Mercedes Spannagel „Seitdem“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2014

I
»Trifft der Goldfisch im Vorfeld die Entscheidung, in welche Richtung er sich als nächstes wendet?« fragt Knolle und klopft an die Scheibe. Der Goldfisch schwimmt unbeirrt vor sich hin. »Brutus?« fragt Fricke. Aber die Frage ist überflüssig, weil es in dem Aquarium nur einen Goldfisch gibt. Knolle klopft und Fricke sagt: »Ich denke nicht.« »Der glotzt so hässlich«, sagt Knolle und setzt sich u Fricke aufs Bett, mit dem Rücken zum Aquarium. Auf der Bettdecke sind konzentrische Kreise. Knolle mag sie nicht, der Stoff mache dumm im Kopf, sagt er manchmal, wenn er mit Fricke auf dessen Bett sitzt. »Hier bist du auch mit ihr gesessen«, das sagt Knolle auch öfter und Fricke nickt dann. »Seitdem nicht mehr«, meint Fricke und zieht unter seinem Bett eine Kiste hervor. Er entnimmt ihr eine Wodkaflasche. »Hast du auch Bier?« fragt Knolle. Fricke schüttelt den Kopf: »Davon wird man nicht so schnell betrunken.« Fricke öffnet die Flasche und reicht sie Knolle. »Du hast den ersten Schluck«, sagt er. Knolle nimmt die Flasche und sett sie an seine Lippen, trinkt, verzieht das Gesicht. »Du triffst dich nicht mehr mit Saba?« Fricke zuckt mit den Schultern: »Manchmal sehen wir uns in der Schule. Manchmal sprechen wir über das Wetter und wie es uns so geht.« Knolle meint: »Lina hat jetzt nur mehr grüne Freunde. Sie war ja bereits damals bei den Jungen Grünen dabei, weißt du noch?« Fricke sieht zum Aquarium: »Sprechen wir nicht mehr darüber.« Knolle bestätigt: »Ja, sprechen wir nicht mehr darüber.« Sie trinken. »Findest du mich lethargisch?«, fragt Fricke. Knolle sieht ihn an und sagt nichts. »Meine Mutter meint das nämlich«, sagt Fricke. »Du bist wenigstens in der Schule nicht sitzengeblieben. « Knolle trinkt. Sie schweigen. Brutus schwimmt im Aquarium.Weißt du noch: Die Dornen haben uns jedes Mal gestochen, als wir uns durch die Büsche zu den Schienen gezwängt haben, obwohl du einmal den guten Einfall hattest, den Weg ein wenig freizulegen. Das Buschmesser von deinem Vater«, Fricke lacht. Knolle lacht auch: »Saba hat die Fahrpläne aller Züge auswendig gewusst.« Fricke macht »hm«. »Du hast sie deswegen gefragt, ob sie mit dir ausgeht «, Knolle lacht. Fricke sagt: »Hör auf!« Knolle lacht immer noch: »Sie hat dich lächerlich gefunden.« Fricke wiederholt: »Hör doch auf!« Fricke trinkt, er lehnt sich an die Wand, Knolle stellt fest: »Dein Gesicht hat dieselbe Farbe wie die Tapete.« Fricke sagt ohne Knolle anzusehen: »Aber sie hat mich schon gemocht.« »Noch eine halbe Flasche«, Knolle sieht in die klare Flüssigkeit. »Es war vielleicht nicht Liebe«, meint Fricke. »Wahrscheinlich«, sagt Knolle.

II
»Warum wir nicht mehr draußen spielen würden, fragt meine Mutter«, Fricke lacht. Knolle kaut auf dem Wort »spielen« wie auf einem Kaugummi. Fricke sagt: »Wir sind zu alt zum Spielen, meinst du nicht auch, meinst du schon, oder?« Knolle wiederholt »zu alt« und sieht Brutus nach, wie er sich im Wasser bewegt. »Wir müssen uns sicher sein«, sagt Fricke. »Wessen Schuld war es?«, fragt Knolle. Fricke stellt sich neben ihn: »Wieso sprichst du von Schuld?« »Na, wessen Schuld war es, dass wir an diesem Tag zu den Gleisen gegangen sind?« Fricke sagt ihm ins Ohr: »Hör auf.« Knolle wendet sich ab: »Ja, sprechen wir nicht mehr darüber.« Fricke sagt in die Stille: »Ich träume schlecht.« Knolle zuckt mit den Schultern, es sei bestimmt die Bettdecke, ihm werde da auch immer übel. Fricke sagt: »Wir suchen immer Gründe.« Knolle sagt: »Wir suchen Gründe, um ihnen glauben zu können.«

III
»Was ist mit dem Fisch passiert?«, fragt Knolle. Fricke sagt: »Er nimmt ein Sonnenbad.« Knolle meint: »Ich glaube, ich sehe seine Eingeweide durch den dünnen Bauch.« Er lacht: »Fricke! Pass auf, dass er keinen Sonnenbrand bekommt!« Fricke hält ihm eine Wasserflasche hin. »Wasser?«, fragt Knolle, »bin ich denn ein Fisch?« Fricke lächelt und erklärt dann ohne Lächeln: »Ich habe Angst, dass meine Mutter etwas bemerkt. Sie meint sowieso, dass ich mich verändert habe.« »Was sagst du ihr?« »Ich sage ihr, es wäre wegen Saba. Ich sage ihr, es wäre ugendlicher Liebeskummer. Trennungsschmerz, verstehst du?«, sagt Fricke, aber Knolle sieht nicht so aus, als würde er verstehen. Er hat diesen Blick verloren. »Es darf keiner wissen«, sagt Fricke. »Du hast recht«, sagt Knolle. Fricke lacht: »Komisch schon; ich habe das Gefühl, dass ich auf einer Stufe stehe und nicht weiterkann, dabei ist das, was wir gesehen haben, nicht so abartig. Ich meine, die Welt ist gewaltverherrlichend, deswegen ist es nicht so abartig.« Knolle sieht Fricke lange an und fragt dann: »Warum haben wir nie etwas gesagt?« Fricke sagt: »Ja, warum?«

IV
Knolle sieht zu dem Aquarium. »Es ist leer«, sagt er. Fricke nickt. »Ich habe Brutus das Klo hinuntergespült. « Knolle nickt auch. »Ist gut. Der hat einfach immer zu viel geglotzt.« »Ja«, sagt Fricke, »die letzten Tage ist er nur mehr auf dem Rücken an der Oberfläche getrieben.« Knolle zieht die Nase hoch. »Der weiße Bauch war an der Luft und ich habe ihn angestoßen, aber bei ihm war einfach die Luft raus«, erzählt Fricke Knolle. »Dieser weiße Bauch hat echt abstoßend gewirkt«, meint Fricke. »Sicher mehr als sein Glotzen«, versichert er Knolle. Knolle meint: »Es war sicher nicht mit Absicht. Ein Unfall.«

V
Der Fisch in blauen Arbeiterhosen platzt auf und die Eingeweide liegen neben ihm. Da ist viel Blut. Vielleicht hat er den Fahrplan nicht gekannt. Sie sind wie Fische, ihre Augen schauen und schauen, aber bevor sie die Bilder in ihren Köpfen verarbeitet haben, haben sie sie wieder vergessen. Sie sind durch das Verdrängen zu Fischen geworden, sie schwimmen um des Schwimmens Willen, sie schauen, weil sie müssen, aber sie sprechen nicht darüber, sie haben es nie getan

Mercedes Spannagel, 18 Jahre