Margarita Iov „Landluft“

Preis der Literaturwoche Sommer 2011

An Veras Mantel fehlt ein Knopf, den hat der Hund geholt.
„Eines Tages wird er auch mich holen“, sagt sie, und Markus knurrt: „Sei nicht albern.“
Sie laufen zwischen den Häusern umher. Richtige Straßen gibt es nicht in Ödland. Der Nebel steht wie jeden Morgen um die Häuser. Der Hund läuft voraus, sie folgen seiner Spur im feuchten Kies. Es gibt hier keine anderen Menschen, denn alle Fenster bleiben immer dunkel. Der Regen kommt meist am frühen Morgen, nur die Gänse sind immer draußen.
„Die stopfen hier Kissen“, sagt Markus, er geht nicht näher an die Zäune heran. Die Gänse machen ihn nervös, er fürchtet ihre dunklen Augen und zuckenden Hälse, ihr Gegacker macht ihn krank.
Vera ist begeistert, sie sammelt die Federn auf, die schönen und weißen, und stopft sie sich in die Manteltaschen.
„Die sind für die Kissen“, sagt Markus, ihn befällt ein Ekel, aber er schont die schöne Vera. Nach ihrer Hand greift er nicht. Und während Vera mit den Gänsen spricht, sieht Markus nach dem Hund. Der steht an der Biegung und wartet, zum ersten Mal sieht er aus wie ein Tier. Groß und schwarz, mit ganz anderen Augen.

„Markus“, sagt Markus, „das bedeutet ,der Zarte‘.“ Auf Anweisung der Ärzte liegt er mit dem Rücken auf den Holzdielen, Arme und Beine ungelenk von sich gestreckt. Er atmet in Schüben, Vera beobachtet ihn mit dunklen Augen und lauscht dem Rasseln seiner Lunge. Vera vermutet, dass von dort, wo er liegt, im Fenster nur ein schmales Viereck Himmel zu sehen ist. Da fliegt gerade ein Vogel ganz nah vorbei, und Veras Kopf fliegt herum. Sie verdreht ihren Hals und Markus den Kopf. Sein Blick folgt der Biegung ihres Halses und bleibt dort hängen, wo ihr Hemd hochgerutscht ist. Der Hund liegt ganz still unter dem Tisch. Vera begegnet seinem Blick, im Halbdunkel sind seine Augen metallisch und blau.

„Komm, das ist albern.“ Markus will aufstehen, aber Vera sitzt auf seinem Becken und drückt seinen Körper zurück auf den Boden. Sie fährt ihn an „Bleib liegen“, und er hält still. Die schöne Vera ist streng mit ihm. Der Zarte schnappt nach ihrem Ohr, aber Vera stößt ihn zurück, sie zerrt an seiner Kleidung und verlangt „Zieh das aus!“

Vera ist nachlässig gekleidet: Am Hemd hat sie sich verknöpft, und das helle Haar ist lieblos in ihrem Nacken zusammengeknüllt. Sie sitzt auf dem Fensterbrett und baumelt mit den Beinen. Markus kann es nicht leiden, wenn sie tut, als sei sie fünf. Der Hund liegt auf der Schwelle, den schweren Kopf auf den Pfoten.
„Er bewacht uns“, sagt Markus, aber Vera rettet ihre Beine aufs Fensterbrett: „Er lauert.“

Die Nächte hier sind wie ins Wasser gefallen. Das einzige Geräusch in ganz Ödland kommt nachts aus Markus‘ Lunge. Vera scheint zu schlafen, er kann ihr Gesicht nicht erkennen. Nur die Augen des Hundes leuchten im Dunkeln. Seine Ohren zucken, als Markus aufsteht, der Hund hebt den Kopf. Markus legt sich auf den Boden, und seine Hand berührt etwas Weiches. Sofort steigt in ihm eine Übelkeit auf – überall Federn. Veras Mantel ist vom Stuhl gerutscht, die Knöpfe der Taschen sind fort, und Veras Schätze bedecken den Boden, das Bett. Markus kann nichts tun gegen den Ekel, sein Brustkorb fühlt sich an wie morsches Holz, und er muss aufstehen und das Fenster aufreißen. Die Landluft flutet sofort seine Lunge, und er denkt, das Rasseln müsste Vera doch wecken, wenn sie schliefe. Aber sie rührt sich nicht. Er stellt sich vor, Vera schläft nicht, Vera beobachtet ihn. Sie sieht zu, wie er stirbt, und neigt ihren kleinen Kopf auf diese Art und verbiegt ihren weißen Hals. Da ist diese Abscheu, und der Zarte geht zum Bett und dreht der Schönen ihren Hals um.

Margarita Iov, 18 Jahre, Berlin