Moira Frank „Die Ankunft der Vögel“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2012

Als sie Jules an die Maschinen anschließen, geht Änne zur Armee. Man sagt ihr dort, dass sie noch Panzer freihaben, und ob sie die denn fahren könne. Als Änne nein sagt, gibt man ihr eine Tasche voll Granaten.
„Die Katze“, sagt die Frau mit dem Namensschild, die hinter einem der Tische Formulare ausfüllt, „müssen Sie allerdings hierlassen.“
Änne packt die Katze aus ihrer Manteltasche und reicht sie der Frau über den Tisch.
„Die können Sie natürlich nicht mitnehmen, die Katze“, sagte die Frau, aber sie macht keine Anstalten, sie zu nehmen. „Alle müssen ihre Katzen hinterlassen, das geht nunmal nicht anders.“
Änne krümmt die Katze behutsam mit den Händen zusammen und steckt den kleinen, schurrenden Ball zurück in ihre Manteltasche. Sie nimmt die Granatentasche, hängt sie sich vorsichtig über die Schulter und geht zurück.
Jules schläft. Jules schläft meistens, seit sie in der Fabrik zwischen die Maschinen gekommen ist. Änne tritt an sein Bett, nimmt die Katze aus der Tasche und legt sie in die kleine Kuhle in der Decke, wo Jules Füße parallel zueinander auf der Matratze ausgerichtet sind.
Die Decke ist so schwer, als wäre sie mit Sand gefüllt. Änne zieht die Vorhänge auf, die dick und staubig sind, um ein wenig Licht hereinzulassen, aber das Fenster liegt zur Nordseite, und sie sieht nur die braungrauen Backsteine der Fabrikschlote und ab und an einen Lastwagen, der Panzereinzelteile von der Fernstraße bringt.
Änne stellt die Granatentasche vorsichtig zwischen ihre dünnen Beine und setzt sich auf den Besucherstuhl. Die Katze schläft. Unter der Decke ist Jules ganz eingefallen. Vorne am Bettgestell hängen Formulare. Änne hebt die Bettdecke ein Stück an und schiebt die Hand darunter. Jules fühlt sich fleischig und kalt an.
„Sie nehmen jetzt auch Frauen in der Armee“, sagt Änne zu Jules und streicht ihr unter der Decke liebevoll über den bandagierten Arm. „Seit es ernst ist.“ Wenn sie bis zum Ellbogen hochgreift, kann sie fühlen, wo die Maschinenschläuche unter Jules Haut fühlen. Sie spannt sich über den Schlauchwirbeln. Die Maschinen gehen bis zur Decke, und die Decke ist hier sehr hoch. Sie sehen aus wie die Metallschränke bei der Armee, nur in grau. Nur ein paar haben Bildschirme. Manchmal knackt etwas in den Schläuchen und Kabeln. Änne findet es ironisch, dass die einen Maschinen Jules zerquetscht haben und die anderen sie jetzt am Leben halten. Änne beugt sich über Jules, drückt noch einmal den dünnen Arm unter der Bettdecke, vorsichtig, damit sie die Schläuche nicht berührt, dann steht sie auf, nimmt die Granatentasche und geht hinaus. Die Katze spitzt noch nicht einmal die Ohren. Jules kann nicht wirklich auf die Katze aufpassen, aber eine Katze auf den Füßen ist schön.
Bei der Armee erklärt man Änne, auf wen sie die Granaten werfen muss. Eine Frau wie die mit den Formularen, die die Katze nicht nehmen wollte, sagt ihr, dass sie den Stift ziehen muss. Die Frau hat ein anderes Namensschild als die mit den Formularen, deshalb kann Änne sie überhaupt unterscheiden. Ihres ist grün. Änne ärgert sich. Sie hat theoretische Physik studiert. Man sollte mit ihr nicht wie mit einem Kind reden.
Am Abend gibt es in der Kantine Spinat und Kartoffelbrei. Änne isst ihren Teller leer. Die Granatentasche steht neben ihr auf einem freien Stuhl. Die anderen sitzen auch für sich.
Viele von ihnen haben Taschen. Neben manchen lehnt ein Gewehr. Die meisten essen den Spinat zuerst. Es gibt fast so viele Frauen wie Männer. Manchmal kann man es nicht unterscheiden, weil die Männer glattrasiert sind. In der Kantine riecht es nach altem Essen. Die Stühle sind aus Hartschalenplastik wie der Besucherstuhl bei Jules.
Das Licht geht pünktlich aus. Änne räumt ihre Hose, den grauen Kittel und das alte Hemd in den Schrank. Sie rollt ihre Socken ein, zieht ein Unterhemd an und klettert auf ihre Etage des Hochbetts. Unter ihr liegt eine von den anderen und starrt mit offenen Augen in die Dunkelheit. Wenn sie auch eine Katze gehabt hat, dann hat sie sie genau wie Änne abgeben müssen. Änne legt sich unter ihre Decke auf die Matratze, ordnet die Füße parallel nebeneinander, streckt die Arme neben sich aus und stellt sich vor, mit Jules zu schlafen. Jules hat kleinere Brüste als sie. Sie hat nicht studiert. Die Granatentasche hat Änne an die Hochbettleiter gestellt. „Das ist meine Granatentasche“, hat sie zu der anderen unter ihr gesagt. „Damit wir sie nicht verwechseln.“ Aber die andere hat ein Gewehr und keine Granatentasche, ein großes, schwarzes.
Am Morgen frühstücken Änne und die anderen Graubrot mit Käse. Ännes Scheibe hat drei Löcher. Die andere von unter ihrem Bett sitzt am anderen Ende der Kantine. Manchmal sieht Änne in die Granatentasche. Es sind noch alle Granaten da, natürlich. Die Frau an der Essensausgabe sieht aus wie die beiden anderen, aber sie hat ein rotes Namensschild. Änne verbringt den Morgen damit, sich nach Katzen umzusehen. Es gibt keine, nicht mal die kleinen gelben. Änne sieht sich nach jemandem mit einem Panzer um. Sie könnte ihm sagen, dass Jules solche Panzer gebaut hat, bevor sie in die Maschinen gefallen ist.
„Auf die Tasche müssen Sie aufpassen“, sagt die Frau vom Anfang, als sie Änne sieht, aber sie hat nichts dagegen, dass Änne Jules besuchen geht. „Wenn Sie das Signal hören, müssen Sie dann anfangen.“ Sie rückt ihr Namensschild zurück. Es ist blau. Änne salutiert, nimmt die Granatentasche, knöpft ihren Kittel bis zum Hals zu, wo er drückt, und geht Jules besuchen. Auf dem Weg kommt sie an den Fabrikschloten vorbei. Panzer rollen vom Band. Manche hat Jules gemacht, aber welche, kann man nicht sehen, sie sind alle gleich.
Änne ist froh, dass sie ihre Granatentasche hat. Womöglich müsste sie in ihrem Panzer schlafen, damit ihn keiner stiehlt.
Jemand hat die Vorhänge zugemacht. Die Maschinen haben jetzt noch mehr Schläuche. Als Änne die Bettdecke anhebt, sind auch die Knie verpflastert. Die Schläuche lassen sie ein bisschen angewinkelt aussehen. Jules liegt krumm, ihr Kopf ist zur linken Seite verrutscht.
Änne stellt die Granatentasche ans Bett und richtet ihn. Die Katze liegt in ihrer Deckenkuhle, sie hat sich einmal gedreht, das Fell steht hinten am Kopf. Änne streicht es glatt. Die Katze zuckt mit den Ohren. Jules bewegt sich nicht. Die Maschine hebt und senkt den Brustkorb, das hat Änne gestern schon herausgefunden. Sie bläst Luft in die Lungen und saugt sie wieder heraus. Änne streichelt Jules den Kopf, das strohige, stumpfe Haar, das Jules jeden Morgen gekämmt hat, die Nase, die Wangen, den kleinen Mund, den Hals und die Bandagen, die man ihr um die dünnen Arme und Beine gewickelt hat. Finger, Schlüsselbein, Brüste und Schläuche streichelt Änne Jules, die Füße, die Knöchel und die winzigen Härchen auf den Handrücken und unter den Achseln. „Die andere unter mir“, sagt Änne, „hat bei der Armee ein Gewehr, und sie benutzen deine Panzer.“
Die Katze schläft wieder. Änne setzt sich in ihren Stuhl und sieht den Maschinen zu, wie sie an Jules zehren. Die Kästen ächzen, manchmal knackt der Bildschirm. Änne schließt die Augen und stellt sich Zahlen vor. Sie sitzt die ganze Nacht.
Am Morgen kommt das Signal. Es ist ein lautes Heulen. Es wird über alle Lautsprecher geleitet.
Änne steht auf, nimmt die Granatentasche und küsst Jules auf den Mund. Er schmeckt nach gar nichts mehr. „Ich muss jetzt gehen“, sagt Änne zärtlich. „Beim Signal muss ich die Granaten werfen gehen.“
Sie knöpft ihren Kittel auf, damit sie besser atmen kann, geht nach draußen und macht sich auf den Rückweg. Das Signalheulen hat noch immer nicht aufgehört. Änne sieht jetzt ein paar von den anderen. Die meisten haben Gewehre. Änne geht die Häuser ab. Sie winkt denen, die Panzer fahren. Sie zieht die Stifte aus den Granaten, legt sie vor die Tür und geht dann zum nächsten weiter. Die ganze Stadt riecht nach Feuer und Trümmern. Änne hört nichts mehr. Es ist so laut. Sie stellt sich vor, mit Jules zu schlafen, bevor man sie aus den Maschinen gezogen, die Knochen geschient, die Wunden genäht und sie in das Bett gelegt und schließlich an die Maschinenschränke angeschlossen hat. Sie stellt sich vor, eine Katze in der Tasche zu haben, vielleicht auch eine braune, auch wenn die kleinen gelben viel praktischer sind. Als Kätzchen konnte man sie in der Brusttasche tragen.
Als Änne keine Granaten mehr hat und ihre Finger vom Stiftziehen schmerzen, geht sie zurück.
Im Treppenhaus liegt die andere aus dem unteren Bett. Sie bewegt sich nicht mehr.
Änne steigt über ihren Kopf.
Das Zimmer ist leer. Jules ist nicht mehr da. Die Bildschirme der Maschinen sind schwarz.
Die Schläuche hängen schlaff und nutzlos auf den Boden. Unter Ännes Schuhen knirschen Glasscherben. Die Matratze ist weggeschafft, auf dem Bettgestell sind viele schwarze Gewehre ausgebreitet, daneben stehen Schachteln mit goldenen Kugeln und Kisten mit Granaten wie Ännes. Auf dem Boden vor dem Fußende liegt, ausgestreckt, dünn und leblos, die Katze. Änne bückt sich und hebt sie auf. Sie setzt sich vor die stillen Maschinen auf den von spitzen Splittern bedeckten Boden, krümmt die Katze mit den Händen vorsichtig zu einem Ball, ordnet die kleinen Pfoten und fängt an zu weinen.

Moira Frank, 18 Jahre