Ole Muth „Raus“

Preis der Literaturwoche Winter 2011

Es knallt laut als meine Mutter mich ohrfeigt. Mein Vater hätte das nie toleriert, dass mich irgendjemand schlägt, schon gar nicht meine Mutter. Sie schaut mich mit ihren veheuelten Augen an und holt noch einmal aus – diesmal trifft sie die andere Wange. Ich zucke zusammen und wische mir flüchtig eine Träne aus dem Gesicht. Ein paar Sekunden stehe ich still da und bin zu ängstlich etwas zu sagen. Plötzlich haut sie laut schluchzend ihren Kopf auf den Tisch.
Ich drehe mich um und renne aus dem Zimmer, raus aus der Wochnung, raus aus dem Wohnblock, zum Friedhof. Ich stelle mich vor das Grab, das Grab das ich jeden Tag besuche, das Grab mit den Primeln, das Grab meines Vaters. Trete gegen den Grabstein und schreie ihn an.
Warum er mir nicht hilft. Warum er tot ist.
Vor Wut ziehe ich mein Handy aus der Tasche und werfe es in den Friedhofsteich, treffe eine Seerose. Ich gehe zu der grünen Holzbank, um sie zu treten, setze mich dann aber nur hin und schlage meine Beine über. Das geht, ich trage eine Röhrenjeans. Die Bank steht vor dem Teich. Ich lehne mich nach vorne, um mein Handy auf dem Grund zu suchen, doch das Wasser ist so trüb, ich sehe nur mein Spiegelbild. Das macht mich sauer. Ich nehme einen Stein und werfe ihn auf die Spiegelung. Meine Spiegelung. Das Wasser kräuselt sich und mit wird kalt. Meine Jacke habe ich zu Hause liegen lassen. Ich stehe auf, weil ich mich nicht mehr selbst sehen möchte. Wütend schmeiße ich den lilafarbenen Pullover weg, reiße mir das neongelbe Tshirt vom Leib und quetsche mich mit zitternden Händen aus der grünen Jeans. Ich stehe da. Da, nur noch in meiner pinken Unterhose. Ich will nach Hause gehen, aber ich kann nicht.

Ole Muth, 13 Jahre, Wandlitz