Junes Rattay – „Träume“

Wir schreiben das Jahr 1962. Es ist noch kalt in der Stadt, obwohl es schon Ende März ist. Frau Kleemann wohnt mit ihren Kindern Hans und Erika am Rande der ostdeutschen Hauptstadt in Rosenthal. Ihr Mann, der in Westberlin arbeitet und beim Mauerbau dort geblieben ist, hofft, seine Familie auch in den Westen holen zu können. Bisher hat das aber leider nicht geklappt.

Seit nunmehr zwei Monaten sind es in der Stadt Minusgrade. Es ist Montagmorgen. Hans muss aufstehen. Erika schläft noch. Sie geht noch nicht zur Schule. Hans weckt die Mutter und wäscht sich. Er kann sich nicht richtig waschen; die Wasserleitung ist eingefroren. Er muss sich mit einem Lappen trocken waschen. Seife haben sie auch keine mehr. Es gibt einfach nichts zu kaufen. Es ist dreiviertel sieben. Er muss los. Einfach den Feldweg entlang bis zur Hauptstraße und dann rechts. Er ist zu früh dran. Sein Freund Günther ist noch nicht da. Daher geht er alleine zur Schule. In der Schule ist Hans gar nicht mehr bei der Sache.

Bisher hat der Vater ihm regelmäßig Briefe geschrieben. Aber seit einem halben Monat hat Hans keinen Brief von seinem Vater bekommen. Wird er seinen Vater jemals wiedersehen? Nach der Schule will er noch nicht nach Hause. Er geht lieber nochmal an der Mauer vorbei. Er hat oft geträumt, wie es wäre, endlich wieder seinen Vater sehen zu können. Vielleicht steht der Vater auf der anderen Seite der Mauer und denkt das Gleiche. In den Gedanken versunken, schlendert er an der Mauer entlang. Es sind nur wenige Meter, die sie voneinander trennen – ein kleiner Zwischenraum.

Gegen drei Uhr kommt Hans zu Hause an. Er ist eine Stunde später dran als sonst. Seine Mutter hat sich schon Sorgen gemacht. Er fragt, ob Post von dem Vater angekommen sei, obwohl er die Antwort schon kennt: „Nein, aber er schreibt uns bestimmt demnächst“, sagt   die Mutter jedes Mal. Hans glaubt schon fast nicht mehr dran, aber trotzdem hofft er es. In der Nacht träumt Hans, dass er einfach über die Mauer springt und auf der anderen Seite der Vater steht und ihn auffängt. Könnte er nicht irgendwie zu seinem Vater gelangen? Die Grenzposten austricksen? Er möchte zu seinem Vater. Egal wie. Anfangs denkt er, er könnte die Mutter fragen, aber diesen Gedanken vergisst er schnell wieder. Nein, er muss es alleine durchziehen.

Es ist Dienstag. Heute steht er früher auf. Er zieht sich sofort an, weckt die Mutter nicht und geht eine halbe Stunde früher los. Er geht nicht auf direktem Weg zur Schule. Er geht quer durch Berlin-Rosenthal und sieht endlich die Mauer. Er überlegt. Wo könnte man am besten die Mauer überwinden? Da! Die Mauer macht einen Knick. Würde er sich im Dunklen hinter dem Busch verstecken, könnte man ihn von keiner Seite sehen. Links und hinten der Busch, rechts und vorne die Mauer. Er bräuchte ein Messer. Ein scharfes Messer. Er müsste Stufen in die Wand ritzen und an ihnen schnell hochklettern. Oben könnte er mit dem Messer den Draht durchtrennen. In den Gedanken versunken, vergisst er die Zeit komplett. Als er aus seinem Traum aufwacht, ist es schon zehn nach sieben. Er hat nur noch fünf Minuten Zeit. Hans rennt durch die Straßen und weiß, dass er heute das erste Mal zu spät in die Schule kommen wird.

Günther ist schon im Klassenraum, das weiß er, sonst würde er noch draußen auf ihn warten. Hans steht vor dem Klassenraum und weiß nun, dass der Unterricht schon begonnen hat. Sie haben heute bei Herrn Graten, einem der schlimmsten Lehrer der Schule. Es ist sechzehn nach sieben. Soll er einfach nach Hause gehen und sich krankmelden? Aber wie soll er das seiner Mutter erklären? Er gibt sich einen Ruck und klopft. Es bleibt ruhig im Klassenraum. Kein Geschimpfe, kein Gelächter, nichts. Hans klopft noch mal. Frau Seelow öffnet die Tür. Hans stutzt. Frau Seelow bemerkt Hans‘ verdutzten Blick und erklärt ihm, dass Herr Graten krank sei. Frau Seelow ist Hans‘ Lieblingslehrerin. Hans entschuldigt sich, setzt sich an seinen Platz und schaut zu Günther. Günther weiß sofort, warum Hans zu ihm guckt. Er sagt ihm die Aufgaben, damit Hans nicht Frau Seelow fragen muss. Hans öffnet das Buch, schweift in Gedanken aber wieder zu einem ganz anderen Thema ab: seinem Vater. „Hans“, ruft Frau Seelow. Hans fährt hoch. „Wie war die Frage?“, fährt es Hans durch den Kopf. Schnell flüstert Günther ihm die Frage zu, sodass er sie noch beantworten kann.

Hans wartet vor der Schule auf Günther. Sie haben einen ähnlichen Weg. Sie schlendern durch die Straßen und Hans bedankt sich bei Günther für seine Hilfe. Günther fragt, was los sei, und zeitweise überlegt Hans, ob er ihm sein Vorhaben verraten sollte, tut es aber nicht.

Eigentlich ist alles wie immer, Hans und Günther trennen sich an der Hauptstraße Ecke Feldweg. Hans geht den Feldweg entlang und Günther bleibt auf der Hauptstraße. Als er zu Hause ist, merkt er aber, dass etwas anders ist. Die Gartenpforte ist auf, der Briefkasten ist auf, die Tür steht sperrangelweit auf. Und in der Tür steht winkend die Mutter. Mit der einen Hand winkt sie, in der anderen hat sie einen Brief. Hans kommt auf die Mutter zu gerannt, als wüsste er, was die Mutter für einen Brief in der Hand hat. Hans reißt der Mutter den Brief aus der Hand und liest:

Hallo Anne! Hallo Hans! Hallo Erika!

Entschuldigung, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich hoffe es geht euch gut. Ich habe alles versucht, euch in den Westen zu holen, aber leider hat es nicht geklappt. Ich werde in den nächsten Tagen zu euch zurückkommen. Bis bald!

Liebe Grüße von eurem Vater Uwe!

 

– Junes Rattay / 12 Jahre, Glienicke/Nordbahn