Max Felix Gärtner „Das undefinierbare Etwas“

Preis der Literaturwoche Sommer 2010

Es war ein schöner Februarmorgen. Ich lag in meinem Bett und träumte von nichts. Ja, ich träumte von nichts. Das ist nicht langweilig, sondern eine hohe Kunst, die zu erlernen ist. Ich lag also da und genoss es den Kopf leer zu fegen. Da klingelte es. Wer könnte das sein und wagte es mich in meiner spirituellen Phase zu stören? Sauer schlüpfte ich in meine Polyesterlatschen und schlurfte zur Tür. Draußen stand die schweißnasse Postbotin und starrte mich an. Ich starrte zurück. So starten wir uns eine Weile an. Dann ließ sie mit einem spitzen Aufschrei das Paket fallen und rannte zu ihrem Fahrrad. Ich sah mich um. Was mochte sie so erschreckt haben? Da fiel mein Blick auf den Morgenmantel: er war nicht zugeknöpft. Ich musste es wohl in der Eile vergessen haben. Schnell knöpfte ich ihn zu, nahm das Paket und ging ins Haus. Ich ließ das Paket auf die Kommode fallen. Ein dumpfes „Au“ kam aus dem Packpapier. Nun sah ich mich erstaunt um. Was war das? Hatte ich mir am gestrigen Abend ein paar Whiskys zu viel gegönnt? Verwirrt kratzte ich mich am Kopf. Da bemerkte ich das Paket, das noch unberührt auf der Kommode lag. Vorsichtig fing ich an es auszupacken. Aus dem Papier kam etwas Großes, Rundes, Rotes hervor. Mit spitzen Fingern löste ich die letzten Packpapierreste ab. Ich sah ein undefinierbares Etwas. Sollte das etwa ein Liebesgeschenk meiner Postbotin sein? Aber warum schenkte sie mir dann kein neues Deo? Das könnte ich viel besser vertragen. Achselzuckend wollte ich mich umwenden, doch da ertönte eine Stimme: „Bist Du Heinz, der Bekloppte?“ fragte das rote Etwas. „Nein.“ sagte ich und starrte es verwundert an. „Schade.“ seufzte das rote Ding. „Schon wieder daneben. Jetzt warte ich schon so lange auf den Richtigen!“ In meinem Gehirn arbeitete es fieberhaft. Träumte ich etwa noch oder war ich ohnmächtig geworden? Das herauszufinden gab es nur eine Möglichkeit. Schnell packte ich den Knauf des Küchenmessers und stach das Metall in meinen kleinen Finger. Blut quoll heraus. Das war der eindeutige Beweis: Ich träumte nicht. Es gab zwar noch eine andere Methode das herauszufinden, aber die hatte etwas mit erstechen zu tun, weil man im Traum ja nicht sterben kann. Aber das wollte ich wirklich nicht ausprobieren.
Mit wütendem Ton keifte mich das Ding an. „Hast Du etwa noch nie einen sprechenden Mülltonnendeckel mit Augen gesehen?“ Ich überlegte. Nach einer Weile sagte ich: „Nö. Eigentlich nicht. … Aber“, ergänzte ich mit wichtiger Mine, „mir wurde letztens mein Mülltonnendeckel geklaut und du würdest perfekt draufpassen.“ „Soll das jetzt ne Drohung sein?“ fragte der Deckel. „Ja, sollte es.“ giftete ich zurück. Dann schwiegen wir uns eine Weile an. Plötzlich durchbrach der Deckel die Stille: „Kurt, der Beknackte, mein Name. Aber du kannst mich auch Kurti nennen.“ „Danke“, sagte ich, „angenehm! Mein Name ist übrigens Alfred. Alfred, der Langweilige. Kurz: der Langweiler.“ „Hallo,“ sagte der Deckel, „du Langweiler.“ Irgendwie hatte ich ihn schon lieb gewonnen. Da fragte der Deckel: „Könnte ich bitte etwas zu trinken haben?“ „Aber klar“, erwiderte ich „was willst du?“ „Oh,“ sagte er „ich hätte gerne einen verfaulten Eiershake oder einmal miefige Müllkippe.“ „Tut mir leid,“ meinte ich „hab leider nur Bier“ „Na gut,“ seufzte er „dann eben ein Bier“ „Ok“ sagte ich und ging in die Küche um es zu holen. Während ich das Glas aus dem Schrank nahm, stellt ich das Radio an und lauschte den Nachrichten. Doch da spitze ich die Ohren. Hatte ich richtig gehört? Im Kopf wiederholte ich die Nachricht: Heinz, der Bekloppte war aus dem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen und war auf der Suche nach einem sprechenden Mülltonnendeckel. Nein, das klang einfach zu absurd. Schnell ging ich wieder ins Wohnzimmer. Der Deckel lag immer noch da und sah mich erwartungsvoll an. Er fragte: „Wo ist mein Bier? Du hast mir Bier versprochen!“ „Bier?“ murmelte ich vor mich hin. Wie konnte dieser Mülldeckel jetzt an Bier denken? Im Kopf überlegte ich, wie gut Plastik wohl brennen würde. Dann verwarf ich den Gedanken. Man konnte nervende Dinge nicht einfach aus der Welt schaffen, indem man sie verbrannte. Sonst könnte ich ja gleich meine Wohnung abfackeln, die mir meine Eltern mit der rosa Elefantentapete aufgedrängt hatten. Ein Plan musste her, ein guter Plan. Aber man konnte sich nicht einfach so am Freitag morgen um Zehn einen Lebensrettungsplan ausdenken. Da brauchte man einfach mehr Zeit.
Plötzlich klingelte es. Langsam ging ich zur Tür und starrte durch den Spion nach draußen. Dort stand ein Mann, der mich entfernt an eine Kreuzung aus Affe und Mensch erinnerte. Außerdem meckerte er wie eine geisteskranke Ziege: „Lass mich rein und gib mir meinen Kurti wieder, oder ich muss meine Geheimwaffe einsetzen!“ Geheimwaffe, überlegte ich. Was konnte damit gemeint sein? Vielleicht die halbvolle Bierflasche, die er in der Hand hielt. War da etwa gar kein Bier drin, sondern Nitroglyzerin? Möglich ist alles, dachte ich und öffnete die Tür einen Spalt. Moment mal, überlegte ich. Woher wusste er eigentlich, dass der Deckel bei mir war? Vielleicht war ihm ja die Postbotin begegnet, die ich mit meinem offenen Morgenmantel so erschreckt hatte. Vermutlich hatte sie alles ausgeplaudert. Aber eigentlich war das ja jetzt auch egal.
„Den Deckel können sie haben, aber bitte tun sie mir nichts.“ sagte ich. Der Betrunkene überlegte einen Moment, dann sagt er: „Ok, aber nur gegen 50 Flaschen Whisky.“ Ich seufzte erleichtert auf. Jetzt konnte ich das Zeug endlich loswerden und musste es nicht mehr selbst in mich hinein schütten. Damit wäre ich dann wohl auch endlich meine Vollmondaktivitäten los, bei denen ich nackt mit dem Motorrad in der Nachbarschaft herum fuhr und behauptete, ich sei ein Frosch in der Paarungsphase.
„Sehr gerne“, sagte ich und ging ins Wohnzimmer, um Kurti zu holen. Kaum war ich mit dem Deckel wieder aufgetaucht, riss ihn mir Heinz, der Bekloppte aus der Hand und fing an den Deckel zu streicheln. „Mein liebes kleines Deckelchen,“ flüsterte er, „ich hab dich so vermisst!“ Vorsichtig fragte ich: „Wofür ist denn der Deckel gut?“ „Für meine Wohnung“, sagte Heinz und zeigte auf die Mülltonne, die hinter ihm stand. „Sonst hat´s immer reingeregnet. Aber jetzt ist die Wohnung endlich wieder komplett.“ Mit diesen Worten schulterte er die Mülltonne und ging seines Weges.

Max Felix Gärtner, 12 Jahre, Wandlitz