Lilly Beyer – Balthasars Reise

Balthasars Schuppen glänzten im Mondlicht. Er schaute nach unten. Nichts als Wasser. Seit Tagen flog er nun schon über das große Wasser. Immer weiter nach Osten. Doch selbst so ausdauernde Drachen wie er, halten so etwas nicht ewig aus. In seinem Rudel war er der Stärkste gewesen. Deshalb hatte sein Anführer, Sirius, ihn losgeschickt, um den mächtigen Zauberer zu finden. Der Zauberer, der diese Krankheit wieder heilen wird. Vor ein paar Sonnen fing es an. Als Milan, einer der ältesten und weisesten Drachen, von der Jagd wiederkam, waren seine Schuppen plötzlich matt und gräulich. Zuerst merkte niemand, dass er krank war.

Doch dann ging es ihm auf einmal schlechter und seine einst so smaragdgrünen Schuppen wurden schnell grau. Dann, als der Mond am höchsten stand, zerfiel er vor den Augen des Rudels zu Staub. Ab diesem Zeitpunk begann die Krankheit sich auszubreiten. Zuerst erwischte sie Samira, dann Terog und jetzt Carlin. Balthasar schnaubte. Er hatte genug von dieser Krankheit. Selbst die Schuppen seines Anführers sahen schon matt aus. Noch einmal schaute er verzweifelt nach unten. Doch plötzlich sah er dort hinten etwas. Im Mondschein konnte er die Umrisse einer kleinen Insel ausmachen. Balthasar nahm seine ganze Kraft zusammen, um dorthin zufliegen. Es war mehr ein großer Felsen als eine Insel. Doch sie gab ihm so viel Hoffnung. Unsanft landete er auf einem Felsvorsprung. Seine Flügel schmerzten, er hatte Hunger und Durst. Am liebsten hätte er sich hingelegt und ausgeruht. Aber nun musste er zuerst die Insel absuchen, denn sein Rudel brauchte ihn. Plötzlich erklang eine helle Stimme hinter ihm. ,,Entschuldigen Sie, Herr, ähm, Drache, würden sie einen Schritt nach links gehen?“ Erschrocken drehte sich Balthasar um und blickte in das Gesicht eines Wesens, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Es hatte die Gestalt einer Elfe, war allerdings größer und besaß keine Flügel. Stattdessen trug es einen kleinen Korb. Seine großen blauen Augen blickten ihn erwartungsvoll an. Er antwortete mit seiner rauen Stimme: ,,Ich bin Balthasar und suche den mächtigen Zauberer.“ Es tat gut, nach so langer Zeit wieder mit jemandem zu reden.

,,Ich fürchte das geht nicht.“ Verstand dieses Wesen etwa nicht, wie wichtig das war? ,,Es ist aber dringend“, fügte er hinzu. Es seufzte: ,,Der Zauberer Merlin weilt schon seit vielen Jahren nicht mehr unter uns. Ich habe seinen Platz eingenommen. Ich bin die Magierin Laura.“

Dabei strich sie sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Nein! Das durfte nicht sein.

Der Zauberer war seine letzte Hoffnung gewesen. Sein Rudel hatte ihm vertraut. Doch nun würde er sie enttäuschen, wenn er zurückkehrte. Er fühlte sich jetzt schon zu schwach, wahrscheinlich würde er noch nicht einmal zuhause ankommen. Mutlos sank er zu Boden. ,,Ist alles in Ordnung?“ Balthasar hatte die Hexe schon fast vergessen. Vielleicht konnte sie ihm helfen. Vielleicht würde dann alles wieder gut werden. Einen Versuch war es wert. ,,Du weißt nicht zufällig, wie man eine Krankheit heilt, bei der alle Lebewesen zu Staub zerfallen?“, fragte er und blickte sie hoffnungsvoll an. ,,Oh, das klingt nach einem ernsten Problem. Am besten ich schaue im Buch nach. Komm mit!“, meinte sie und drehte sich sogleich um. Nach kurzem Überlegen folgte Balthasar ihr. ,,Eigentlich wollte ich ein paar Kräuter für meinen Tee sammeln, aber es passiert ja nicht alle Tage, dass ein wildfremder Drache einem vor die Füße fliegt“, plapperte Laura munter los, während sie um den riesigen Felsen herum kraxelten.

,,Was ist das eigentlich für ein Buch?“, wollte er wissen. ,,Du meinst das Buch, in dem vielleicht eine Heilung gegen diese Krankheit beschrieben wird?“ Obwohl das ,,vielleicht“ in ihrem Satz ihn ein wenig entmutigte, nickte er erwartungsvoll. ,,Das ist ein uraltes Buch. Ziemlich schwer und groß. Es wurde von den Zauberern und Hexen vor mir verfasst und vervollständigt. Zuletzt schrieb Merlin etwas hinein. Er war ein sehr mächtiger Zauberer“, erklärte sie ihm. ,,Und bist du auch eine mächtige Hexe?“, fragte er weiter. ,,Erstens bin ich keine Hexe, sondern eine Magierin und zweitens kann ich das zwar nur subjektiv beurteilen, aber ich denke schon“, antwortete sie. Sie schwiegen. ,,So da sind wir schon“, verkündete Laura.

Vor ihnen befand sich eine große Holztür, die in die Felswand eingelassen war. Sie war so riesig, dass sogar Balthasar problemlos hindurch gehen konnte. Bei genauerem Hinsehen erkannte er kleine Schnitzereien. Laura öffnete die schwere Tür problemlos. Zum Vorschein kam ein runder Raum, der schon fast einem Saal glich. Der Fußboden und die Wände bestanden aus dunklem Stein. Die einzigen Lichtquellen waren Fackeln an den Wänden und ein offenes Feuer gegenüber der Tür. Über dem Feuer dampfte etwas in einem großen Kessel und daneben standen ein Schreibtisch und ein Stuhl. Es roch angenehm nach Lavendel. Das lag wohl an den vielen Kräutern, die neben ebenso vielen Büchern in kleinen Aushöhlungen der Wände lagen. ,,Ich würde dir Tee anbieten, aber leider fiel ein Drache vom Himmel, als ich Kräuter suchen wollte“, scherzte Laura. ,,Und mein Bett ist zu klein für dich“, sie deutete auf ihren, mit Heu und Stoff ausgepolsterten, Schlafplatz, ,,Sonst würde ich dir eine Sitzgelegenheit anbieten.“ ,,Ist nicht so schlimm. In der Mitte des Raumes ist genug Platz“, meinte Balthasar.

Laura lächelte und ging zu ihrem Schreibtisch, während Balthasar sich hinsetzte. Es war angenehm warm und der Lavendelgeruch machte ihn schläfrig. ,,Hier ich hab‘ es!“, rief Laura plötzlich und lief zu Balthasar. Dabei hielt sie ein Buch mit dunklem Ledereinband in der Hand. Sie setzte sich neben Balthasar schlug das Buch auf und begann zu lesen. Doch mit jeder Sekunde verfinsterte sich ihre Miene. Bis sie schließlich Balthasar anschaute. ,,Es gibt kein Heilmittel“, flüsterte sie. ,,Was?“, fragte er. ,,Es gibt kein Heilmittel“, wiederholte sie etwas lauter. Balthasar brauchte einige Sekunden, um Lauras Worte zu realisieren. ,,Doch, gibt es!“, sagte er entschieden. ,,Nein“, widersprach sie leise. ,,Es tut mir leid“, fügte sie hinzu.

Nun wurde Balthasar wütend. ,,Das stimmt nicht. Ich bin so lange über das Wasser geflogen, ich habe nichts gegessen, habe nicht geschlafen. Ich habe mein Rudel allein gelassen, um das Gegenmittel zu finden und du sagst mir, dass es keins gibt?“ Er brüllte schon fast. Nun las Laura vor: „Heute ist ein Elf zu mir gekommen. Er meinte, es sei eine Krankheit in seinem Dorf ausgebrochen und sie hätten ihn losgeschickt, um Medizin zu holen. Alle Erkrankten würden zuerst schwächer werden und dann zu Staub zerfallen. Wir suchten gemeinsam nach einem Gegenmittel, doch wir konnten keines finden. Diese Krankheit ist unheilbar. Gezeichnet Merlin.“ Balthasar sank zu Boden. Alles war umsonst gewesen. Es gab keine Hoffnung mehr. „Entschuldigung“, sagte er zu Laura. „Ist schon gut.“ Sie schwiegen. Langsam begann sich alles um Balthasar zu drehen und er schloss die Augen. Plötzlich durchschnitt Lauras Stimme die Stille: „Weißt du, ich habe einmal von einer Legende gehört. Es heißt, es gibt sehr viele Welten. Und wenn man in einer Welt stirbt, wird man in einer anderen wiedergeboren. In dieser Welt bist du dann ein anderes Wesen.“ Er öffnete die Augen. „Glaubst du daran?“, fragte er. „Ja“, antwortete sie. Balthasar schloss für ein paar Sekunden die Augen. Doch als er sie öffnete, musste er blinzeln, um sich an das Licht zu gewöhnen. Er lag auf einem hölzernen Untergrund. Um ihn herum befanden sich graue Steine. Plötzlich hörte er Stimmen: ,,Jonas, wischst du bitte den Staub vom Tisch?“ „Ja, mach ich schon.“ Dann wurde Balthasar weggeschleudert.

 

Lilly Beyer, 12 Jahre