Leonie Mikulla „Unvergessen“

„Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2009

Altersgruppe 13 – 15 Jahre

Die Spülung hat richtig funktioniert. Das hat sie extra noch einmal ausgetestet. Einmal hat sie ein brennendes Streichholz ins Klo geworfen. Früher hatte sie Angst vor brennenden Streichhölzern. Aber dieses Streichholz ließ sich nicht runterspülen, und sie hatte es wieder rausfischen müssen. Sie hat keine Lust, Zigaretten aus einer Polizeitoilette zu fischen. Überhaupt, was für eine Scheißidee, sie nicht vorher unbemerkt irgendwo liegen zu lassen. Sie hat sie sich in die Hose gestopft in der Hoffnung, sie retten zu können. Den ganzen Weg lang hat sie die dünnen Dinger am Bein gespürt, und jetzt scheuert der Tabak. Egal, sie wendet den Kopf auf das grauschwarze Linoleum, er würde sicher nichts merken.
Polizisten sind alle gleich. Sie sehen gleich aus und sie reden gleich und sie denken garantiert sogar gleich. Früher hat sie anders gedacht. Sie dachte, die vielen gemeinen Beschreibungen dieser Leute wären ausgedacht von denen, die sich ärgern, bei etwas Bösem erwischt worden zu sein, und eigentlich wären die ganz nett. Sie ertappt sich bei dem Gedanken, dass sie vielleicht sogar selbst zu denen gehört. Die sich solche Geschichten ausdenken. Und irgendwie stimmt das ja auch. Für einen kurzen Moment kommen ihr fast die Tränen. Aber dann macht sie ihren Mund ganz spitz. Wenn sie weint, wird ihr Mund immer hässlich und breit, und sie sieht aus wie eine wehleidige Kröte. „Ich bin eine wehleidige Kröte“, sagt sie und ignoriert das Gesicht des Polizisten. Polizisten sind alle gleich. Und sie sind genauso blöd wie in den Geschichten, so einfach ist das.
Der hat gesagt, sie soll zur Tür wieder rauskommen, auch wenn es in der Toilette Fenster zum Hof gibt, weil die Polizisten auch Pistolen haben. So was Beschissenes. Sie wollte wirklich nur aufs Klo gehen. Und dabei hat sie dann die zwei zerbrochenen Zigaretten entdeckt. Aber das hat der zum Glück nicht gesehen.
Eigentlich ist ihr jetzt alles egal.
Das ist komisch. Das hat sie manchmal. Dieses Gefühl, dass ihr alles egal ist. Ihr ist jetzt egal, dass sie hier ist. Ganz plötzlich. Ihr ist auch egal, wie das hier aussieht. Der Polizistenverein, hier. Vor einer Minute fand sie diese Metallschränke noch total schrecklich. Vielleicht war es auch vor einer halben Stunde. Oder länger. Als sie hier angekommen ist. Das war vor einer Ewigkeit. Das war vor zwei Jahren. Zwei Jahre, so kommt es ihr vor. Sie beißt sich auf die Lippe, an „zwei Jahre“ darf sie gar nicht erst denken. Im Moment genießt sie ihre Gefühllosigkeit.
Diese Metallschränke sind ein großer Fehler des Entwicklers. Der war wahrscheinlich auch mal so ein gemeiner Polizist. Ein Polizist in Architektenkleidung. Voll unkomisch. Sie lacht nicht darüber. In Geschichten lachen die Leute vor Bitterkeit. Sie fühlt nichts. Keine Bitterkeit und keine Enttäuschung. Sie fühlt sich wie die Metallschränke. Die sind vorne und links und hinten und im Nachbarraum sind sie auch. Die Schreibtische sind auch aus Metall, aber das fällt ihr erst jetzt auf, die sind zugepflastert mit Formularen und Aktenordnern und Notizzetteln und sonst was. Auf diesen Akten stehen Fälle von Verkehrunfällen. Der eine Polizist, vielleicht war es auch der andere, in diesem Dämmerlicht erkennt man eh nichts, hat davon erzählt. Er hat eine Katze überfahren. Bloß, er wusste nicht, was er jetzt mit der toten Katze machen soll. Und das fand er lustig. Vielleicht war es auch so eine Bitterkeitskomik.
Gegenüber an der Metalltür hängen auch Zettel. Da sind Terroristen gesucht. Terroristen sitzen genauso wie sie auf dem Revier, bloß haben die Handschellen.
Vorhin wurde sie abgeführt. Durch das ganze Kaufhaus. Und die Leute haben böse geguckt. Oder vielleicht hat sie sich das eingebildet. Im Auto hat sie sich gebückt. Unauffällig. Die Leute hinter dem Autofenster haben reingeguckt. Haben blöde geguckt. Aber vielleicht kam ihr das nur so vor. Sie hat getan, als binde sie sich die Schnürsenkel zu. Dabei haben ihre Schuhe überhaupt keine Schnürsenkel. Scheißschuhe. Da hat sie sich wieder aufgesetzt. Im-merhin hat sie sich vorher getraut in diesen Laden zu gehen und diese Ketten da zu klauen, also kann sie sich jetzt auch trauen, sich den Leuten zu stellen. Wahrscheinlich alles ehrliche Leute. Kinder mit Omis, die mit denen einkaufen gehen und denen Schmuck kaufen. Die keine Angst vor fetten Polizisten haben, sondern ihn als „Freund und Helfer“ ansehen. Polizisten sind alle fett. Entweder haben sie sich Arbeitsfrust angefressen oder die Uniformen sind so. Wenn Sie Polizistin wäre, würde sie sich auch Frust anfressen. Oder sie wäre nett. Dann würde sie Kinder wie sie einfach wieder freilassen. Aber dann würde sie entlassen. Und dann würde sie sich auch wieder Frust anfressen. Egal, sie wird eh nie Polizistin. Das hat der eine Polizist sie vorhin gefragt, vielleicht war es auch der andere. Was sie werden will. Und sie meinte, sie möchte Journalistin werden, und da hat er gelacht und gesagt, so wird das nichts. Alle Polizisten haben Bitterkeitshumor. Am liebsten hätte sie ihn geschlagen. Aber Polizisten haben ja Pistolen.
Jetzt hat sie zwei Jahre Hausverbot. In dem Laden. Zwei Jahre. Dann ist sie fünfzehn. Fünfzehn und zwei Monate und drei Tage. Die Detektivin hat das gesagt mit der Strafe. Die De-tektivin hatte ein Cap auf und sah aus wie eine Kassiererin, die bei ihr um die Ecke bei Aldi arbeitet. Sie sah jedenfalls nicht aus wie eine Detektivin. Das ist doch scheiße, wenn Detektive nicht aussehen wie Detektive. Dann erkennt man sie ja nicht mal. Haha.
Vier Ketten. Billiges Plastikzeug. So eine Goldmalfarbe hatte sie früher im Bastelschrank. Als sie noch klein und lieb war. Warum hat sie soviel riskiert für ein bisschen Plastikzeug mit Bastelfarbe? Warum? Sie denkt an ihre Mama, die sich das kleine liebe Mädchen zurück wünscht, das sie einmal war. Was wird ihre Mama sagen? Wird sie sauer sein oder enttäuscht oder traurig oder wütend oder –
Sie bricht diesen Gedankengang ab. Sie hat eh schon so viele Fehler gemacht. Einer mehr oder weniger. Wen interessiert das? Wen interessiert sie? Sie selbst ist ein ganz großer Fehler. Sie ist ein Fehler, den man durchstreichen sollte. Sie ist das Komma in dem Satz „Das ist, schön.“, das da nicht hingehört und rot umrandet wird. Ich bin eine wehleidige Kröte. Sie hat halt etwas gestohlen und jetzt muss sie das ausbaden. Das ist schon vielen passiert. Sie kennt nur sich. Wer wird wütend auf sie sein? Papa, Schwester, Großeltern, Lehrer. Wütend kaut sie auf ihrer Lippe rum, aber das klappt auch nicht, sie muss den spitzen Mund machen, sie hat keine Taschentücher mehr. Und den Polizisten, der vorhin mit ihr zur Toilette gegangen war, will sie nicht noch mal fragen. Der glaubt dann noch, sie will sich in dem Taschentuch verstecken. Das traut sie ihm fast zu. Sie traut dem Leben alles zu.
In diesem Moment ist ihr doch nicht mehr alles egal. Jetzt hat sie Lust, einmal an der Zigarette zu ziehen, die sie vorhin runtergespült hat. Vielleicht hätte sie die doch in der Hose behalten sollen.
Nun kann sie doch nicht mehr an sich halten. Wie soll sie das alles schaffen? Sie presst die Hände auf die Augen, aber sie muss trotzdem heulen. Sie sieht nichts mehr, nur Schwärze um sie herum. Sie verharrt, in diesem Nichts und wünscht sich, nie wieder von dort fortzumüssen.
Doch in dem Augenblick tippt sie einer der Polizisten an. Sie weiß nicht mehr, ob sie ihn nett fand oder nicht.
„Deine Eltern sind da.“ Was? Wie bitte, ich kann Sie nicht verstehen. „Deine Eltern wollen dich abholen.“
Sie nickt, stumm, spürt, wie sie innerlich kapituliert. Es ist zu spät. Sie kann nichts mehr ändern. Die anderen werden ihr vielleicht noch verzeihen. Doch bei sich selber wird sie es niemals gut machen können.

Leonie Mikulla, 13 Jahre, Falkensee