Lux Haimerl – Der Alien mit den Staubtränen

Ich gehe in den Wald, um mich auf meine Lichtung zu legen. Dort denke ich nach und schaue ganz tief in die Wiese hinein:

Was träumen eigentlich Grashüpfer? Ist für die Ameisen die Wiese ein Wald? Zerfallen wir wirklich zu Staub?

Langsam schlafe ich ein.

Als ich meine Augen öffne, sehe ich ein riesiges Raumschiff in den Wolken über den Bäumen verschwinden.

Die ganze Lichtung ist voll von rotem Licht. Violetter Schleim schlabbert über meine Wiese. Die Spitzen der Bäume glitzern wie gefroren. Grüne Eiszapfen hängen von den Ästen der Bäume herab.  An meinen Haaren baumeln kleine weiße Kristalle. Meine Beine sind von eisigen Klopsen umwickelt und wie zusammengebunden.

Ich hüpfe auf dem violetten Glibber herum und fliege 10 Meter in die Höhe.

Das beste Trampolin, das ich je gesehen habe!

Ich höre ein piepsiges Wimmern. Woher kommt es nur?

Ich hüpfe 10 Meter hoch, lande auf einem Baum. Ich hüpfe 5 Meter runter und lande auf dem Jägersitz. Ich hüpfe zu dem Busch, aus dem das Gepiepse kommt. Dort schiebe ich die Blätter auseinander und sehe ein oranges Wesen mit Riesenhänden, einem kleinen Kopf, langen Beinen und großen Füßen. Es sitzt in einem Staubberg.

Das Wesen schreit laut, als es mich sieht.  Also, so schlimm sehe ich auch wieder nicht aus!

„Wie heißt du?“, frage ich. Da antwortet das Wesen „Dusti“ und klettert aus dem Staub. Der Alien versteht mich also.

„Ich bin Lu. Und wie´s ausschaut, haben deine Kumpanen aus dem Weltall dich vergessen. Du kannst bei uns wohnen. Aber meine Eltern dürfen nix von dir wissen. Also spar dir das lila Geglibber!“

Dusti und ich gehen nach Hause.

Aber überall wo wir hinkommen, breitet sich der lila Schleim aus. Der Alien kann`s wohl nicht ausschalten.

Als wir ankommen sage ich: „Warte hier draußen auf mich. Sei bloß leise und kein Gepiepse!“

Ich renne ins Haus und schnappe mir ´nen Müllsack  – wegen des Schleims.

Als ich wieder rauskomme, sitzt der heulende Alien in einem Hügel aus Staub.

So was hab ich ja noch nie gesehen. Der heult ja Staubtränen! Hoffentlich hört er bald auf, sonst steht unser Haus in der Wüste.

„Steig rein, der Müllsack ist ne´ gute Tarnung.“

Ich gehe also mit dem Müllsack ins Haus hinein und in mein Zimmer hoch. Dort lege ich für Dusti eine Alien-Film-DVD ein, damit er sich nicht so einsam fühlt. Dann geh ich runter und hol was zum Futtern für uns beide: Chips für mich, eine Konservenbüchse Pfirsiche –  passend zur Hautfarbe – für den Alien.

Ich höre ein Klirren.

Als ich das Zimmer betrete, sehe ich Dusti in seiner Mülltüte vor der Glotze sitzen. Seine Windel ist undicht. Der lila Glibber kommt schon oben raus. Und er heult schon wieder Staubtränen. Er hat die Glasscheibe des Fernsehers kaputtgeschlagen. Er hat Heimweh und wollte zu seinen Freunden in den Fernseher krabbeln.

Es wird Nacht. Wir legen uns hin, aber neben mir staubt es ziemlich. Dusti heult und heult.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, steht mir der Staub schon bis zum Hals. Ich kämpfe mich zur Tür, die steckt aber im meterhohen Staub fest. Das Fenster ist der einzige Ausweg. Mir bleibt nur die Mülltüte mit dem lila Glibber. Ich kippe das lila Zeug aus dem Fenster und springe hinterher. Sofort werde ich aufs Dach geschleudert. Dusti schwebt währenddessen um meinen Kopf.

Lu fragt: „Seit wann kannst du denn eigentlich schweben?“

Dusti antwortet: „Das ist die Morgengymnastik, die wir auf unserem Planeten machen. Ich will nach Hause.“

„Wie könntest du denn nach Hause kommen?“, frage ich.

„Ich habe gehört, dass uns ein bestimmtes Staubkorn immer, wenn wir an einem Ort sind, an dem wir nicht sein wollen, nach Hause bringt. Wo dieses Korn ist, weiß ich leider nicht. Man muss es einatmen und wird dann nach Hause zurück gebeamt“,  erklärt Dusti.

Den ganzen Tag wühlen wir uns durch Dustis Staub. Dusti atmet ein und wieder aus. Er bleibt da, niest und glibbert mein Zimmer voll.

Abends ist Dusti ganz verschrumpelt und unser Haus ist in einem hohen Sandhaufen verschwunden.

Nur noch das Dach und der Kamin sind zu sehen. Wir klettern aus dem Kamin und rutschen das Dach hinunter.

Dusti will zu meiner Lichtung gehen. Er hat so Heimweh. Wie gehen durch den Wald. Auf der Lichtung setzen wir uns auf den Jägersitz und schauen in den Sternenhimmel. Dusti sieht seinen Planeten und seine Freunde.Da weint er eine echte, nasse Träne. In ihr ist ein Staubkorn. Es schimmert im Mondlicht.

Dusti jubelt „Juhu!!!!!“ und nimmt seine Träne und sagt zu mir:

„Tschüss, Lu. Auf irgendwann! Komm mich besuchen!“

Mir war zum Heulen, zwar keine Staubtränen, aber so was Ähnliches.

„Tschüss Dusti“.

„Tschüss, Lu“.

Und er atmet das Staubkorn ein und schwebt in der Dunkelheit davon.

Ich sitze noch lange auf meiner Lichtung und denke an Dusti. Als ich in den Sternenhimmel schaue, blinkt ein Stern leuchtend auf. Das habe ich von ihm gelernt:

Manchmal steckt die Lösung eines Problems in einem selbst.

 

Lux Haimerl, 8 Jahre