Rosa Engelhardt – STAUB

19.März

Steffen, Josepha und ich essen beim Asiaten. Steffen hat das Restaurant wegen der Frühlingsrollen empfohlen, von denen er schwärmt. Ich bin eigentlich nur wegen der Essstäbchen mitgekommen. Habe, damit es sich lohnt, gleich vierzehn Päckchen eingesteckt. Ich glaube, der Kellner hat es gemerkt. Gesagt hat er nichts.

Später habe ich die Stäbchen einsortiert. Sie sehen aus wie Stäbchen. Wie alle anderen auch (eintausendvierundzwanzig). Aber die Verpackung gefällt mir. Weiß mit schwarzen Ranken und einem roten Drachen. Sonst sind da immer nur Schriftzeichen drauf.

21.März

Neuanschaffung: Christbaumkugeln (einundzwanzig, im Ausverkauf).

22.März

Isa ruft an. Ich finde das Telefon nicht.

25.März

Die Wolken sehen schön aus. Foto gemacht und an die Pinnwand gehängt. Das habe ich auch der Frau erzählt, die heute wieder kam. Sie kommt inzwischen alle zwei Tage, aber nicht immer in die Wohnung. Wir treffen uns oft auch draußen, im Park, denn sie sagt, da wäre es schlicht und einfach ordentlicher. Das finde ich nicht, weil überall Blätter liegen (vom letzten Herbst) und Bierflaschen (vielleicht auch vom letzten Herbst). Ich habe ihr die Schneeglöckchen auf der Wiese gezeigt. Sie hat mich angesehen und gesagt: „Willst du die auch abreißen und mitnehmen?“, und ich habe nein gesagt und sie hat nur genickt. Vielsagend genickt und ich wusste nicht, was das heißen sollte, das Nicken. Aber das weiß man ganz oft nicht, bei ihr. Dann ist sie noch mit reingekommen und ich habe ihr meine Pinnwand gezeigt, wo rechts die Fotos hängen, in der Mitte oben die Kassenbons (zweihundertvierzehn) und darunter die Kaugummipapiere (sechshundertachtzig) und ganz links die Eintrittskarten (hundertvierundneunzig, gefundene und eigene), und ihr gezeigt, was für ein schönes Muster das ergibt, das Weiß von den Kassenbons und das Blau und Silbern von den Kaugummipapierchen und das Bunt der Eintrittskarten, aber sie hat sich nur für die beiden Postkarten interessiert, die am Rand der Pinnwand pinnen. Die eine ist von den Azoren, die andere vom Dresdner Striezelmarkt. Sie hat mich gefragt, von wem die Karten sind und ich habe geantwortet, dass ich es nicht weiß. Und das stimmt ja auch. Sie hat wieder nur vielsagend genickt. Dann ist sie gegangen.

26.März

Ich habe keinen Mülleimer.

29.März

Die Frau war heute nur sehr kurz da. Dann hat mich Marina besucht. Als sie zur Toilette wollte, ist sie über den Karton mit Druckerpapier gestolpert. Ich habe keinen Drucker. Später habe ich ihr die Pinnwand gezeigt und sie hat nur gesagt: „Wo ist die Pinnwand?“ „Na da!“, habe ich gesagt und raufgezeigt und sie hat nur den Kopf geschüttelt und gemurmelt, dass man die Pinnwand vor lauter „Klumbatsch“ gar nicht sehen könnte. Ich habe nur „Ja.“ gesagt und sie in die Küche geführt und ihr einen Tee gemacht.

„Welchen Tee willst du?“

„Was gibt es denn?“

„Alles.“

„Hm.“

„Wirklich!“

„Schwarzen.“

„Gut.“

„Ohne Zucker.“

„Ich weiß.“

Aber sie hat den Tee nicht getrunken und immer nur auf die Vorhänge gestarrt. „Es ist so dunkel.“, hat sie gesagt, „Du brauchst hellere Vorhänge.“ Ich habe sie nicht verstanden, denn die Vorhänge sind orange. „Sie sind ganz grau.“ „Orange!“ „Das ist Staub.“ Dann hat sie geseufzt, ist aufgestanden und gegangen. Auf dem Weg zur Tür ist sie auf mein Domino-Labyrinth getreten, aber sie hat es nicht gemerkt.

30.März

Domino-Labyrinth wieder aufgebaut bis vier Uhr nachts. Ist immer wieder umgefallen. Meine Hände zittern.

31.März

Großes Haupt

Kleiner Mut

Kein Klamauk

Sonnenhut

Habe das Gedicht der Frau vorgelesen und wollte von ihr wissen, ob sie die letzte Zeile gelungen findet oder nicht, aber sie hat mich nur angesehen und gesagt: „Du schreibst?“ Diesmal habe ich vielsagend genickt und dann hat sie vielsagend genickt und es war ein Einverständnis aus vielsagendem Nicken, wie ein geheimer Code. Sie hat etwas aufgeschrieben in ihrem Notizblock. Sie hatte eine schöne Schrift. „Sonnenhut passt nicht, oder?“ Sie hat gelacht. „Nein.“ Ich nickte, diesmal wissend. Sie lacht immer noch.

17.April

Wiese im Park. Die Schneeglöckchen sind weg.

19.April

Die Frau kommt nicht mehr. Ich sehe die Pinnwand nicht mehr. Das Muster ist auch weg. Das Weiß von den Kassenbons und das Blau und Silbern der Kaugummipapierchen und das Bunt der Eintrittskarten ist jetzt alles Grau. Alles verstaubt. Ich hasse Putzen.

 

Rosa Engelhardt, 14 Jahre