Lilith Fichtmüller „Der Schneemann“

„Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2010

Altersgruppe 13 – 15 Jahre

Wenn Jona so darüber nachdachte, fragte er sich, warum er es nicht gleich auf diese Art probiert hatte. Weil es ihm nicht eingefallen war, sagte er sich. Sein Herz war von blanker Furcht und Angst verblendet gewesen. War ich doch dumm, schalt er sich, doch einen Moment später widersprach er dem. Irgendwann wäre ich ja sowieso darauf gekommen. Wann hatte es so etwas denn auch schon gegeben? Sein Bein zuckte. Das tat es in letzter Zeit häufig. Hatte irgendetwas mit Zuckerzufuhr oder so zu tun. Es schlug gegen die Bettkante. Vor Schmerz setzte er sich auf. Das Bein war genau an der Stelle gegen den Metallpfosten gekommen, wo sich der Verband auf der Wunde befand. Auf der Wunde, die durch den Schlag entstanden war.
Das alles begann im Winter dieses Jahres. Den ganzen Tag über war Schnee gefallen. In dem Dorf, eine Stadt konnte man es wohl nicht nennen, in der er mit Kate und ihrer gemeinsamen Tochter Grace wohnte, gab es einen Park. Er war weit ausgebaut, weil er an den Wald grenzte. Eine Straße ging durch den Wald. Er musste dieser Straße folgen, wenn er Grace zu ihrer Schule bringen wollte. Es war der 06.01., als er die Kinder sah. Er sah sie, als er seine Tochter von der Schule abholte. Die Kinder waren mitten im Wald, auf einer geräumigen Lichtung, weiter weg von der Straße. Beinahe hätte er sie nicht gesehen, doch Grace machte ihn auf sie aufmerksam.
„Schau mal! Papa, guck!“ Sie bauten einen Schneemann. Aber der sah nicht so aus, wie Schneemänner normalerweise aussahen. Er war groß und plump, fast zwei Meter groß, schätzte Jona. Er hatte zwei kleine Augen und einen grinsenden Mund. Und er hatte keine Nase. In einem seiner plumpen Arme steckte statt einem Besen eine Axt. Jona runzelte die Stirn. „Papa, können wir zuhause auch einen bauen?“ Lächelnd beugte Grace sich vor und zeigte dabei ihre Zahnlücke. „Ja natürlich, Maus.“ „Papa, warum waren die Kinder so komisch angezogen?“ Ihr war es also auch aufgefallen. Die Knirpse waren nur dünn bekleidet gewesen. Keine Winterjacke, kein Schal, keine Mütze. Er glaubte, sich daran zu erinnern, dass ein Mädchen keine Schuhe angehabt hatte. „Ich weiß es auch nicht, Grace.“ Auf dem Weg zurück fragte er sich, wieso die Kinder allein gewesen waren.
Nach dem Abendessen baute sie ihren Schneemann. „Fertig!“, brüllte Grace und setzte ihrem Schneemann die Zapfen als Augen ein. Kate kam aus dem Haus und nahm sie in die Arme.
„Schön mein Schatz. Und jetzt ab ins Bett.“ Grace sprang ihr aus den Armen und lief hinein.
Jona küsste seine Frau und die beiden gingen gemeinsam ins Haus.
In dieser Nacht starb Peter Miller. Und noch während alle anderen schliefen, machte sich der Mörder auf den Rückweg.
Jona erfuhr erst am nächsten Morgen, was passiert war. Jona selbst war Polizist, und daher wunderte er sich, als er auf dem Weg zum Supermarkt das Polizeiaufgebot an Peters Haus sah, weil er nicht hinzu gezogen worden war. Zahlreiche Nachbarn standen hinter der gelben Abspannung. Zwei Polizisten trugen eine beladene Bahre aus dem Garten, der abseits von der Straße hinter dem Haus war. Der Körper unter dem weißen Leichentuch sah sonderbar aus. Jona kam schnell darauf, was es war. Der Kopf sah wie abgetrennt und wieder dazugelegt aus.
Er wandte sich ab, sah, dass andere die Köpfe ebenfalls abwandten und ging zu einem Polizisten mit einem Block in der Hand. „Hallo, ich bin Jona Brown. Ich war ein Freund von Peter …und bin Polizist. Was ist denn bloß passiert?“ „Oh, hallo Mr. Brown. Nun, heute Morgen ging ein Anruf bei uns ein… von seiner Frau. Sie meinte, sie hätte ihren Mann im Garten gefunden. Wir sind hergefahren und fanden die Leiche… und haben Frau Miller natürlich auch befragt. Herr Millers Kopf ist abgetrennt worden. Einfach abgeschlagen.“ Er schauderte.
„Naja, und eben kam das Spurensicherungsteam.“ „Darf ich?“ „Ja, gehen Sie ruhig. Aber passen Sie auf.“ Jona ging auf die gelbe Absperrung zu. Dort stand einer seiner Kollegen und winkte ihn durch. Jona ging vorbei und blieb am Gartenzaun stehen. Auch in diesem Garten lag Schnee, überzog Büsche und die Rosensträucher. Nicht weit von der Terrassentür war der Schnee rot gefärbt. Das Eis hatte die Farbe in sich aufgenommen. Nur rot. Jona trauerte um Peter. Er war ein netter Nachbar gewesen. Das Spurensicherungsteam, ganz in gelbe Overalls gekleidet, stand um die rote Stelle herum und hantierte mit Geräten. Jona drehte sich um und ging nach Hause. Er hatte jetzt keine Lust, einkaufen zu gehen.
Um halb acht fuhr Jona mit dem Auto los, um Grace zur Schule zu bringen und danach zur Arbeit zu fahren. Die Fahrt dauerte zehn Minuten und er hielt wachsam die Augen auf, ob er die Kinder noch einmal sah. Sie waren nirgends zu sehen, als er an der Lichtung vorbeifuhr. Nur der Schneemann war dort noch, stand einsam dort im Wald. Die Axt glänzte im Sonnenlicht, das durch das Blätterwerk hindurch schien. Jona fragte sich, wo die Kinder die Axt herhatten. Man sollte Kinder doch nicht mit so etwas spielen lassen. Aber es gab immer ein paar Verrückte. Schon waren sie mit dem Auto an der Lichtung vorbei, weiter auf dem Weg zur Schule, damit alles seinen normalen Verlauf nahm. Kate hatte es mit Verständnis aufgenommen. „Peter war ein netter Mensch gewesen. Das tut mir Leid“, hatte sie gesagt.
Sie hatte wissen wollen, wie er verstarb. Er hatte es ihr erzählt. Sie war zusammen gezuckt und hatte dann weiter Grace´ Schulbrote geschmiert. Er hatte sich darüber geärgert. Wie sie das so auf die leichte Schulter nehmen konnte. Er war doch auch ein Freund von ihr gewesen. Und er wurde nur eine Straße weiter ermordet. Wer war der Mörder? Wer brachte so was Widerwärtiges über sich? Im Stillen ballte Jona die Faust zusammen. „Grace? Alles in Ordnung?“ „Ja. Warum nicht?“ „Weißt du, Grace, Peter ist gestern Nacht gestorben. Ich hoffe bloß, dass du dir jetzt nicht so viele Sorgen oder so machst, verstehst du?“ „Oh… Ja, okay Papa.“ Er brachte sie noch bis zum Schultor. „Tschüss dann.“ Danach fuhr er zur Arbeit.
Vielleicht gab es ja inzwischen etwas Neues.
Sie hatten ihn noch zu dem Fall hinzugezogen. Er saß im Besprechungsraum und hörte sich die bisherigen Ergebnisse an. Das Spurensicherungsteam hatte nichts gefunden. Zumindest so gut wie nichts. Am Hals, an der Wunde hatte man Wasser entdeckt, dass vom Schnee stammte, aber das hatte nichts zu bedeuten. Wahrscheinlich war es davon, dass er die ganze Zeit im Schnee gelegen hatte, bis ihn seine Frau gefunden hatte. Trotzdem war es komisch. Keine Spur im Schnee, keine Fingerabdrücke, kein Tatwerkzeug. Keine Augenzeugen, keine Verdächtigen. Als wäre der Mord ohne Grund geschehen. Und auch als sie den ganzen Tag Leute befragten, stellte sich nur eins heraus. Nämlich nichts. Und als er am nächsten Morgen aufwachte, war er von einem Albtraum völlig verschwitzt. Und Barbara Stephans tot.
Sie hatten keine Ahnung, wie sie weiter ermitteln sollten. Sie wussten bloß, dass der Mord mit dem anderen in Verbindung stand. Beide Opfer waren geköpft worden. Bei beiden hatte man keine Beweise oder sonstiges. Sie wussten bloß, dass beide in ihren Gärten gefunden worden waren.
„Mich würde ja mal interessieren, wieso die beiden eigentlich draußen waren. Ich meine, es war Nacht. Und es ist draußen jetzt im Winter nun mal sehr kalt. Was hat sie also dazu veranlasst, in den Garten zu gehen? Sie wollten garantiert keinen Abendspaziergang machen“, sagte Ben. Er war ein Kollege von Jona und erst neu dazu gestoßen. Der Chefkommissar unterbrach ihn. „Wir wissen dank den Pathologen, dass Miller wirklich an der Köpfung um etwa 1.15 Uhr am 07.01. morgens starb. So wie Barbara. Ungefähr selbe Zeit. Nur am 08.01.
Sie wurde…von ihrem Sohn gefunden. Er ist 15 Jahre alt und hatte sich wohl Sorgen gemacht, weil er seine Mutter nirgends gesehen hatte. Als er dann zur Schule wollte… Niemand anderes hatte vor ihm ihre Leiche gefunden, weil sie doch am Wald wohnen. Mit dem Garten zum Feld. Vielleicht handelt es sich hier um einen Serientäter. Wir sollten uns das Ganze noch einmal ansehen. McLoed und Anniston, Sie gucken sich den Abstand zu den Häusern und die Häuser selbst noch einmal an. Beide stehen am Wald. Wie konnte der Mörder keine Abdrücke hinterlassen? Ein Schlitten vielleicht?“ Die Dienstbesprechung ging weiter, neue Aufgaben wurden verteilt. Jona hatte nichts zutun. Er beschloss, sich den Schneemann noch einmal anzusehen. Er musste die Axt dort wegschaffen, dass war doch gefährlich. Wenn die Kinder noch einmal damit spielen wollten…
Er parkte am Straßenrand, an einem Parkplatz in der Nähe des Dorfes. Es war wohl nicht weit zu Fuß. Er hatte sich schon ein paar hundert Meter durch den Wald und durch den Schnee gekämpft, als ihm ein paar rote Tropfen im Schnee auffielen. Hatte er sich irgendwo verletzt? Nein, die Blutspur zog sich tröpfelnd weiter in den Wald hinein. War hier ein verletztes Tier entlanggekommen? Oder ein Wanderer? Vorsichtig zog er weiter durch den Wald. Mittlerweile war es dunkel geworden. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können und lief direkt in den Schneemann hinein. Er war wirklich groß. Sein unheimliches Lächeln ließ Jona einen Schritt zurückweichen. Er sah auf den Boden und bemerkte, dass die Spur hier endete. Jona trat wieder einen Schritt näher heran. Die Axt, die der Schneemann in der Schneehand hielt, war blutverkrustet. Jona keuchte. Die Täterwaffe? Außerdem bemerkte er, dass er viel tiefer im Wald war, als er es angenommen hatte. Er konnte von hier die Straße weder hören noch sehen. Es fing an zu schneien. Er würde den Weg zurück nicht mehr finden können, wenn er länger blieb. Jona blickte dem Eismann noch einmal in die Augen, die aus schwarzen Murmeln bestanden. Fast hätte er geglaubt, darin eine Regung zu sehen, aber das Schneegestöber musste ihm einen Scherz gespielt haben. Es hatte angefangen, stärker zu schneien. Und gerade, als Jona sich umdrehte, um zurück zum Wagen zu gehen und die anderen zu verständigen, traf ihn ein harter Schlag gegen sein linkes Bein. Es knackte laut und ein paar Sekunden später durchfuhr Jona ein gewaltiger Schmerz. „Was…?“ Verwundert und entsetzt zugleich zuckte er herum und schaute dem Schneemann direkt in seine schwarzen Augen. Er hatte sich…nein das ging nicht, das war unmöglich, zu ihm hinunter gebeugt und hielt die Axt mit der Rechten umklammert, bereit, jeden Moment zuzuschlagen. Schnell drehte Jona sich herum und entging der Klinge um Haaresbreite. Die Axt sauste in den Schnee, doch der Eismann richtete sich schon wieder auf. Jona versuchte aufzustehen, knickte jedoch wieder ein und griff nach einem Ast. Das war unmöglich, Schneemänner konnten sich nicht bewegen! Er wich der Klinge erneut aus und schmetterte den Ast gegen ihn. Der Ast zerbrach und splitterte in kleine Holzteile. Ein paar bohrten sich in seine Haut. Jona wurde umgerempelt und fiel auf die Knie. Niemand wusste, wo er war. Niemand würde vermuten, wo er war, wenn er jetzt starb. Mit der Rechten griff er in die Hosentasche und holte ein Feuerzeug heraus, entzündete es und warf es dem Eismann entgegen. In diesem Moment wurde er ohnmächtig. Was Jona nicht mehr bei Bewusstsein erlebte, war, dass das Feuer den Axtgriff entzündet hatte und der Schneemann geschmolzen war. Es hatte ein Ende.
Vorläufig.

Lilith Fichtmüller, 13 Jahre, Bernau OT Schönow