Kim Katharina Salmon – „Countdown“

Er und sie sitzen oben, an der Heizung auf dem Boden. Irgendwer ruft von unten. „Sind alle da? Es ist gleich zwölf!“ Stimmen. „Haben alle Sekt?“

er: Ich werde einen Piratensender gründen, und zwar den ersten Sender der Welt, der an Silvester nicht die Sekunden runterzählt.

Dafür, dass er vier Bier und drei Cocktails intus hat, ist seine Stimme noch erstaunlich fest.

er: Zwei Cocktails.

Wie bitte?

er: Ich sagte, es waren nur zwei Cocktails.

Er sagte, es seien nur zwei Cocktails gewesen.

er: Boah ey, was soll die nervige Stimme aus dem Off?

Er heißt im übrigen Levi Kramer Junior und ist siebzehn Jahre alt. Wobei das „Junior“ in seinem Namen irreführend ist, weil es impliziert, dass es auch einen Levi Kramer Senior geben müsste. Gibt es aber nicht. Das „Junior“ hat er dazu gedichtet, weil er findet, dass es cool klingt.

er: Tut es auch!

sie: Mit wem redest du eigentlich die ganze Zeit?

Sie ist Justina Weiß, fünfzehn, und fast nüchtern. Viele Menschen meinen, wenn man schon illegal als Fünfzehnjährige auf einer Ü18-Party erscheint, dann um sich richtig zu besaufen. Aber Justina geht auf Partys, um Leute zu beobachten. Levi Kramer zum Beispiel.

er: Levi Kramer Junior. Mit niemandem. Also, mit niemandem, der wirklich da wäre. Rede ich, meine ich. Ich rede mit niemandem.

Sie betrachtet den Typen, der sich ihr da so konfus vorgestellt hat, schräg von der Seite. Er ist sicher auch noch nicht achtzehn. Siebzehn vielleicht. Pinkes Papp-Partyhütchen. Zu lange Haare. Und offenbar geistig verwirrt. Aber cooler Name. Sie fährt sich durch die Haare, lächelnd.

sie: Ich bin Justina.

Er ist sich nicht ganz sicher, ob sie gerade mit ihm flirtet. Sie trägt ein rotes Glitzer-Minikleid, aber sie ist jünger als er. Ein halbes Kind, denkt er, aber das kann auch an dem pinken Papp-Partyhütchen liegen, das sie schief auf dem Kopf trägt. Die Dinger sind echt unvorteilhaft.

sie: Und, Levi Kramer Junior? Gehen wir das neue Jahr begrüßen?

er: Ne.

sie: Was? Wieso nicht?

Er grinst, weil ihm das jedes Jahr passiert. Diese Ungläubigkeit. „Aber… das hier ist eine Silvesterparty!“ „Aber… jeder zählt die Sekunden bis Neujahr!“ „Aber… warum?“ Dabei hat Levi Kramer Junior

er: Geht doch

sie: Was?

natürlich seine Gründe.

er: Alle tun so, als wär das eine Verpflichtung. Was ganz Besonderes. Aber ganz ehrlich – nichts an diesen zehn Sekunden ist besonders. Oder anders als an allen anderen Zeitspannen auf der Welt. Man könnte genauso gut jede andere Zeitspanne hoch- oder runterzählen und am Ende begeistert rumkreischen.

sie: Klar. Aber warum machst du es nicht?

Er versteht nicht, was sie von ihm will. Hat er nicht gerade auf diese Frage geantwortet? Diesmal ist er es, der „Was?“ fragt.

er: Was?

sie: Kann ja sein, dass es keine Bedeutung hat. Aber das ist doch kein Grund, nicht mitzumachen. Geburtstag feiern hat ja so gesehen auch keinen Sinn. Oder Weihnachten. Filme gucken. Kuchen essen. Sowas.

Jetzt versteht er, was sie meint. Und er fragt sich, ob sie lieber eine philosophische Grundsatzdiskussion über den Sinn des Lebens mit ihm führen will, als mit den anderen die Sekunden bis Neujahr zu zählen.

er: Wenn du mitzählen willst, musst du jetzt runter.

sie: Ich weiß noch nicht, ob ich mitzählen will.

Sie nimmt seine linke Hand und schaut auf seine Uhr. Dann lässt sie seine Hand wieder los. Er blinzelt, verwirrt über den plötzlichen Körperkontakt, und ist sich für einen Moment nicht sicher, ob er sich das Ganze vielleicht nur einbildet. Dass sie seine Hand genommen hat. Dass sie mit ihm spricht. Dass sie da ist. Vielleicht hat er doch zu viel getrunken. Vielleicht ist sie auch nur eine Art Silvester-Halluzination.

sie: Okay, hat sich erübrigt. In elf Sekunden ist…

Von unten ist kollektives Zählen zu hören. „Zehn! Neun! Acht! Sieben! Sechs! Fünf! Vier! Drei! Zwei! Eins!“ Levi Kramer Junior und Justina Weis sitzen indes oben, an der Heizung auf dem Boden.

sie: Ach, Scheiße.

er: Frohes Neues.

sie: Also jetzt plötzlich doch?

Er: hat ein ganz leicht schlechtes Gewissen, weil sie seinetwegen das neue Jahr verpasst hat.

er: Soll ich mich entschuldigen?

Vielleicht wäre eine Entschuldigung angebracht.

sie: Wofür?

er: Tut mir leid, dass ich dich davon abgehalten habe, Sekunden zu zählen.

sie: Schon okay. Ich geh mir das Feuerwerk angucken, kommst du mit?

er: Klar!

Sie steht auf. Er steht auf. Sie macht sich auf den Weg nach unten, er folgt ihr. Plötzlich bleibt sie stehen und bedeutet ihm, zu warten.

sie: Warte kurz. Die werden sich fragen, warum wir nicht dabei waren, und wenn sie sehen, dass wir zusammen die Treppe runterkommen, denkt morgen die ganze Schule, wir hätten…

er: Verstehe.

Sie blicken sich an, lange. Dann passiert nichts. Sie geht die Treppe nach unten. Levi Kramer Junior blickt dem Mädchen im roten Glitzer-Minikleid mit dem pinken Papp-Partyhütchen nach, Justina. Er wartet und zählt die Sekunden.

er: Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn.

Dann folgt er ihr, leicht schwankend, nach unten, nach draußen, wo gerade jemand die erste Rakete in den Nachthimmel schießt. Er nimmt ein Glas Sekt von einem Tablett. Ein paar Meter weiter steht Justina, mit dem Rücken zu ihm, ebenfalls mit einem Sektglas. Sie sieht ihn nicht, aber er prostet ihr schweigend zu. Dann trinkt er aus, ohne abzusetzen. Und über dem Gelächter und dem Zischen der aufsteigenden Raketen verstummt sogar die Stimme in seinem Kopf.

 

Kim Katharina Salmon, 15 Jahre