt auf den Blumenstrauß. Lembowskys Katze macht ein Auge auf und guckt auf die Frau.
„‘s schon traurig, wie’s Leben manchmal spielt, nich‘?“, sagt Lutz. „Aber wer weiß schon, wat passiert wär‘ wenn er den kleinen Umweg gemacht hätte…“
Die Frau nickt. „Ja, das kenn’ ich, das ist manchmal auch nicht so schön mit den Umwegen“, sagt sie dann. Lutz runzelt die Stirn. Aber die Frau sagt nichts mehr. „Nu erzählen Se schon!“, meint Lutz.
Die Frau zieht ihre Schuhe aus und wackelt mit den Zehen im Gras. „Als ich klein war hab ich hier gewohnt“, erzählt sie. „Da hinten, wo mal die Kneipe war. Aber ich wollte eigentlich immer weg, und da habe ich nach dem Abi erstmal ein Jahr im Ausland gemacht. Dann hab ich studiert, da unten bei München. Hauptsache weit weg, hab ich gedacht. Aber das hat irgendwie alles nicht geklappt. Hab keine Stelle gefunden nach dem Studium. Da hat mir nicht mal die drei Monate Praktikum was genützt. Die hatten einfach nirgendwo was für mich.“
Lutz brummt. Er kann sich irgendwie nicht vorstellen, dass man so viel Zeit mit Lernen verbringen kann, ohne was Richtiges zu machen. „Und was ham Sie dann gemacht?“
„Umgelernt“, sagt die Frau. „Das hat noch mal drei Jahre gedauert. Und dann hab ich endlich eine Stelle gefunden. Dreimal dürfen Sie raten, wo.“
Lutz muss grinsen. „Hat’s Sie wieder hierher verschlagen, was? Kann man wohl nix machen.“
Es riecht nach vergammeltem Obst. Die Frau erinnert sich, dass das schon so war, als sie klein war. Lutz hat sich schon an den Geruch gewöhnt.
„Nee“, brummt die Frau irgendwann. „Kann man nix machen.“

Julia Baum, 18 Jahre, Heckelberg