Marie Michael „Drei Tage“

Preis der Literaturwoche Sommer 2010

Es ist der Vater, der die Fische tötet. Er ist stolz darauf. Unten am Teich steht er und wendet das rostige Messer hinter dem Tisch in den Händen. Manchmal darf Martin das getrocknete Blut daran berühren.
„Siehst du“, sagt der Vater dann, „sie verrecken für mich.“
Martin nickt, er kennt seinen festen Griff.
Die Fische haben große Augen. Martin sieht die feuchten Mäuler an, wie sie auf- und zuschnappen, immer wieder, bis der Vater zuschlägt. Wenn er den Kopf trifft, liegen sie ruhig. Mit dem Messer schneidet der Vater die reglosen Körper auf, die hellen Bäuche gequollen und nass. Er greift die Innereien heraus und wirft sie in den roten Eimer neben sich.
Der Vater sagt: „Die Fische fressen meine Hände mit ihren Bäuchen.“
Man hat das Wasser aus dem Teich gepumpt, die Karpfen und Schleien zucken im Schlamm. Mit Gummistiefeln und Keschern waten die Männer von einem zum anderen. Die gefangenen Fische nimmt der Vater aus, Martin steht neben dem Eimer mit den Innereien. Manche nehmen etwas daraus mit nach Hause.
„Für die Katze“, sagt der Vater und legt seine Hände säuberlich auf der blutverschmierten Tischplatte ab.
Wenn Martin bis zum Schluss bleibt, erlaubt er ihm, in den Eimer zu greifen und die Schwimmblasen herauszusammeln. Martin reiht sie auf dem Boden auf. Jede macht ein anderes Geräusch, wenn er sie zertritt.

Wenn Martin an die Mutter denkt, dann denkt er an nackte Arme. Er denkt daran, wie sie eines Abends nach Hause kamen, und die Mutter gekrümmt auf dem Küchenboden saß. Martin erinnert sich an den schmalen Hals und an die überkreuzten Beine, aber vor allem an die Arme, die sie um den Bauch gebogen hatte. Diese Arme kamen ihm falsch dort vor, sie waren zu nackt für die Mutter.
Neben ihren Füßen lag die Nagelschere, der Vater hob sie auf und schaute erst dann genauer hin. In den Händen hielt die Mutter das Geld aus dem Kästchen auf dem Nachttisch. Es war in kleine Fetzen zerschnitten. Die Mutter hielt sie ihnen entgegen.
„Schaut“, sagte sie, „jetzt haben wir mehr.“
Die Augen des Vaters wurden sehr klein, besonders das Schwarze darin. Martin weiß es noch. Seine Augen wurden klein und sein Mund und am nächsten Morgen hatten die Arme der Mutter dunkle Flecken und hingen wie tote Tiere an ihrem Körper hinunter.

Es ist sehr heiß. Martin steht hinterm Haus und schaut nach drüben. Im Garten der Nachbarn liegt Annika im Gras auf dem Rücken. Annika wohnt noch nicht lange hier, erst ein paar Wochen. Er sieht ihre angewinkelten Beine, die sind nicht schön. Die Waden sind breit und die Knie fangen zu weit unten an. Es sind Beine, die nicht zu den Röcken passen, die Annika immer trägt.
Sie isst einen Apfel. Martin folgt mit den Augen ihrer Hand, die sich in kurzen Abständen zum Mund bewegt und dann wieder neben ihr ins Gras fällt wie ein zerschossener Vogel.
„Die Würmer suchen sich die faulen Äpfel zum sterben“, hat die Mutter gesagt, „sie kriechen hinein und nicht wieder heraus, und wer die faulen Äpfel isst, isst auch den Tod der Würmer darin.“
Martin denkt: Annikas weißer Arm ist ein Wurm, der zum Sterben in ihren Körper kriecht. Er lehnt den Unterkörper an den verbogenen Drahtzaun und Annika dreht den Kopf und sieht Martin. Und Annikas Kopf sieht Martins Kopf. Und dann steht sie auf und geht.
„Wer die faulen Äpfel isst, der stirbt sehr früh“, hat die Mutter gesagt. „Die toten Würmer bleiben liegen im Magen und füllen ihn aus.“
Im Haus ruft der Vater nach Martin.

Der Grabstein der Mutter ist fast leer, es steht nur ihr Name darauf.
„Der Stein gehört ihr“, sagt der Vater. „Das ist alles, was sie noch wissen muss.“
Er sagt es nicht zu Martin, er sagt es zu den vertrockneten Blumen auf dem Grab. Martin legt neue dazu. Er nickt, er denkt an die Arme der Mutter, die ihm immer die Haare geschnitten haben. An das Geräusch der Schere hinter den Ohren. Martin geht.
„Fütter die Katze“, sagt der Vater.

Martin muss scheißen. Hinterm Haus hockt er, da wo der Wald anfängt, und die Hose hängt ihm in den Kniekehlen und kratzt. Martin hält seinen Bauch wie etwas, das nicht herunterfallen darf. Es kneift und zuckt darin.
Der Vater ist nicht zu Hause und Martin eben erst gekommen. Er hat keinen Schlüssel, er kommt nicht hinein. Und das Gras ist trocken und hart und Martin muss scheißen. Er kneift die Augen zusammen. Er drückt sich die Hände in den Bauch und zieht die Unterlippe hinter die Zähne. Er schluckt und keucht und bekommt taube Füße. Als er die Lider wieder hebt, steht die Katze vor ihm und schnurrt.
„Hau ab“, sagt Martin. Die Katze soll nicht zuschauen.
Martin stellt sich vor, er würde die Katze töten. Er würde ihr mit dem Messer den Bauch aufschneiden, ganz langsam, bis Magen und Darm herausgequollen wären. Wie bei den Fischen würde er es machen, und das Blut in einem Eimer sammeln.
Die Katze blinzelt, Martin spuckt ihr vor die Pfoten. Dann zieht er sich die Hose hoch.

Annika isst Stachelbeeren. Martin schaut über den Zaun auf ihre Hände, auf ihr Gesicht. Annika isst die unreifen Beeren, Annika isst und kaut mit offenem Mund.
„Iss die Beeren nicht, wenn sie noch grün sind“, hat die Mutter gesagt. „Sie gehen vom Mund in die Beine, und auch die Beine werden hart und sauer, und mitten am Tag fällst du hin und kannst nicht mehr aufstehen.“
Der Vater kommt in den Garten, unter seinen Stiefeln bricht das Gras.
Er brüllt: „Wo ist die Katze?“
„Weiß nicht“, sagt Martin. „Sie hat nicht gefressen.“
Im Gesicht des Vaters verschiebt sich etwas.
„Wo ist die Katze?“, krächzt er und gräbt Martin die Finger in die Schultern. „Wo?“
Martin fragt sich, ob Annika jetzt auf seinen Rücken schaut, oder ob sie schon umgeknickt ist, weil ihre Beine angefangen haben, hart zu werden. Der Vater lässt los, an Martin vorbei läuft die Katze ins Haus und sieht mager aus.

Die Mutter lehnt nackt an der Wand. Martin denkt oft daran. Die Beine hatte sie weit auseinandergestellt und leicht angewinkelt. Martin denkt an ihre Arme. Einer drückte die schweren Brüste zur Seite und lief quer über den Bauch zwischen ihre Beine. Die Hand an diesem Arm bewegte sich ruckartig auf und ab. Der Mund der Mutter stand offen, das Haar klebte ihr am Hals und ihre Hand rieb rote Flecken auf die Schenkel. Ihr Unterleib bewegte sich an der Wand, man hörte es. Als die Mutter Martin sieht, wird sie starr, dann geht ihr Blick an ihm vorbei.

„Es war das Fieber“, sagt der Vater zum Grabstein.
Martin zieht mit der Harke schmale Rillen in den Sand.
„Nicht die Katze“, sagt der Vater zum Grabstein. „Es war das Fieber.“
In Martins Kopf ist ein Bild, die Mutter hält der Katze die Ellenbogen entgegen und schreit: „Du kriegst mich nicht.“

Die Schule ist im Nachbarort. Martin muss mit dem Bus fahren, Annika auch. Meistens ist sie zu spät und muss rennen, damit der Fahrer sie nicht stehen lässt, und der Rock rutscht ihr an den Schenkeln hoch und sieht zerknittert aus.
Martin sitzt auf der Bank in der Haltestelle. Es ist noch früh, um die Häuser steht der Dunst. Martin hört Vögel, die er nicht kennt, er hört ein Fenster, das zugeschlagen wird, und einen Hund und dann hört Martin: „Na?“ Und vor ihm steht Annika und ist nicht zu spät.
Martin überlegt, ob er auch „Na“ sagen soll oder lieber gar nichts, weil sie eigentlich noch nie was gesagt haben, jedenfalls nicht zueinander.
„Du heißt Martin“, sagt Annika.
„Na?“, sagt Martin und merkt erst dann, dass es jetzt nicht mehr passt. Er schlägt die Knie zusammen, er stellt die Füße nebeneinander, er will jetzt nicht. Annika schwenkt die Arme vor ihrem Bauch hin und her.
Sie sagt: „Deine Katze ist manchmal bei uns. Sie legt uns tote Vögel vor die Tür.“
Martin zuckt. „Das ist nicht meine.“
Er sieht, dass Annika sich an ihrer Bluse verknöpft hat, ein Ende hängt zu weit unten, und Annika beugt sich nach vorn und ihr Gesicht wird zu groß.
„Du stehst oft am Zaun, ich sehe dich immer“, sagt Annika. „Martin, Martin“, sagt Annika und lacht, „du guckst ja gar nicht, Martin.“ Und dann ist nicht mehr Annikas Gesicht zu groß, sondern ihr Bauch und ihre Bluse und ihre Hände und Annikas Hände knöpfen Annikas Bluse auf.
„Martin“, sagt Annika.
Ihre Brüste sind klein und hell. Martin sieht Annikas Brüste und er sieht die Brüste der Mutter vor der Tapete und die Faust des Vaters, die seine Rippen trifft, und dessen Mund, der schreit: „Schau weg!“
Martin springt auf, die Brüste stellen sich schlafend. Als er zurück nach Hause rennt, fährt der Bus an ihm vorbei.

Martin stellt sich vor: Die Männer fangen Katzen im Teich. Sie wühlen im Schlamm nach den haarigen Leibern. Sie packen sie bei den Schwänzen und rufen: „Schon wieder eine.“ Die Männer halten die gefangenen Katzen an ihre Mäntel gepresst, damit sie nicht zappeln. Die Katzen fauchen und spucken. Martin stellt sich vor: Die Katzen sterben schon beim Schlag auf den Kopf und liegen in den Küchen mit abgetrennten Pfoten auf den guten Tellern.
Martin stößt sich im Flur den Fuß an der vollen Futterschale. Ein nasser Fleischbrocken trifft ihn am Zeh. Draußen läuft der Vater am Fenster vorbei, gebückt, in seinem Rücken ist ein Knick. Er hält die Hände zum Boden gestreckt. Er ruft.

Martins Nacken ist verbrannt, die rote Haut reicht ihm bis ans Haar.
„Drei Tage schon“, sagt der Vater. „Solange bleibt sie sonst nie weg.“
Er hockt ganz still und krallt die Hände ins Gras. Seit Stunden kriechen sie durch den Garten und ziehen schmatzend die Lippen zusammen und die Katze kommt nicht. An Martins Hose klebt Erde.
„Das Schlimme ist, wie sie dir um die Beine streicht“, hat die Mutter gesagt. „Wie sie sich die Zecken aus dem Fell frisst, wie sie fett wird von ihrem eigenen Dreck.“
Der Vater trägt seinen Rücken wie einen Grabstein. „Drei Tage“, sagt er.
Martin kratzt sich den Arm, er schaut über die Schulter, hinterm Zaun steht Annika und hat einen schiefen Kopf. Der Vater ruft.

Marie Michael, 18 Jahre, Töpchin