Lea-Lina Oppermann – Remis

Wir trafen uns am Äquator, um kurz nach halb vier.

Zum Schach.

„Links oder rechts?“, begrüßte mich Hacke, die Hände hinter dem Rücken verborgen.

„Rechts.“

„Schlechte Entscheidung“, er lachte, streckte mir die rechte Faust entgegen und öffnete die Finger. Ein schwarzer König kroch aus seinen schmutzigen Hautfältchen hervor. „Ich wusste, dass du das sagen würdest! Ich fang an.“

Wir setzten uns auf den Äquator, ein Bein auf jeder Seite, zwischen uns die Platte, mit schwarzem Edding auf den Beton gekritzelt.

Zwei Meter weiter pinkelte ein Schäferhund gegen die Mauer, Hacke schüttelte die Figuren aus dem Beutel. Bauern, Springer, Läufer, Türme und zwei Damen purzelten auf das Schlachtfeld.

Mit den geübten Fingern eines Klavierspielers platzierte ich meine schwarze Armee. Es bringt Glück, als erstes mit der Aufstellung fertig zu sein. Außerdem betrachtete ich die beiden Heere vor dem Spiel gern noch ein wenig, wie sie sich einander gegenüberstehen, kampfbereit, in Reih und Glied.

„Mach schon“, kommandierte ich, obwohl Hacke längst noch nicht fertig war. Psychologische Kriegsführung, nennt mein Vater das.

Doch Hacke ließ sich davon nicht aus dem Tritt bringen. In aller Seelenruhe rückte er sich die zerschlissene Kappe zurecht und ordnete seine Figuren.

„Du hast es so gewollt“, murmelte er schließlich, knackte mit den Knöcheln und eröffnete die Partie durch einen forschen Bauernzug Richtung Zentrum.

Der Kampf hatte begonnen.

Hacke und ich kannten uns nicht durch die Schule, Hacke ging nicht zur Schule, und auch nicht über unsere Eltern, Hacke hatte keine Eltern. Und bevor du jetzt fragst, nein, Klavier spielte er auch nicht.

Dafür spielte er Schach, und zwar besser als irgendjemand sonst auf diesem Planeten, zumindest behauptete er das. Sein Geld verdiente er sich als „King of chess“, hier am Äquator, indem er Passanten zum Schach herausforderte, um ein paar Münzen spielte und gewann. Jede einzelne Partie.

Als ich mit meinen Eltern in das große Einfamilienhaus mit Blick auf den Park zog, konnte ich alles, nur kein Schach. Ich weiß noch genau, wie er mich das erste Mal ansprach:

Ich lungerte nutzlos vor der Eingangstür herum, während die Möbelpacker das Klavier die Stufen hochhievten.

„Was kannst du eigentlich?“

Er schüchterte mich ein, dieser dreckige Kerl, dessen Augen genauso dunkel waren, wie das Klavier.

„Mehr als du“, antwortete ich, nach einigen Sekunden Bedenkzeit.

Er grinste. „Rasen mähen und Mozart spielen, was?“

„Hau ab“, mein halbherziger Versuch, ihn loszuwerden, beeindruckte ihn nicht im Geringsten.

„Nicht so unhöflich“, mahnte er, „wir sind jetzt Nachbarn.“

Ich schaute mich um. Vor uns erstreckte sich bloß der riesige Park, durchzogen von einer langen Betonmauer. Ganz am anderen Ende stand ein heruntergekommener Kiosk.

„Du wohnst hier?“

„Jawohl“, er zeigte auf den Kiosk, „direkt am Äquator. Da komme ich nämlich her.“

„Du meinst die Betonmauer?“

„Nein“, beharrte er, „ich meine den Äquator. Den Ring der Welt, Klugscheißer, spielst du Schach?“

„Du bist besser geworden“, lobte mich Hacke, allerdings in einem Tonfall, der ahnen ließ, dass er das für keine große Leistung hielt.

Die beiden Heerscharen waren mittlerweile um die Hälfte dezimiert. Eine seltsame Erregung hatte von mir Besitz ergriffen, Mordlust auf den weißen König. Ich wollte gewinnen, unter allen Umständen. Ich war besser als er, klüger, beliebter – denn woher sollte er wohl Freunde haben – reicher sowieso, besaß die besseren Chancen für die Zukunft und trotzdem behandelte er mich stets mit einer Arroganz, die mich fast zum Explodieren brachte.

„In Zehn Sekunden bist du matt – wetten?“ Ein lauernder Unterton hatte sich in seine Stimme geschlichen, er wusste genau um die Bedeutung dieser Partie.

„Eins“, zählte Hacke

Gerade noch rechtzeitig zog ich meine Dame einen Schritt zurück.

„Zwei.“

Er reagierte mit einem Läuferdoppelspieß.

„Drei.“

Ich versuchte meinen eigenen Läufer zu Hilfe zu holen…

„Vier.“

… und übersah dabei, seinen hinterhältigen Springer.

„Fünf.“

Er fegte meinen Läufer vom Feld, hatte nun freie Bahn für seine Dame.

„Sechs.“

Verzweifelt marschierte ich mit dem König einen Schritt vorwärts.

„Sieben.“

Sein Läufer schlug meine Dame.

„Acht.“

Ich rächte mich mit meinem Turm.

„Neun.“

Er zog die Dame nach.

„Zehn – oder besser: Schachmatt.“

Ich sackte zusammen. Meine Armee war verloren, der Heerführer tief gedemütigt. Ich griff in meine Hosentasche.

Er wehrte ab. „Behalt dein Geld. Ich will was anderes.“

Misstrauisch hielt ich inne.

Er lächelte – nicht arrogant, sondern ganz einfach freundlich.

„Bringst du mir Klavierspielen bei, Klugscheißer?“

 

Lea-Lina Oppermann, 16 Jahre