Liah

Zum ersten Mal heute schloss ich die Tür auf.  Der Geruch nach Waschmittel und dem Eintopf, den Waltraud donnerstags kochte, verschwand und wich beißendem Reinigungsmittel. Ich schwankte und griff nach dem Treppengeländer. Einen Moment lang blieb ich so stehen und versuchte das Gleichgewicht wiederzufinden. Dann fing ich an zu laufen. Schritt für Schritt. Konnten die Nachbarn hören,  wer da die Treppe runter lief? Ich jedenfalls erkannte die Schritte der anderen jedes Mal. Das Haus, in dem ich wohnte, war eines der neueren in Berlin, aber es wohnten fast nur alte Menschen darin. Liah war das einzige Kind im Haus und manchmal tat sie mir leid. Allein mit ihrem Vater, dem schlurfenden Dackel und 12 alten Knackern, die sich ständig über sie beschwerten. Oder bei mir, weil ich mich nicht bei ihr beschwerte. Doch das hatten sie schon lange nicht mehr getan. Sie beschwerten sich zwar immer noch, aber nicht mehr bei mir. Sie waren alle ja froh, dass Liah im Haus wohnte. Es war ein sonniger, aber kalter Dezembermorgen. Ich ging den Weg am Kanal entlang. Der wenige Schnee, der noch nicht der Sonne nachgegeben hatte, knirschte unter meinen Füßen.  Mir begegneten kaum Menschen.  Ich hatte schon lange damit gerechnet. Am Montag hatte  sich Waltraut bei mir gemeldet und teilte mir mit, dass sie nicht  kommen könne. Einkäufe seien in der Abseite, ich bräuchte  nur den  Mikrowellen-Fisch aufzuwärmen, spätestens in einer Woche sei sie wieder da. Ich wünschte ihr gute Besserung und legte auf. Von den Vorräten war nur noch wenig übrig, und so ging ich einmal großeinkaufen, um die nächsten Tage das Haus nicht mehr zu verlassen müssen. Ich wurde mit dem Wissen geboren, dass Menschen sich auflösen konnten. Wenn Menschen vergessen werden, dann löst sich ein großer Teil von ihnen auf, und übrig bleibt ein  Leben in eine Art Dämmerzustand zwischen Wachsein und Traum. So etwas passierte mit mir. Ich wurde immer unauffälliger und blasser, und jetzt schlug das Nichts endgültig zu und versuchte mich zu einem Teil von ihm zu machen. Zu einem meiner Anhaltspunkte, dass die Außenwelt trotz  meines Verschwindens trotzdem noch existierte, gehörte Liah. Morgens hörte man, wie eine Art Rollkoffer die Treppe runtergezogen wurde, Stufe für Stufe, das ganze Treppenhaus. Radrumm, radrumm, radrumm. Wenn sie im Hof angekommen war, verwandelte sie ihren Koffer in einen Schulranzen. Sie schloss ihr Fahrrad  umständlich auf und meistens fiel es dann auch scheppernd um. Im Hof stand eine alte Kastanie. Im Herbst schoss sie mit einer Steinschleuder die Kastanien von den Ästen. Manchmal verfehlte sie sie und traf die Hauswand dahinter. All diese Geräusche hatte ich vorher nie wahrgenommen. Ich fing  allgemein mehr an, auf Sachen zu achten, die mir früher vollkommen egal waren. Wie zum Beispiel, als Liah wieder mal außer sich vor Wut von der Schule kam. Sie ließ ihr Fahrrad auf den Weg, der zur Tür führte, fallen. „Das ist für Englisch!“, hörte ich sie schreien. Tock. Das Geräusch einer Kastanie, die auf dem Boden aufkam. „Und das ist für Deutsch!“  Tock. „Und das ist für dieses verfluchte Geschichte.“ Tock. „Wer braucht schon Geschichte?!“ Sie hörte auf, Kastanien vom Baum zu schießen. „Und keinen interessiert  Geschichte!“  Jetzt schrie Liah nicht mehr. Sie war mitten im steinigen Hof zusammengebrochen und hatte das Gesicht in die Hände gelegt. Erst  später begriff ich, dass sie weinte. Am nächsten Morgen hörte ich wie jemand in aller Frühe durch das Treppenhaus lief, klopfte, einen kurzen Wortwechsel mit dem Öffner der Tür führte und dann weiterzog. Erst, als die Person im viertem Geschoss klopfte, erkannte ich die Stimme von Frau Gred. Auch was sie sagte, war nun verständlich. Als im viertem Geschoss die Tür geöffnet wurde, begann sie sofort; „ Guten Morgen Herr Wälser, verzeihen sie, dass ich so früh störe. Ich habe aber vor, noch bevor er zur Arbeit fährt, Richard Domemeyer über das zweifelhafte Verhalten seiner aggressiven Tochter Liah zu informieren und ihn aufzufordern, seine Tochter besser zu erziehen. Ich sammle Unterschriften von Mitbewohnern, die genauso denken“.
„Wo muss ich unterschreiben?“, brummte Herr Wälser undeutlich.
„Hier“, antwortete Frau Gred zufrieden.
Als nächstes hörte ich, wie sie sich verabschiedeten und eine Tür zuschlug. Dann ging sie die letzte Treppe ins fünfte Geschoss rauf. Ich erwartete, dass sie als nächstes bei mir klingeln würde. Stattdessen klopfte sie gegenüber bei den Domemeyeres.  Ich stieg aus dem Bett und ging zu dem Guckloch in der Tür. Frau Gred wartete ungeduldig, bis ein müder, unrasierter Herr Domemeyer die Tür öffnete. Er trug einen khakifarbenen Bademantel über einem zerknitterten, blau-weiß gestreiften Schlafanzug. „Verdammt, es ist sechs Uhr früh, was wollen sie?“, knurrte er. Frau Gred ließ sich nicht beeindrucken. In einem einzigem Atemzug sagte sie: „Ich bin hier bezüglich ihrer Tochter Liah. Alle gefragten Nachbarn stört ihr Verhalten enorm. Wir verlangen, dass sie ihre Tochter in den Griff bekommen“ Herr Domemeyer sah sie entnervt an. „Verdammt…“, sagte er dann nochmal. „Warum in aller Welt tauchen sie so früh auf? Ich hab Besseres zu tun, als ihnen hier Rede und Antwort zu stehen. Kommen sie heute Abend wieder. Aber um Himmelswillen, lassen sie mich noch eine Stunde schlafen!“, donnerte Herr Domemeyer. Dann  schlug er ihr ohne ein weiteres Wort die Tür vor der Nase zu. Im Grunde dachte Frau Gred nicht ganz anders als ich. Sie ging nicht mehr arbeiten, sie lebte allein. Das einzige Aufregende in ihrem Leben waren die Nachbarn. Bloß mir genügte es, Zuschauer zu sein. Frau Gred brauchte unbedingt eine Rolle in diesem Stück. Und ihr war klar, dass sie für Außenstehende offensichtlich den Schurken spielte. Neujahr war vorbei und wie um alle noch mehr zu provozieren, planten Liah und ihr Vater schon ihren nächsten Geburtstag. Liah wurde zehn und verteilte seit kurzem Entschuldigungszettel, die sie selbst malte.  Gerade stand Liah vor Herrn Wälsers Tür und wartete anscheinend darauf, seine Reaktion zu hören. „Na, meinetwegen“,  murmelte er. Eine Tür fiel ins Schloss.  Als  nächstes war ich dran. Als sie klingelte öffnete ich sofort die Tür. Liah war sehr klein. Sie sah eher aus wie sechs. Ihr braunes, zerzaustes Haar hatte sie hinter beide Ohren gestrichen. Trotz des Winters trug sie unter der kurzen Latzhose nur ein orangefarbenes, kurzärmliges T-Shirt. Sie reichte mir den Zettel. Dort war mit bunten Filzstiften geschrieben: Ich bitte um viel Verzeihung.  Villeicht wird es  bisschen laut. Danke für ihr Verzeihung. Liah.
„Könnten sie vielleicht Schlurfel, den Hund nehmen? Nur für den Geburtstag!“ Schlurfel und ich haben uns gut verstanden. Er macht am liebsten gar nichts. Und ich schaute ihm dabei am liebsten nur zu.

– Anna-Ilayda Kluth (12)