Max Felix Gärtner „Geistesblitz“

Preis der Literaturwoche Winter 2012

Ich sitze auf meinem Stuhl, bewegungslos, wie es scheint, denn meine Arme und Beine bewegen sich nicht von der Stelle. Für einen einfältigen Betrachter wirke ich vielleicht wie ein Geisteskranker und er würde sich schnell von mir abwenden, schon allein deswegen, um meinem Blick zu entgehen, der lebendig und schnell im Raum umherhuscht. Würde dieser Betrachter wissen, was sich hinter den starren Gliedern und dem lebendigen Blick verbirgt, würde er mich bestimmt nicht für einen Verrückten halten.
Ich bin auf der Jagd, ja auf der Jagd, so unwahrscheinlich das auch erscheinen mag. Doch es ist wahr. So mache ich mich auf die Suche und lasse meinen Blick prüfend durch das Zimmer schweifen, bis er auf dem Schreibtisch am Schubfach hängen bleibt. Ich stehe auf und öffne es vorsichtig – und da – eine wahre Flut von Ideen springt mich an, umklammert mich und will sich mir aufdrängen. Doch ich scheuche sie mit einem Schlenker meiner Gedanken davon, sie sind nicht die Richtigen. Was ich suche, ist die größte, die gefährlichste von ihnen. Sie ist so gewagt, so unberechenbar, dass sie ausreichen würde, um ganze Romane mit unzähligen Wörtern zu füllen. Wenn sie erst in meiner Gewalt ist… Ich werde sie ausnehmen, sie genüsslich sezieren, sie in ihre Einzelteile zerlegen und jedes ihrer Teile katalogisieren. Ich will sie zu mir machen und mich zu ihr.
Ich beuge mich nach unten und schaue unter den Schrank. Für einen Fremden nur ein altes Geldstück, für mich ein Tier aus längst vergangenen Zeiten, das unzählige Geheimnisse in sich birgt. So umfange ich die Idee, versuche ihr Wesen zu erfassen und schieße Pfeile aus reinen Nervenblitzen auf sie ab. Doch sie versucht nicht einmal, ihnen auszuweichen. Nein, sie nimmt sie einfach in sich auf und umfängt mich mit ihrer Größe, ihrer Genialität und lässt mich erkennen, dass ich wahnsinnig werden würde, wenn ich sie noch länger attakierte.
Sie liegt auf mir wie ein schwerer, nasser mit Papier gefüllter Sack. Das Atmen fällt mir schwer, Schweiß tritt aus meinen jetzt schon stecknadelkopfgroßen Poren und fließt in Strömen über mein Gesicht. Ich schüttle mich stöhnend hin und her, doch sie hält mich weiter in ihrem eisernen Klammergriff. Ihre gedankenscharfen Krallen kratzen noch einmal über die Oberfläche meines Geistes und hinterlassen tiefe Furchen. Jetzt zieht sie sich zurück aus jedem einzelnen Bereich meines Geistes unter die Dunkelheit des Schrankes, der sie entsprungen ist, wo sie sich wieder in ein Geldstück verwandelt. Ich werfe ihr noch einen Blick hinterher, dann hebe ich die Nervenpfeile und den Gedankenspeer wieder auf und kehre um. Später werde ich wiederkommen… vielleicht. Wenn mein Geist größer geworden ist. Ich lächle, ganz ohne Lohn gehe ich doch nicht nach Hause. Ich habe ihr ein Schnurrhaar ausgerissen, ein Bruchstück ihrer selbst, das mich in ersten Ansätzen verstehen lässt, was diese Idee ausmacht. Nun, das Spiel ist aus, der Jäger zieht sich verwundet zurück, während ich wieder auf meinem Stuhl sitze und den Blick schweifen lasse.

Max Felix Gärtner, 14 Jahre, Wandlitz