Paula Balov „Rückweg“

Themenpreis der Literaturwoche Winter 2009

Thema: „Am Wegesrand“

Die Sonne scheint und warmer Wind weht. Ich friere.
Ich bleibe am Wegesrand stehen, schaue zum Spielplatz. Ich war hier lang nicht mehr. Ich rupfe ein Gänseblümchen aus dem Boden, reiße ein Blatt ab. „Ich werde es los.“ Noch eins: „Ich werde es nicht los.“
Ich gehe zur Rutsche, eine große, geschlängelte Rutsche. Meine Lieblingsrutsche von früher. Das Metall streift kurz meinen Arm. Es ist kalt. So kalt wie Spritze, Zange und Skalpell vermutlich. Die Sonne wärmt den Gedanken auf und den Bauch. Ich streiche mit der Hand über ihn, beginne zu zittern. Er ist flach und straff. „Ich werde dich los, ich werde dich nicht los.“
In meinem Augenwinkel singt jemand. Ich drehe mich zur Seite. Ein Mädchen auf der Schaukel, das strahlt und lächelt und die Augen geschlossen hält, während der Wind ihr Haar zerzaust. Sie wird wohl so alt sein wie ich. Vermutlich macht sie ihr Abi.
Ich setze mich auf eine glühend heiße Bank, klappre mit den Zähnen. „Ich töte dich, ich töte dich nicht.“
Am Zaun ein Junge und ein Mädchen. Er hält sie umarmt, sie hat die Augen geschlossen und sieht verträumt aus. Neben mir sitzt niemand, wegen dir vermutlich. Wegen diesem Etwas. Weil ich mich noch nicht entschieden habe gegen dich. Überhaupt weiß man ja, du lebst noch nicht. Ganz sicher weiß man das. „Ich töte dich, ich töte dich nicht.“
Mein Blick geht über den Spielplatz, als würde ich eine Antwort von ihm erwarten. Der Sandkasten, ein paar Bäume, das Klettergerüst, die Schaukel, keine Antwort. Die Sonne brennt, meine Stirn ist verschwitzt, ich reibe mir die Schultern warm.
An dem Gänseblümchen sind kaum noch Blätter. Es sieht verstümmelt aus. „Ich töte dich, ich töte dich nicht. Ich töte dich, ich… töte.“
Die Sonne verschwindet hinter den Wolken, mir wird übel. Ich habe kein Recht, dich zu töten. Kein Recht, dich aus mir heraus zu rupfen, dich zu zerreißen und wegzuwerfen. Ich lege das Gänseblümchen behutsam auf die Bank und stehe auf und laufe aus dem Park hinaus, zur Straße. Es klappt schon irgendwie, denke ich, es muss einfach, und will zu ihm und ihm sagen, dass er Vater wird und nichts dagegen tun kann. Meine Schritte werden rascher und die Sonne taucht am Rand der Wolken wieder auf und es ist so schön warm. Ich fasse mir an den Bauch und laufe und freu mich und lächle und es klappt schon irgendwie.
Meine Mutter ruft an. Wo ich bleibe. Ob ich nicht für Mathe morgen lernen müsste. Was ich mir eigentlich einbilde. Ich sage ihr, ich bin bald da und es ist alles gut. Ich bleibe stehen und denke an sie und an Papa und ihre Scham und an mein Gesicht.
Du lebst ja noch nicht, sage ich laut und werde langsamer. Ich heule und schluchze und beginne zu schlottern. Es ist verdammt kalt.

Paula Balov, 18 Jahre, Berlin