Marie Michael „Gegenüber“

Preis für den besten Text der Literaturwoche Winter 2010

bert findet, ich sollte versuchen, auf dem klo zu schreiben. überhaupt sollte ich öfter sachen auf dem klo machen, findet er, lesen oder singen oder lachen oder so. man darf sich ruhig bescheuert fühlen dabei und es keinem erzählen, das ist dann nämlich eine sache zwischen hintern und kopf, und der ganze verdammte rest hat damit gar nichts zu tun. das hat er nicht gesagt, aber er hätte es getan, wenn ich nachgefragt hätte. bert ist einer, der sowas sagt.

weil draußen schnee liegt, stehe ich in der küche und koche tütensuppe. die nudeln darin werden nicht weich, ich bin jedes mal zu ungeduldig. wenn das telefon klingelt, gehe ich nicht ran, weil es hannes ist, der wieder sagt: in einer stunde bin ich da, der sagt: wir müssen schnee schieben, bevor es dunkel wird, hannes, der immer sagt: du schläfst zu wenig.
die suppe auf dem teller dampft, und ich habe keine lust zu essen. was ich mag, das ist der moment kurz vor dem überkochen, wenn ich den topf doch noch schnell von der herdplatte ziehe. ich schiebe mir den leeren löffel in den mund und tue, als würde ich rauchen. hannes raucht, sicher kommt er bald, in einer stunde bestimmt.

berts gitarre ist verstimmt. wir liegen in seiner wohnung auf dem boden, unsere köpfe berühren sich fast. ich gehöre vielleicht nicht hierher.
wahrscheinlich, sagt bert, wahrscheinlich sind wir bald tot, die guten sterben immer jung.
es ist nicht richtig, so was zu sagen und hinterher zu schweigen, als müsste man alles glauben. wir lachen wie man lacht, wenn einen keiner hört.

als ich hannes traf, wollte ich ein gedicht über seinen namen schreiben, darüber, wie ich ihn ausspreche. er verstand mich nicht, man spricht den eigenen namen selten aus.

wenn man die augen schließt beim laufen, sagt hannes, dann bringt das glück. er nimmt meine hand, die noch warm ist vom busfahren. wir stehen an der straße, und ich stelle mir vor, wie es ist, nicht sehen zu können. ich denke manchmal an so was. bei hannes kann man nie sicher sein, hannes kann nie sicher sein. und dass er von dingen redet, die glück bringen oder unglück, das passt nicht zu ihm. ich überlege, was wohl schlimmer ist, blind sein oder stumm, und ob man versuchen sollte, solche gedanken jemandem zu erklären. ich sage: viele sterben im schlaf.

hannes ist oft weg, ist oft nicht da. ich mag es, ihn zu vermissen, mich zu fragen, in welche richtung er gerade läuft. ich denke an seine hände oder daran, wie sein mund nach dem rauchen schmeckt. ich stelle mir gern vor, er würde eine andere küssen und dabei an mich denken.

ich schreibe nicht, wenn ich müde bin, und bert nicht, wenn er es nicht ist. wenn sie sterben, sind die dinge am schönsten, dann sind sie nackt. wir sitzen barfuss vor dem fernseher, wir essen rumschokolade und trinken zu viel. weiter kommen wir nie.
es gibt einen film, da werden die menschen von spiegeln gefressen, sagt bert. ich sage: scheiße, das letzte, was sie sehen, ist ihr eigenes gesicht.
ich weiß nicht, warum wir immer vom sterben reden. vielleicht ist es das, was mir bei hannes fehlt.

ich will mir die hand übers linke auge legen, sagen: ich bin rechtsäugig. und vielleicht würde hannes mir glauben. ich fände das richtig so. es stirbt sich leichter zu zweit.

wie ist das mit dir und hannes, fragt bert. wir haben uns aneinander gewöhnt, sage ich.
aber das ist nicht wahr. es ist nicht so, dass wir für einander da sind, wir waren schon immer für einander weg. hm, sagt bert. mehr nicht. ich frage mich oft, was er denkt.

irgendwann wird er gehen, ich weiß das. er wird gehen mit dem rücken zum fenster, und ich werde die tür hinter ihm abschließen, um seine schritte im treppenhaus durch die wand hindurch zu hören. und dann werde ich bert anrufen und sagen, er ist gegangen mit dem rücken zum fenster, ich habe es gesehen.

wenn wir sterben, werden wir jung sein, bert und ich. wir werden schön sein und nackt. vielleicht werden wir schlafen. wenn wir sterben, werden wir das nicht wollen.

Marie Michael, 17 Jahre, Töpchin