Sofia Marit Nessing – Brieflesendes Mädchen am Fenster

Es ist kurz vor Weihnachten. Mit meiner Mutter besuche ich die Gemäldegalerie „Alte Meister“ in Dresden. Ich stehe vor einem Bild, das 1655 gemalt wurde. Der Maler hieß Jan Vermeer. Ich sehe darauf ein Mädchen am offenen Fenster. Vorn im Bild sehe ich eine ausgekippte Schale Obst. Sie liest einen Brief. Ich sehe sie an, ich beobachte sie.

Ich wundere mich. Plötzlich stehe ich neben ihr. Sie bemerkt mich nicht. Ich sehe, dass sie mit den Tränen kämpft. Der Bote, der ihr den Brief brachte, steht vor dem offenen Fenster und sieht teilnahmslos zu. Er war viele Wochen unterwegs. Das Mädchen läuft aus dem Zimmer. Ich laufe hinterher. Sie wirft den Brief in der Küche auf den Tisch und weint, das Gesicht in die Hände vergraben. Ich bin neugierig. Ich versuche, den Brief unbedingt zu lesen. Aber die Schrift ist ganz anders. Mein Herz klopft vor Aufregung. Auf der Treppe höre ich die müden Schritte des Boten.

Plötzlich höre ich eine Tür aufgehen. Es ist die Mutter. „Liesel“ ruft sie, „ich bin wieder da.“ Sie kommt in die Küche. Auch sie sieht mich nicht. Sie fragt ihre Tochter erschrocken: „Liesel, warum weinst du? Was ist passiert?“ Ich zittere vor Anspannung, zeige auf den Brief, fasse sie am Arm. Sie bemerkt mich nicht. Ich bin unsichtbar. Liesel fällt ihrer Mutter um den Hals und zeigt auf den Brief. Die Mutter liest. Tränen laufen ihr über die Wangen. Liesel sagt: „Vater ist tot. Schon im Sommer ist er gefallen.“ Ich schreie: „Das ist ja ein halbes Jahr her. Ein halbes Jahr hat der Bote gebraucht. So lange…“ Niemand hört mich. Die Mutter liest vor, dass der Vater im Krieg gefallen ist. Liesel sagt: „Er wollte nicht in den Krieg. Sie haben ihn gezwungen, andere Menschen zu töten. Lass ihn trotzdem in den Himmel kommen.“ Beide weinen stumm und beten. Ich glaube nicht an Gott, aber damals war das wohl so. Inzwischen essen sie ihr karges Abendmahl aus Brot, Wasser und Käse. Dann gehen sie schlafen. Doch ich höre, wie sie noch im Bett darüber reden.

Mir schießen die Gedanken nur so durch den Kopf. Der Bote war so lange unterwegs, um den Brief mit der Todesnachricht zu bringen. So lange mussten sie warten. Und dann vielleicht 10 Sekunden, um den Brief zu lesen, können einen Menschen in Freude oder Trauer versetzen. Auch Angstgefühle, Langeweile oder Mut können hervorgerufen werden. Verliebtheit oder Wut – ganz egal. Und diesmal eben Trauer.

Mein Handy klingelt. Erstaunt tauche ich zurück in die Gegenwart. Meine Mutter steht ein Stück entfernt und sieht mich böse an, weil das Handy klingelt. Schnell gehe ich ran. Es ist meine Freundin aus Hamburg. Ich frage, wie es ihr geht. Sie will mir was total Cooles erzählen. Ich sage: „Du später…“ und lege auf. Das Ganze hat 10 Sekunden gedauert. So schnell, kein halbes Jahr.

Über die Schulter werfe ich einen Blick zurück auf das Bild. Das Mädchen steht noch immer am Fenster – stumm und starr – mit Ölfarbe auf eine Leinwand gebannt. Stumm liest es den Brief. Von dem unheimlichen Zauber ist nichts mehr zu spüren. Schnell wende ich mich ab. Mir ist wirklich unheimlich zu Mute. Ich sehe mir die nächsten Bilder an. Aber bei keinem verspüre ich den Zauber von vorhin.

Sofia Marit Nessing, 11 Jahre