Lucy Gäbele „Fühl es!“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2014

Wie immer, ja wie immer. Es war alles wie immer: Morgens stand ich auf, zog mich an, frühstückte,putzte mir die Zähne, ging um 7:30 Uhr zur Schule,um 14:00 Uhr wieder von der Schule nach Hause, machte Hausaufgaben, las ein bisschen oder spielte DS, dann aß ich Abendbrot, guckte noch etwas Fernsehen oder las, danach putzte ich mir die Zähne, zog meinen Schlafanzug an und ging zu Bett. Am nächsten Morgen ging es von vorne los. Es war so seit ich denken konnte, nur als ich jünger war und noch in den Kindergarten ging, hatte ich keine Hausaufgaben auf! Aber heute änderte sich dieser ständig ablaufende und gleiche Zeitplan. Denn heute passierte etwas, was mein Leben einfach schnell und schmerzlos umkrempelte … Morgens war noch alles wie immer. Doch als ich gerade mit den Hausaufgaben anfangen wollte, fiel mir auf, wie ungewöhnlich stickig es in meinem Zimmer unter dem Dach war. Weil ich mich aber in einem stickigen Zimmer nicht konzentrieren kann, packte ich meine Schulsachen, um nach draußen zu gehen und dort zu arbeiten. Gesagt, getan. Ich lief die Treppen hinunter, durch den Flur, zur Tür hinaus und die Terrassenstufen hinab. Ich hatte es wohl etwas zu eilig, in den Garten zu kommen, denn auf der letzten Stufe trat ich versehentlich auf eine Weinbergschnecke. Die Schnecke war nun ziemlich ramponiert. Auf jeden Fall hörte ich ein zartes, aber empörtes Stimmchen sagen: »Du Rowdy, ich hatte eindeutig Vorfahrt! Mein schönes Haus. Ich habe es gerade erst renovieren lassen. Und was machst du? Trampel, trampel und mein schönes neues Haus ist kaputt. Na warte!« Ich traute meinen Augen kaum: Das Stimmchen kam tatsächlich von der Schnecke auf dem Gartenweg. Nachdem wir uns eine Weile angestarrt hatten, brummte die Schnecke ungeduldig: »Ich warte.« Ich fragte prompt: »Worauf?« Die Schnecke verdrehte die Augen: »Auf deine Entschuldigung!« Verdattert brachte ich eine Entschuldigung heraus. »So«, sagte die Schnecke, »Jetzt komme ich zu meiner Rache!« Es blitzte und rauchte, und als sich der Rauch verzogen hatte, wunderte ich mich, warum das Gras und auch die Schnecke, ja, eigentlich alles um mich herum gewachsen waren. Das Gras ragte über mich hinaus und ich war doch tatsächlich mit der Schnecke auf Augenhöhe. Die Bäume um mich herum kamen mir vor wie riesige Wolkenkratzer.
Aber, das Schlimmste kommt noch: Ich war eine Schnecke! »So«, sagte die Schnecke, »jetzt beginnt meine Rache. Ach übrigens, der Zauber hält genau 18 Stunden und 15 Minuten an. Jetzt siehst du, wie das Leben kriechen und durch das Fallrohr nach unten zu entkommen. Als ich an der Ecke angekommen war, lag über mir bereits der dunkle Nachthimmel.Vor Erschöpfung schlief ich ein. Eine Schulglocke riss mich unsanft aus meinen wirren Träumen.»Oh, Schreck«, dachte ich, »ich habe die ganze Zeit hier geschlafen.« Was hatte die Schnecke doch gesagt? Ach ja genau,der Zauber würde 18 Stunden und 15 Minuten anhalten. Was, wenn ich mich nun in diesem Rohr wieder in einen Menschen verwandeln würde? Keine schöne
Vorstellung. Also, raus hier, aber schnellstmöglich! Als ich wieder festen Boden unter meiner Schleimspur hatte, merkte ich erst, wo ich war: Auf dem Pausenhof meiner Schule! Und als ich mich gerade auf den Weg zur Schultür machen wollte, war ich wie aus dem Nichts wieder ich. Sogar meine Schulsachen hatte ich in der Hand, denn die hatte ich ja in den Garten mitgenommen. Ich rannte in meine Klasse. Kaum saß ich auf meinem Platz, fragte mein Lehrer: »Du bist heute Morgen 45 Minuten zu spät! Wo warst du?« Ich antwortete: »Erst habe ich nicht auf eine Schnecke in unserem Garten geachtet, dann habe ich ums nackte Überleben gekämpft und schließlich in einer Regenrinne geschlafen.« »So ein Quatsch. Setzen!«

Lucy Gäbele, 11 Jahre