Roberta Huldisch „Die Gespenster“

Preis der Literaturwoche Sommer 2012

Eines Morgens, kurz nach dem Aufwachen, wurde mir klar, dass die Grausamkeit der Welt unendlich ist. Ich war sieben Jahre alt. Bis heute weiß ich nicht, wie sich diese plötzliche Sicherheit in meinen Kopf pflanzte. Vielleicht hatte ich vor dem Schlafengehen eine traurige Geschichte gelesen. Vielleicht war es ein schlechter Traum, einer von der Sorte, die mir noch heute nachts die Luft abschneiden und beim Aufwachen nur ein zerwühltes Bettlaken und ein leeres Summen im Kopf hinterlassen.

An diesem Tag leuchtete der Himmel durchs Dachfenster, dunkelgrau oder lila, wahrscheinlich blau, denn es war Sommer. Ich sah meinen Stoffhasen an,der mit seinem schmalen Knopfgesicht neben mir schlief. Ich dachte an meine Eltern und stellte mir vor, wie sie im Nachbarzimmer ihre Augen rieben und zerknittert erwachten. Ich dachte an meine Freundinnen, an den Kindergarten,an meine Tanten und Onkel und an die Nachbarin mit ihren zwei Katzen, eine schwarz, die andere gestreift. Und ich war mit einem Mal sicher, dass sie eines Tages alle fort sein würden. Ohnehin waren alle Menschen auf der Welt erst sehr lange weg, dann sehr kurz da und am Ende wieder weg. Ich lief barfuß in die Küche. Niemandem in der Welt konnte ich jemals erzählen, was ich soeben erkannt hatte. Was würden meine Eltern sagen, wenn ich ihnen verriet, dass sie und ich eines Tages einfach verschwinden würden. Ich war über Nacht zur Hüterin eines großen und schrecklichen Geheimnisses geworden. Beim Frühstück sagte ich nichts. Ich betrachtete die Gesichter meiner Eltern, Münder, die sich um Müslilöffel schlossen, knittrige Augen, die beim Lächeln ganz klein wurden. Meine Eltern sagten Dinge wie „Hast du keinen Hunger?“ oder „Du siehst aber müde aus.“ Doch sie merkten nichts.

In diesem Sommer kam ich in die Schule. Auf einem alten Foto trage ich ein dunkelgrünes Kleid zu meiner riesigen Schultüte. Meine Haare sind zu Zöpfen gefl ochten, und ich werfe lachend den Kopf zurück, aber hinter meinem Gesicht
drückt das Geheimnis an meine Zähne. In der Schule sprach ich wenig. Die Lehrer sagten, ich sei ein stilles Kind. Wenn ich eine Antwort geben musste,dann gab ich sie sehr leise und sehr schnell, damit das Geheimnis nicht aus meinem Mund fi el. Einmal sollten wir im Unterricht erzählen, was wir später werden wollten. Und ich konnte es einfach nicht übers Herz bringen, zu sagen, Polizistin oder Sängerin. Weil ich doch wusste, dass ich nie etwas werden wollte, sondern warten würde, bis ich verschwand. Also sagte ich: „Ich werde nichts.“ Und die Lehrerin antwortete: „Irgendetwas muss dir doch einfallen.“
Und ich sagte: „Nein, gar nichts.“ Die Lehrerin hob die Augenbrauen, und die anderen Kinder lachten.

In den Pausen kletterten die anderen auf die Holzgerüste, als würden sie für immer da sein. Ich saß im Sand und sah ihnen zu. Später malten wir im Unterricht Bilder. Ich habe drei Gespenster gezeichnet,Wesen mit ernsten Gesichtern, die sich wie Farbkleckse auf dem Blatt ausbreiteten.Eines sah aus wie eine Erdnuss, das andere wie ein wackliges Quadrat, das dritte füllte als formlose Masse das restliche Papier. Ich stellte sie der Klasse als Muttergespenst, Vatergespenst und Katzengespenst vor. Die anderen kicherten und steckten die Köpfe zusammen. Ein Junge mit spitzem Mausgesicht beugte sich über den Tisch zu mir und riss mir mein Blatt aus der Hand. „Das sind doch keine Gespenster“, rief er und grinste mit seinen Mäusezähnen. Dann kritzelte er ein Bettlaken mit aufgerissenen Augen auf mein Bild, das mitten im Katzengespenst stand. „Das ist ein richtiges“, sagte der Junge. Ich sah ihn an. „Du bist doch verrückt“, sagte er und lachte. „Du spinnst.“ Da wurde ich sehr wütend, griff einen roten Filzstift und zog einen breiten Strich durch sein gelbes Wachsmalerhaus. Einen Moment lang starrten uns alle an wie eine Zirkusvorstellung.Das Mäusegesicht färbte sich langsam rosa. Der Junge sprang auf und stieß den Stuhl um, auf dem ich saß. Ich lag mit verhedderten Beinen auf dem Linoleumboden und sah hinauf in die erwartungsvollen Gesichter. Ich befreite meine Füße von den Stuhlbeinen, stützte mich mit den Händen ab, stand auf und ging schweigend auf den Jungen zu. Dann zog ich sein Bild vomTisch und zerriss es vor seinen Augen sorgfältig in vier Stücke. Meine Eltern kamen mit gesenkten Köpfen in die Schule und setzten sich mit
den Mäuseeltern an einen Holzschreibtisch in einem glänzenden Büro. Der Schulleiter sagte Dinge wie „Sie ist so ein stilles Kind.“ und „Wir verstehen es doch alle nicht.“ Vor mir lag der Schreibtisch wie ein träges Tier. Sie fragten mich, warum ich einen Streit angefangen habe, und ich sagte: „Ich weiß nicht.“ und „Entschuldigung.“ Danach schüttelte ich die Hand des Mäusejungen und ging zurück in die Klasse.

Manchmal finde ich eines meiner alten Gespensterbilder in einer Schublade. Ich
zeige sie Freunden wie verblichene Schulfotos und sehe sie lachen und lache
mit. Und ich sage: „Ich war ein komisches Kind.“

Roberta Huldisch, 17 Jahre