Mara Spiekenheuer – Oma ist tot

Greta war eine schöne Frau und Heinrich hat oft erzählt, wie sie sich kennen lernten. Irgendwann in der Schule, vielleicht in der achten Klasse, man hatte ihm nicht oft zugehört.

Vor sechs Tagen hat Heinrich aufgehört zu reden. Zumindest redet er nicht mehr viel. Greta ist gestorben. Jetzt hört man Heinrich zu, aber er hat keine Lust mehr zu erzählen, wie sehr er Greta liebt. Er denkt liebt und sagt es nicht und die Welt um ihn herum redet im Präteritum.

Die Welt redet und Heinrich lebt. Das Haus ist groß und der Platz schreit und dann hält Heinrich sich die Ohren zu.

Nach der Beerdigung wollen die Kinder mit Heinrich reden. Über den Platz und wie viel wert der ist und Heinrich denkt, dass sie nicht verstehen. Und dann sagt er, es sei in Ordnung und drei Wochen später packt er seine Sachen (so viele Sachen, wie in zwei  Koffer passen). Er weiß, dass danach die Kinder kommen und einen Container bestellen und vierundfünfzig Jahre Leben wegschmeißen.

Die Tochter fährt ihn in ein Haus im Wald, voller alter Menschen und er erinnert sich an Greta und wie sie immer über alte Eheleute gelacht hat, wie sie an hässlichen Holztischen sitzen und in ihrem Kuchen herumstochern. Er isst seinen Kuchen und vermisst Greta.

Die Kinder verkaufen das Haus und Heinrich erfährt es zwei Monate später. Er fragt, ob sie ihm etwas bringen könnten. Ja. Natürlich. Jederzeit. Er solle anrufen und sagen, was er wolle.

Er ruft an und spricht mit dem Anrufbeantworter und die Welt ist leise geworden.

Der erste Atzt hatte Greta und ihm erzählt, dass sie Parkinson habe. Erst hatten sie geweint. Dann meinte der zweite Arzt nein. Und der dritte Arzt meinte auch nein und der erste meinte, er habe sich geirrt und Heinrich und Greta freuten sich. Und dann sagte der Arzt, dass sie sich nicht freuen sollten, denn für Parkinson habe man Tabletten und dann starb Greta und niemand wusste, woran.

Die Kinder kommen nicht mehr oft vorbei und Heinrich will nicht mehr fragen, ob sie ihm etwas aus dem Haus mitbringen, wahrscheinlich haben sie es weggeworfen und trauen nicht, es ihm zu sagen.

Heinrich hat Geburtstag. Die Kinder kommen in das kleine Zimmer und dann lachen sie über das Haus. Über ihr Haus und wie verstaubt alles war. Wie dreckig die Küche war. Da sei ein Kaffeefilter gewesen, der lebte. Und Heinrich denkt an die Zeit, in der Greta schwach war und keine Tabletten ihr helfen konnten und er keine Zeit hatte, sich um den Dreck im Haus zu scheren. Und er hasst sie. Und dann gehen sie und kommen nicht wieder.

Nach der Beerdigung wurde sein Sohn gefragt, warum er nicht zur Arbeit gekommen sei. „Oma ist tot.“ Und alle nickten betroffen.

 

Mara Spiekenheuer, 18 Jahre