Mareike Dottschadis „Nachtschicht“

Preis der Literaturwoche Sommer 2010

O, macht die Mutter. Sie ahmt das Geräusch des Kochlöffels nach, der im Suppentopf kreist, der das Metall zum Schwingen bringt und die Luft. O, macht die Mutter noch einmal, und ihre Lippen sind wie ein Kreis. Die Tochter steht am Herd und rührt. Ihre Augen sind nachtschiefe Schlitze, sie tauchen in den heißen Topf und bleiben am Boden. Die Tochter schaltet die Lüftung ein und versteckt das O zwischen dem Rauschen.
Wann gibt es Essen, ruft die Mutter vom Küchentisch. Die Tochter füllt Kaffee in eine Tasse und stellt sie der Mutter hin. Ich will keinen Kaffee, sagt die Mutter, ich bin hungrig. Sie klopft mit dem Löffel auf den Tisch bei jedem Wort. Wann. gibt. es. Essen.
Gleich, sagt die Tochter.

Die Mutter steht in der Tür und sagt: Aufstehenszeit. Die Tochter drückt die Augen ins Kissen. Wenn sie sich einmal schlafend stellte, wenn sei einfach so täte. Die nackten Füße der Mutter kommen zum Bett, die Tochter kann hören, wie sie sich von den Dielen lösen. Hacken, Mittelfuß, Fußballen, Zehen. Sie schmatzen bei jedem Schritt. Wie ihr Mund, denkt die Tochter, wenn er den Löffel schluckt und die Suppe heraussaugt. Der Mund der Mutter sagt: Ich bin hungrig, ich will keinen Kaffee.

Die Tochter schüttet den Kaffee in den Abfluss und spült nach. Im Kochtopf platzen die Blasen. Die Mutter steht auf, sie läuft auf nackten Füßen zum Herd, sie greift in den Topf und hascht nach den Blasen. Nein, sagt die Tochter und hält ihr das Handgelenk fest. Die Mutter heult.
Setz dich hin, sagt die Tochter, sie zeigt auf den Küchenstuhl, gleich gibt es Suppe.
Ich will keine Suppe, ich will Kaffee, klagt die Mutter. Die Tochter sagt: Nein. Setz dich jetzt hin.
Sie steht in der Tür. Die Tochter weiß es. Sie hört den Mund der Mutter sagen: Aufstehenszeit. Wenn sie die Füße nur einmal überhören könnte, die ans Bett geschmatzt kommen, und ihren Mund, der sagt: Ich bin hungrig. Sie reißt die Suppentüte auf und rührt das Pulver ins kochende Wasser. Hunger, klagt die Mutter, Hunger, klagt der Löffel auf der Tischplatte. Die Tochter stellt die Lüftung noch lauter, die rauscht wie das Wasser im Becken, sie dreht den Wasserhahn zu.
Schhhh, macht die Mutter, Schhhh.

Mareike Dottschadis, 19 Jahre, Berlin