Rudolf Nuss „KRIEG“

Siegertext „Theo“ – Preis für Junge Literatur in Berlin und Brandenburg 2013

Altersgruppe 16 – 18 Jahre

»Es fing alles damit an, dass mir eine Amsel in den Mund flog. Mein Freund drehte sich zu mir um und sagte mir, ich hätte da eine Amsel im Mund.
Ich sagte: ‚Hmmm Hmmm!‘
Die Vögel aller Welt wurden seltsam selbstmordaffin. Straßen voller Vogelblut. Die Luft erfüllt von Federn. Obligatorische Vogelsilhouettensticker an Fenstern verloren ihre Wirkung und meine Wellensittiche haben an ihren Trinkflaschen genuckelt bis ihre Bäuche aufrissen und das ganze Wasser aus ihnen herausquoll. Ich hielt ihn – Sie müssen wissen, es war ein Männchen, der Sexualdimorphismus adulter Amseln manifestiert sich in verschiedener Farbenpracht – also, ich hielt ihn in meinen Händen und seine Blickachsen verloren sich gestreut in alle möglichen Winkel; diese schielende Kreatur tat mir im Herzen Leid. Es begann, wie ich es nenne, das negative Abbild von Hitchcocks Szenario – nie hörte man so wenig Vöglein für sich werben. Diese Stille, oh, diese Stille.
Dann, vielleicht erinnern Sie sich, kam dieser nebelige Tag: Die optische Verdichtung des Nebels in der Ferne zerschnitt die Welt sphärisch – wir waren isoliert und alleine. Alleine mit ihnen.«
»Oh, ein Toaster! Glauben Sie den kann man noch für was verwenden?«
Zwei Gestalten in abgenutzter Garderobe streifen auf einem sich in die Unendlichkeit ausdehnenden Schrottplatz umher, Gestalt N°1 wühlt begierig im Schotter, N°2 sitz auf einem erodierten Herd und nippt an einer Scotchpulle. Am Horizont steigen schwarze Rauchsäulen empor.
»Der lag in lumineszierendem Zeugs. Ich würde lieber keine Dinge anfassen, die in lumineszierendem Zeugs lagen – Also: ein Nebel. Ein Nebel schlich sich eines Nachts in unsere Stadt. In dem Nebel wucherten über Nacht aus den Straßen… Kiefern. Sie sprengten den Asphalt, entfalteten ihre Chloroplaste und schoben sich zitternd und schüchtern hinauf. Ich kann mich sehr gut an diesen Tag erinnern; ich erwachte nämlich im Stehen. Am Fenster. Blickte hinaus und sah – Kiefern. Einen Wald aus Kiefern, der die gesamte Stadt ausfüllte, verzweigt in jedem Zwischenraum. Irgendwie bin ich nachts zum Fenster geschlafwandelt, ich weiß nicht wie, und sah diesen Instand-Wald auf der Hauptstraße in all seiner surrealen Mächtigkeit – die Luft erfüllt von ätherischen Ölen, der Nebel verkroch sich auf Erdnähe und verdeckte unsere Füße. Ich ging im Bademantel hinaus, der Himmel hing fett und bedrohlich hernieder auf die Kiefern, die vor Willen strotzen, vor dem Willen, hier zu wachsen. Aber das Verqeurteste stand noch bevor…«
»Meine Katze hatte sich am diesem Tag im Klo ertränkt, ja, ihre hinteren 50% hingen aus der Schüssel heraus samt Schwanz, ich war echt überfordert, das war ´ne völlig neue Situation für mich, hm, ich glaub ich habe sie niemals aus dem Ding rausgeholt. Hach, sehen Sie mal, da liegen einige Spritzen… oh, die sind leer.«
»Tut mir Leid. Wegen ihre Katze meine ich.«
»Danke.«
»Ich heiße übrigens Pierre. Ich war mal Ministerialdirektor des französischen Außenministeriums. Für, naja, zwei Monate.«
»Oh.«
»Wissen Sie, gerade eben lag ich noch in meinem Bett und dachte darüber nach, mir neue Unterwäsche zu kaufen – aus sanft anliegendem Kaschmir – und dann, mit einer Urplötzlichkeit, wie sie so manche Tragödie begleitet – Metastasen, Todgeburten, nukleare Sprengungen – erklärte uns ganz Gaia den Krieg in Form eines globalen Kollektivsuizids – Der Wald starb, alles starb. Ein souveränes Massensterben. Das Volumen der Biosphäre schwand: all die energetisch beflügelten Teilchen in der Luft, Dreckpartikel, die vom Regen herumgeschleudert wurden, die Reibung, die Hitze, die Bewegung, das Leben. Alles wurde langsamer. Ein Duft entstand, von dem ich dachte, er kämme von all den sterbenden Wesen um mich herum. Unsere unermüdliche Infrastruktur generierte nur Chaos – unsere Renaissance ist vorbei.«
Etwas detoniert leise und doch hallend in der Ferne, Trümmerpartikel fliegen in komplexen Rauch-schwadenformationen durch die Luft.
»Huch, was war das?«
»Ich hatte Angst, wissen sie, beim Blick in das Antlitz der Nichtigkeit, der Entropie, dem Energiehaushalt des Universums, ich bestand nur noch aus Sorgen und dem Drang mich aufzulösen – doch in den Wurzeln der Realität, der Liebe und der Phantasmen fand ich Rückzug….«
»Da kommt ´was.«
»Sie müssen wissen, ich fing an zu schreiben, überall zu schreiben, zu konstruieren – in meinem Kopf verwelkt nicht, sondern erblüht nur – in meinen Kopf passen keine Interkontinentalraketen und keine Kriege. Keine Bohrplattformen und keine Banken. Kein Wettrüsten. Keine Inquisition. Keine Genozide. Solange ich lebe, wird in meinem Schädel keine Weltmacht Macht haben. Sterbe ich, stirbt die Welt eh.«
Wolken schweben bewegungslos am Himmelsgewölbe,
sie sind Zeitlupenexplosionen aus kondensierendem Wasser im Himmel,
ja, so ist es, der ganze scheiß Himmel explodiert.

Rudolf Nuss, 18 Jahre