Louis Krüger „Kannst du noch?“

Preis der Literaturwoche Winter 2012

Wie jeden Tag schaue ich aus dem Fenster. Die Straße voller Leute. Sie scheinen gleich, doch wahrscheinlich sind sie es gar nicht. Nicht, wenn sie sich trauen, ehrlich zu sein.
Ich wende den Blick ab, kann das nicht länger ertragen, gehe in die Küche und öffne einen Schrank. Heraus nehme ich eine Tüte Nudeln und stelle enttäuscht fest, dass sie einander gleichen, wie es nicht natürlich ist. Was hätte ich nicht für eine Ecke gegeben. Doch die Nudeln, die versuchen besonders zu sein, werden gebrochen.
Der Topf, der gerade dem Wasserhahn unterstellt ist, füllt sich langsam, aber stetig. Jeder Tropfen verschmilzt mit dem Rest zu einem großen Ganzen und verliert sich unter den anderen. Als der Topf endlich halbvoll gelaufen ist, stelle ich ihn auf die Kochplatte. Ich drehe das Gas auf und zünde es an. Ich mag kein Gas, überall und nirgendwo ist es mir nicht geheuer. Zu dem Wasser fehlt noch Salz. Und du fehlst mir.
Statt zum Salz greife ich zum Zucker. Ich streue mir etwas davon auf ein Brot, beiße ab und schlage mich. Schön behutsam. Mit der flachen Hand auf die Wange. Süße von Brot und Schmerz verbinden sich. Das habe ich gebraucht, denke ich, um kurz wieder glücklich zu sein.
Wieder zurück im Hier gebe ich schnell eine Prise Salz zum wild sprudelnden Wasser, um es zu beruhigen. Danach kommen die Nudeln dazu.
Solange sie kochen, zähle ich alles auf, was mir gehört. Das dauert nicht lange, ich bin Realist. In der verbleibenden Zeit gehe ich durch die Wohnung und putze alle Glühbirnen. Vielleicht macht sie das heller, vielleicht macht mich das besonders. Besonders genug.
Die Nudeln sind fertig und ich richte sie auf zerkratzten Tellern an. Ein letzter hoffnungsvoller Blick zur Tür. Doch Nudeln sind dir nicht genug. Ein letzter Blick zurück, als ich im Treppenhaus die Stufen hochfalle.

Louis Krüger, 15 Jahre, Michendorf OT Wilhelmshorst