Marie Michael „unterm Tisch“

Preis für den besten Text der Literaturwoche Sommer 2009

wir sollten ans meer fahren, sagt tino.
ich lege mir die hände auf die augen und lache. es gab zeiten, da wusste ich, wann der sommer vorbei war.

draußen fallen die blätter.
er steht in der küche und sieht mich nicht. vielleicht hätten wir schlafen sollen.
wir kriegen das hin, martha.
ich schweige, weil er mich dann nicht findet. seine hände greifen in die luft. dort hält sich nichts.
martha, mach mal die augen zu. so schlimm ist das nicht. wir kriegen das hin.
ich antworte nicht. ich drehe den wasserhahn auf. im spülbecken liegen drei gabeln, ich nehme eine in die hand. sie schneidet das licht auf seinem gesicht in streifen wie aus versehen. er hat es zu mir gedreht mit einem ruck.
wir kriegen das hin.
ich sehe ihn an. sehe in seine ohrmuschel. das wasser läuft ins becken. sehe auf das muttermal in seinem mundwinkel. und auf seine lider, die er geschlossen hat, als hätte er eine wahl. ich drehe das wasser ab, bis es nur noch tropft.

wir laufen barfuß an der straße entlang. wir laufen, weil es sonntagnachmittag ist und wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. tino läuft barfuß, er findet, es wäre bescheuert, wenn man nichts vom gras hat. ich laufe barfuß einfach so, weil ich es will.
du wirst dir was eintreten, sagt tino. zieh die sandalen an.
ich halte seine hand, damit wir nicht fallen. an uns rauschen die autos vorbei. meistens rote.

ich weiß, es ist nicht seine schuld.
es ist, als hätte man uns im kreis gedreht und dann losgelassen, sagt tino. wir rennen in die erstbeste richtung.

abends sitzen wir oft im wohnzimmer unterm tisch. oder wir liegen, das kommt vor. tino malt mit dem finger drei punkte auf meinen rücken, direkt unters t-shirt. ich stelle mir vor, dass meine haut gelb ist und seine punkte schwarz und dass er meinen rücken am arm tragen könnte. wirbel für wirbel herumgewickelt. sein finger fängt an, kreise zu ziehen. größer werden die, wie die wellen um einen stein, der ins wasser fällt. ich greife hinter mich und umfasse seine handgelenke. aus gewohnheit ist links noch die armbanduhr.

die frage ist: worauf kommen wir an?

einer von uns ist blind. das kommt vor.

es war ein samstag, als wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. auf pro7 zeigten sie „die farbe lila“.
kommt was, fragte tino.
„die farbe lila“, sagte ich.
kenn ich nicht, du?
und ich wünschte, ich hätte wieder einen wasserhahn gehabt, um nichts sagen zu müssen. ich wusste, er meinte den film, das war klar, aber ich konnte nicht aufhören, daran zu denken, dass ich die farbe lila kannte und er nicht. nicht mehr. wo ich doch dachte, er könnte sich vielleicht noch erinnern an blau und grün und gelb und das alles, dass das da irgendwo noch wäre, vielleicht, das wär ja möglich gewesen. wie fische in einem netz, so stellte ich mir das vor. flieder.
ich sagte es leise.
tino machte hä. dann: mach mal lauter.
ich nahm die fernbedienung und drückte den rechten lautstärkeknopf. dann setzte ich mich neben ihn und schaute auf sein muttermal und wir hörten uns „die farbe lila“ an. mittendrin gähnte tino und ich sagte scheiße und riss das fenster auf und wir wussten beide, dass es nicht anders ging. es krachte, als der fernseher auf dem bürgersteig aufschlug. wir hätten zufrieden sein können.

ich weiß nie, wie weit ich gehen kann. wie lange das hält, was zwischen uns ist. und wenn es nur tinos arm, unser atem oder der tisch oder sonstwas ist. ich weiß, es ist nicht seine schuld. nicht seine schuld, dass das fenster groß genug war, um einen fernseher hinauszuwerfen. nicht seine schuld, dass ich keine ahnung mehr habe, wo ich aufhöre, wo ich für ihn aufhöre. nichts ist seine schuld. aber wenn er dann wieder anfängt, vom meer und von sandalen und „wir kriegen das hin, martha“, dann möchte ich manchmal schreien und heulen und genauso sein, wie ich nicht sein darf, weil es nicht seine schuld ist. nicht seine.

wir laufen barfuß an der straße entlang, weil sich das nicht anfühlt als wäre herbst. ich zähle meine schritte in primzahlen. zwei, drei, fünf, sieben. die luft knickt um uns herum. wir atmen flach. irgenwann wirft tino sich ins gras und weil ich immer noch seine hand halte, wirft er mich auch ins gras. wir tragen kurze hosen. an meinen beinen klebt schorf.
ich kann das meer hören, sagt tino.
das ist die straße, sage ich.
wir liegen im straßengraben. man sieht nur den himmel. tinos stimme hat eine grobe rinde. er grinst.

die frage ist: worauf kommen wir an, wovon hängen wir ab? und ich weiß mir nicht zu helfen, weil das mit uns ist wie auf einem fuß stehen und mit dem anderen luftlöcher vor die eigene nase stechen.

es war ein samstag, als wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. der klang des aufpralls spult zwischen unseren mündern vor und zurück.

ich zähle meine schritte in primzahlen. manchmal zeigt tinos armbanduhr zwei, drei, fünf, sieben. dann schläft er. ich sehe ihn an. sehe ihn lange an und gerade jetzt kann ich mich nicht sattsehen an ihm. und ich fühle mich schuldig deswegen. dieses hungern wächst mir über den kopf.

wir ziehen uns immer im dunkeln aus, weil ich mir dann nackter vorkomme und das brauche.
tino trägt seinen arm an meinem rücken, nicht umgekehrt. nur um diese zeit erlaube ich mir überhaupt meine lippen. seine wandern schräg von unten nach oben, aber immer auf mir. da sind linien auf meiner haut wie ausgetrocknete flüsse. die findet nur er.

martha, sagt er manchmal in meinen bauch und ich spüre seine zähne dort.
marthamarthamartha.
ich sehe seine augen nicht. das ist gut so.

ich kann das meer hören, sagt tino.
er hat beide hände an die ohren gepresst.
und?
es ist laut.

ich zähle meine schritte in primzahlen. es ist, als hätte man uns im kreis gedreht. wir ziehen uns immer im dunkeln aus. ich denke das und merke, dass es sich aufgequollen anhört. nicht echt. als hätte man uns zu lang im wasser liegen lassen.

nur um diese zeit erlaube ich mir überhaupt meine lippen und küsse ihn und sage dinge, als könnten wir beide noch sehen. den rest des tages bin ich mundlos.
unter dem tisch ist mit uns ab und zu auch rotwein. wir trinken aus der flasche und ich versuche mich fremder zu fühlen.

die frage ist: worauf kommen wir an? und ich weiß mir nicht zu helfen. ich bin mundlos.

Marie Michael, 17 Jahre, Töpchin