Marie Gerda Kühn „Luzi und das Großtantenbuch“

„Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2010

Altersgruppe 9 – 12 Jahre

Der Geburtstag
Luzi hatte Stress. Und das an ihrem elften Geburtstag! Statt mit ihren besten Freundinnen den Rodelberg runter zu rasen und anschließend einen heißen Kakao zu schlürfen, musste sie brav mit ihren beiden Großtanten in einem altmodischen Café sitzen und grünen Tee trinken. Luzi fand grünen Tee abscheulich, aber sie hatte ihrer Mutter versprochen, sich gut zu benehmen. Also saß sie kerzengerade am Tisch und beantwortete höflich jede Frage.
„Du bist ja wieder so gewachsen“, hatte sie schon hinter sich. Gerade waren sie bei der Ähnlichkeit zu ihrem Vater. Jedenfalls behauptete das Tante Agathe. Tante Paula fand, dass sie ihrer Mutter ähnlich sah.
Luzi stöhnte innerlich. Aber auch die schlimmsten Stunden gehen einmal vorbei. Und zuletzt bekam sie sogar noch ein Geschenk: ein Buch. Eigentlich genau das richtige für Luzi, denn sie ernährte sich geradezu von Büchern, und brauchte nur ab und zu noch ein paar Spagetti und ein bisschen Schokolade. Aber leider sah dieses Buch aus wie ihre Tanten. Es hatte einen verschlissenen Samteinband und die Seiten waren verknittert und total vergilbt. Es staubte sogar, als sie es öffnete. Luzi schloss das Buch schnell wieder und bedankte sich. Hauptsache sie konnte jetzt nach Hause gehen.
„Bewahr es gut auf, es ist ein Sensibelchen“, sagten die Tanten, als sie sich verabschiedeten.
Aber Luzi hörte gar nicht mehr richtig zu. In Gedanken war sie längst wieder zu Hause und telefonierte mit ihrer Freundin Emma. Nur der altmodische Parfumgeruch ihrer Tanten riss sie wieder in die Gegenwart zurück.
„Auf Wiedersehen“, sagte sie höflich und hoffte, dass es möglichst lange dauerte, bis sie die Tanten wiedersah.
„Auf Wiedersehen, mein Kind“, flöteten die Tanten im Chor und stolzierten zu ihrem uralten Auto, das knatternd und knallend davon fuhr. Komisch, dass sie nicht mit einer Kutsche gekommen sind, dachte Luzi und rannte kichernd nach Hause.
Ihre Eltern waren noch auf Arbeit. Luzi schmiss sich aufs Sofa und holte das Buch aus ihrer Tasche. Irgendwie sah es jetzt noch staubiger aus. Sie nieste, als sie es öffnete, um es sich genauer anzusehen. Das war vielleicht eine komische Schrift, so krakelig und ganz schön schwierig zu entziffern. Dazu hatte Luzi überhaupt keine Lust. Nicht an ihrem Geburtstag und auch nicht an einem anderen Tag. Also klappte sie das Buch geräuschvoll wieder zu und ging in ihr Zimmer. Ihr Bücherregal hatte fünf Regalbretter. Sie holte eine Leiter, kletterte auf die oberste Stufe und stellte das Buch in die allerletzte und hinterste Ecke des Bücherregals.
„Tante Agathe hat ein Stück von ihrem Rock abgeschnitten und es um ein altes Buch von Tante Paula gewickelt“, erklärte sie ihren Eltern am Abend, als sie nach dem Tee mit den Tanten und ihrem Geburtstagsgeschenk gefragt wurde.
Und dann vergaß Luzi das Buch.

Im Bücherregal
Das Großtantenbuch stand im Regal und war zornig.
„So bin ich noch nie behandelt worden!“, erklärte es Grimms Märchen in der ersten langen Nacht im Bücherregal. „Ich hatte bei den Tanten ein wunderbares Leben. Sie haben mir eine ganze Vitrine geschenkt, mich mit Samthandschuhen angefasst und meine Geschichten immer wieder gelesen. Und hier stehe ich unter gewöhnlichen Büchern in der letzten Ecke des Bücherregals und niemand bewundert mich.“
„Das tut mir leid“, sagte Grimms Märchen, der auch schon lange nicht mehr gelesen worden war.“
„Von einem Märchenbuch lasse ich mich doch nicht trösten“, sagte das Großtantenbuch beleidigt. Seitdem schwieg Grimms Märchen und das Großtantenbuch fing an, lange Vorträge über sein wichtiges Leben zu halten.
„Mit Ihnen würde ich mich gern unterhalten“, rief das Großtantenbuch Meyers Lexikon in der nächsten Nacht zu. „Ich liebe Bildung und Wissen über alles.“ Aber Meyers Lexikon war am Nachmittag so oft benutzt worden, dass es jetzt laut schnarchte.
„So eine Unverschämtheit“, beschwerte sich das Großtantenbuch lautstark bei den anderen Büchern. „Es schnarcht einfach, wenn ich ein wissenschaftliches Gespräch mit ihm führen will.“
„Ich würde auch gerne schlafen“, rief Tom Saywers Abenteuer, der das Glück hatte ganz unten zu stehen, weil er gerade gelesen wurde.
„In was für eine Gesellschaft bin ich hier nur geraten?“, fragte das Großtantenbuch und schniefte laut, dass es staubte.
„Eigentlich sind wir hier alle nett. Sie haben doch angefangen unhöflich zu sein“, bemerkte das Wandelnde Schloss.
Seitdem schwieg das Großtantenbuch und fühlte sich gründlich missverstanden. Es antwortete auf keine Fragen, und seine Staubschicht wurde immer dicker und seine Schrift immer krakeliger.

Der Trödelmarkt
Im Mai hatte Luzis Familie einen Trödelmarktsonntag geplant. Dafür musste Luzi alle Sachen, die sie nicht mehr brauchte in Kartons packen. Auch das Bücherregal blieb von der Aufräumwut ihrer Mutter nicht verschont. Damit ihre Mutter nicht daran dachte Benjamin Pfiff, Prinzessin Mononoke, die Penderwicks oder Charley Feather zu verkaufen, reichte Luzi ihr erst den Schneewittchenclub und dann das Buch der Tanten.
„Willst du das Buch wirklich verkaufen?“, fragte die Mutter. Luzi nickte. „Ich hab nicht einmal reingeguckt und ich werde auch nicht reingucken“, sagte sie. Und so landeten die beiden Bücher neben Barbiepuppen, Playmobilteilen und zu klein gewordenen Kleidungsstücken in einer Kiste.
Das Großtantenbuch schimpfte lauthals. „Erst stellt sie mich in die letzte Ecke, sieht mich ein halbes Jahr nicht an und dann lande ich in einem verbeulten Umzugskarton.“
„Hör doch auf zu schimpfen“, widersprach der Schneewittchenclub. „Vielleicht kauft uns ein Mädchen, dass uns viel besser behandelt als Luzi.“
Also wollte das Großtantenbuch auf dem Verkaufstisch eine glänzende Figur machen. Doch so sehr es sich auch in den Vordergrund drängte, niemand beachtete es. Der Schneewittchenclub war längst verkauft, auch die Barbiepuppen, Playmobilteile und fast alle Kleidungsstücke.
Das Großtantenbuch hörte entsetzt, wie Luzis Mama sagte: „Noch eine viertel Stunde, dann packen wir ein.“
Und dann weinte es. Und weinte.
Da kam eine Familie mit drei Kindern an den Stand. Alle fünf Familienmitglieder waren rund und aßen gerade jeder eine Tüte fettiger Pommes.
„Das ist ja ein schönes Buch“, rief eines der runden Kinder und nahm das Großtantenbuch vom Tisch. „Es sieht so aus, als könnte man daraus super Papierflieger bauen.“
Luzi bemerkte, dass das Samt des Buches einen wunderschönen Blauton angenommen hatte. Inzwischen hatte der Junge schon mit seinen fettigen Fingern nach dem Buch gegriffen und gleich eine Seite eingerissen.
„Vorsicht“, rief Luzi und nahm ihm das Buch wieder aus der Hand.
Es sah völlig verändert aus. Die Schrift war nicht mehr so krakelig und schon der Titel las sich so geheimnisvoll, dass Luzi sofort Lust bekam es zu lesen.
„Was kostet das Buch?“, fragte die Mutter der runden Kinder.
Luzi überlegte. „Es ist unverkäuflich“, sagte sie schließlich und ihre Eltern sahen sie erstaunt an.
„Wir haben genug Geld“, sagte der runde Vater und war fast ein bisschen beleidigt, dass er das Buch nun doch nicht kaufen konnte. Aber Luzi war sich sicher. Dieses Buch würde sie wieder mit nach Hause nehmen und lesen. Sie war schon ganz gespannt auf die Geschichte.
„Sie hat verhindert, dass meine Seiten herausgerissen und daraus Papierflieger gefaltet werden“, rief das Großtantenbuch glücklich zu Grimms Märchen herauf. „Warten Sie nur, bald werden Sie auch wieder entdeckt. Und solange höre auch ich gerne ihre Märchen.“

Marie Gerda Kühn, 10 Jahre, Berlin