Mara Spiekenheuer „Maschinenarbeit „

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2012

Als der Wecker um 5.30 Uhr klingelt, bin ich schon wach. Bis vor einem Monat musste ich um 5 Uhr aufstehen und habe mich deshalb noch nicht an diese Zeit gewöhnt. Ich setze mich auf und reibe mir mit den Händen über die Augen. Weniger schwungvoll als geplant schwinge ich die Beine aus dem Bett. Ich schaudere, als meine nackten Füße den kalten Beton berühren und schlurfe, wie jeden Morgen, in den Waschraum. Unterwegs stoße ich mir den Fuß an der Türkante und halte inne. Diese Situation ist neu für mich, soweit ich mich erinnern kann, ist es überhaupt das allererste Mal, dass ich mich irgendwo stoße. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, also entscheide ich mich, diesen Zwischenfall aus meinem Gedächtnis zu tilgen. Als ich ohne weitere Zwischenfälle im Bad ankomme, weiß ich nichts mehr von einer Unterbrechung. Auch der pochende Schmerz in meinem Fuß ist verschwunden und ich widme mich wieder meiner vertrauten Morgentoilette. Ich runzele die Stirn, als mir durch den Chip in meinem Ohr mitgeteilt wird, dass ich zwei Minuten hinter dem üblichen Zeitplan liege. Habe ich etwa zu lange im Bett gelegen? Ja, wahrscheinlich! Das ist mir glaube ich schon einmal passiert. Ich putze mir schneller die Zähne als sonst und nicke zufrieden, als ich gesagt bekomme, dass ich wieder genau im Zeitplan liege. Ich gehe, diesmal schon wesentlich wacher, zurück in meinen Schlafraum, ziehe meine graue Zivilkleidung an und lasse mir durch einen kleinen Schlitz in der Wand meinen Tagesplan ausdrucken. Mit einem kurzen Blick prüfe ich meine Termine. Das übliche: Frühstück, in der Bahn eingenommen, Arbeit, Mittagspause im Speisesaal, Arbeit, Freizeit, Sperrstunde. Ich stecke den Ausdruck in die dafür vorgesehene Tasche an meiner Schulter, hefte mir meine Nummer mit dem zugehörigen Status an und verlasse mein Quartier. Die Tür schließt sich hinter mir automatisch, sie wird sich erst auf mein Stimmkommando erneut öffnen. Ich wohne in Quartier Nummer 12983. Links und rechts von mir verlassen ebenfalls grau gewandete Menschen ihre Quartiere, deren Türen, abgesehen von der Nummer, nicht von meiner zu unterscheiden sind. Rechts von mir steht eine Frau mit der Nummer 328. Ich habe sie, glaube ich, schon einmal gesehen, bin mir aber nicht sicher. Sie merkt, dass ich sie anschaue und dreht den Kopf, um mein Schild zu mustern. Neid blitzt in ihren Augen auf, als sie meine Nummer sieht: 222. Solche Nummern sind immer beliebt und ja, ich bin stolz drauf. Ich fühle mich dadurch ein kleines bisschen besonders. Sie wendet den Blick ab und so warten wir, alle in einer perfekten Reihe stehend, auf den Zug. Nach genau 30 Sekunden höre ich das leise Sirren, das sein Kommen ankündigt und mache mich bereit. 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, zähle ich langsam herunter. Als ich fertig bin, hält der Zug mit einem leisen Quietschen vor uns und ich setzte mich zeitgleich mit den anderen in Bewegung. Ich halte zielstrebig auf meinen Platz zu, die restlichen Fahrgäste kommen mir dabei nicht in die Quere. Da ist er, mit einer dicken, roten 222 gekennzeichnet. Ich nehme den Thermosbehälter, in dem mein Frühstück warm gehalten wird, aus einer kleinen Klappe und setze mich. Es knirscht etwas, als ich den Deckel abhebe, den Löffel aus der Halterung löse und zu essen beginne. Wie immer schmeckt die Suppe nach nichts. Aber als ich den Topf ausgekratzt habe, bin ich auf den Punkt gesättigt, ohne mich allzu träge zu fühlen. Ich stelle den Topf zurück und erhebe mich, da wir nun die Haltestelle erreicht haben. Mit einem lauten Schnappen klappen die Behälter der Essenstöpfe zu und öffnen sich Sekunden darauf erneut, bereit, sofort die nächste Mahlzeit zu servieren. Die Türen des Zugs gleiten auf und ich will schon nach draußen auf die Straße treten, als ich feststelle, dass sich keiner außer mir von der Stelle gerührt hat. Sie alle starren einen jungen Mann an, der immer noch seinen Essensbehälter in der Hand hält. Verlegen und völlig überfordert mit der Situation, läuft er rot an. Keiner rührt sich, oder sagt etwas. Wir wissen alle nicht, was zu tun ist und atmen erleichtert aus, als ein weiß gekleideter Mann durch die Masse gedrängelt kommt, dem Jungen den Topf aus der Hand nimmt und wieder in der Menge verschwindet. Da die Störung beseitigt wurde, setzen sich nun doch noch alle in Bewegung und treten auf die betonierte Straße. Die Zugtüren schließen und als ich mich umwende, habe ich den Vorfall schon wieder vergessen, ebenso wie all die anderen Menschen um mich herum, der junge Mann mit eingeschlossen. Wir gehen die Straße gut 100 Meter hinunter und verschwinden nach links durch ein breites Tor. Es führt ins Innere der großen Fabrik, in der wir arbeiten. Als ich durch das Tor gehe, umfängt mich die gewohnte Hitze, die durch große Öfen verursacht wird. Niemand hat sich je die Mühe gemacht, sie zu dämmen. Ich finde mich inmitten meiner Gruppe wieder, die wie üblich in Reih und Glied hinter einander hergeht. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das zufällig oder geplant geschieht. Zu meiner Gruppe gehören jene, deren Nummer mit einer zwei beginnt. Soviel weiß ich, aber wer diese Personen sind, mit denen ich Tag für Tag, Schulter an Schulter in der Hitze arbeite, das weiß ich nicht. Gleichzeitig beugen wir uns über das Fließband und sortieren mit geübtem Blick Schrott und Metalle. Alle in der großen Fabrikhalle arbeiten wie eine große, gut geölte Maschine, zu der sie uns gemacht haben.

Mara Spiekenheuer, 14 Jahre