Marie Michael „Wenn sie warten“

Preis der Literaturwoche Winter 2011

Die weißen Augen der Füchse stehen in den Nächten vor dem Fenster. Der Vater hat es oft erlebt. Sie kommen geräuschlos, jedes Mal, und bleiben stundenlang, weit aufgesperrt im Dunkeln.

„Man muss nach den Lidern schauen“, sagt der Vater. „Lang muss man an der Scheibe hocken und auf die zuckenden Lider warten, das ist der Anfang.“
Die Augen der Füchse sind brennende Schiffe, sie stehen starr, immer zwei nebeneinander.

Beim Essen rutscht der Vater mit dem Stuhl soweit wie möglich an die Tischkante. Er schlägt ein Ei auf mit dünnen Händen und zerdrückt die Schalen auf dem Teller. Auch sein Kopf ist hell und rund. Die zerfurchte Haut hat Flecken.
Ich besuche ihn öfter, seit ich am Grab der Mutter die Erde harke. Sein Haus ist klein, meistens sitzt einer von uns mit aneinander gedrängten Beinen auf der Bank in der Küche. Ich schneide ihm die Äpfel in Scheiben oder sehe zu, während er isst.

Der Vater sagt: „Sie müssen stinken, die Augen. Es muss einen würgen, wenn man hineinsieht. Alles Kranke aus den Füchsen hat sich zum Sterben in die Augen verkrochen. Man spürt es“, sagt er.
Mit freiem Oberkörper beugt er sich vor den Spiegel im Badezimmer und schneidet sich die Haare. Er schneidet sie säuberlich, zieht den Kamm viele Male hindurch. Den Kopf dreht er prüfend von links nach rechts. Dann schnappt die Schere, und die grauen Strähnen fallen auf die Fliesen. Auch das ist etwas, das er mir beweisen muss.

Der Vater sagt: „Die Augen der Füchse dulden niemanden neben sich. Ich habe sie erkannt, sie müssen mich fressen.“
Dicht an dicht liegen sie am Zaun, bis er die Vorhänge vor die Scheibe zieht, und seinen Rücken zwischen Raum und Fenster setzt. Den Atem presst er gebückt in die geschlossenen Hände.

Ich habe mir angewöhnt, im Dunkeln zu gehen. Dann merkt er es nicht. Ich schlüpfe in die Schuhe, deren Schnürsenkel ich beim Ankommen nicht gelöst habe, und schließe die Tür hinter mir nicht ab. Auf dem Weg zum Auto kann ich den Vater schreien hören. Es macht nichts, so ist es immer. Seine Stimme knackt nach wenigen Sekunden oder bricht ganz weg. Ich laufe bewusst langsam und warte auf diesen Moment. Manchmal bin ich schon zu weit und verpasse ihn.

Der Vater sagt: „Je lauter ich schreie, desto länger bleiben die Füchse. Sie wittern mein Fleisch und mein Blut, die Füchse wissen, wann etwas stirbt. Sie warten jede Nacht.“

Wenn er redet, höre ich zu. Wenn sie warten, wartet er auch. Die Füchse haben magere Augen. Sie gehen wie sie kamen.

Marie Michael, 18 Jahre, Töpchin